# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1864_S117 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Warum ein sogenannter Altlutheraner endlich in die unirte Kirche flüchtete. 117 vom strengen Confessionalismus, von lutherischer Ausschließlichkeit, hat sie es zuletzt zu einer ganzen Reihe von Heterodoxien gebracht, für die sie Bürgerrecht in der Kirche verlangt. Dazu muß sie die Grenzen derselben weiter stecken. Ich komme zur „Erlanger“ Richtung. Es sind gerade zehn Jahre ver⸗ flossen, seit „etliche Lehrer der Theologie und des Kirchenrechts“ wider das Bekenntniß des Berliner Kirchentags zur Augsburger Confession als gegen eine Entwerthung derselben protestirt haben. Heute würden die damals Ver⸗ bundenen keinen gemeinsamen Protest zu Stande bringen. Sie sind unter sich in großem Zwiespalt. Mejer gegen Baumgarten, Philippi und Thoma⸗ sius gegen Hofmann, Kahnis gegen sie alle zumal. Und sie sind alle luthe⸗ rische Theologen, und haben alle vom Lutherthum Profeß gemacht. Was be⸗ deutet der Gegensatz von „reformirt“ und „lutherisch“ oder gar von „unirt“ und „lutherisch“, den Differenzen gegenüber, die zwischen diesen Vertretern des Lutherthums bestehen! Ich habe wahrlich kein Interesse, etwa zu Gunsten einer Apologie der Union, die Gegensätze zu übertreiben. Philippi selbst schreibt gegen Hofmann: „Wenn die Voraussetzung der Schriftgemäßheit Hofmannscher Versöhnungs⸗ und Rechtfertigungslehre erwiesen wäre, würde ich augenblicklich aufgeben, nicht nur ein lutherischer Theolog, sondern auch ein Mitglied der christlichen Kirche zu sein; denn gerade um der lutherischen Versöhnungs⸗ und Rechtfertigungslehre willen bin ich lutherischer Theolog, lutherischer Christ, ja Christ überhaupt.“ Von Kahnis darf ich schweigen. Die Bewegung, welche seine Dogmatik hervorgerufen, ist noch im Fluß. Thomasius gilt für einen correcten Vertreter altlutherischer Rechtgläubigkeit. Aber seine kenosis (Selbstentäußerungslehre) droht die Gottheit Christi zu gefährden. — Mecklenburg ist ja wohl eine Burg des Lutherthums. Allein es ist Ströbel und Guericke nicht allzuschwer geworden, nachzuweisen, daß Klie⸗ foths Lehre vom „Gnadenmittel⸗Amt“ sich mit lutherischer Lehre nicht verträgt. Und ich meinerseits bin der Meinung, daß wer in der Kirche einen „Orga⸗ nismus von Befehlenden und Gehorchenden“ sieht, darauf verzichten sollte, für einen Vertreter altlutherischer Lehre zu gelten. — Mit großem Nachdruck haben die Lutheraner innerhalb der preußisch unirten Kirche ihr Lutherthum geltend gemacht. Aber mir ist auch nicht einer derselben bekannt, der nicht in einer wesentlichen Lehre vom Lutherthum abwiche. Ich erinnere nur an Wangemann, Euen, die Schlesier mit ihrer Anti⸗Alkohol⸗Schwärmerei. Kurz, wohin ich mich auch wandte, zur Löheschen Richtung oder zur Erlanger, nach Mecklenburg oder ins Lager der unirten Lutheraner, überall fand ich ein gebrochenes Lutherthum. Da habe ich mich denn oft gefragt: was ist denn lutherisch? Du verweisest mich zweifelsohne von den wissenschaftlichen Verhand⸗ lungen hinweg auf das praktische Gebiet der Kirche. Da ist nach Deiner und Vieler Meinung Entfaltung gesund lutherischen Lebens, und Einmüthig⸗ keit gegenüber der Zerfahrenheit gerade der unirten Kirche. Allein auch auf diesem Gebiet glaube ich dieselbe Unsicherheit wahrgenommen zu haben. Das Bewußtsein des Lutherthums in seiner Ausschließlichkeit sehe ich überall