# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1864_S116 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 116 Warum ein sogenannter Altlutheraner endlich in die unirte Kirche flüchtete. Ich habe zunächst diese Zersetzung des Lutherthums zu beweisen. Laß mich mit der Richtung beginnen, von der ich ausgegangen, mit der Löhe⸗ schen Richtung. Sie ist, um das Resultat meiner Beobachtungen gleich hier zu geben, aus einer streng confessionell⸗lutherischen Richtung eine Unions⸗ Richtung geworden. Es war im Verlauf der chiliastischen Streitigkeiten, daß Löhe es aussprach: Eine Kirche, die ihre Richtungen nicht tragen kann, zerbröckelt. Das ist ein treffliches Wort! Es erhellt aber, daß der frühere Löhe das nicht gesagt hätte. Seine Predigt „Vom Entgegenkommen“ u. s.w. hatte unter Lutheranern heftigen Widerspruch erregt. Man erklärte ihn für einen vom Lutherthum Abgefallenen und betonte das damnamus der Augs⸗ burger Confession dem Chiliasmus gegenüber. Dagegen setzte Löhe seine gleichfalls, und besonders von Münkel, heftig angefochtene Erklärung: Man muß die Symbole nicht dogmatisch, sondern historisch auslegen. Und wie er schon im Streit um die Amtsfrage die verschiedenen Anschauungen in derselben als verschiedene „Richtungen“ innerhalb der Kirche tolerirt wissen wollte, so sollte nun auch der Chiliasmus als „Richtung“ innerhalb der lutherischen Kirche geduldet sein. Die Synode von Jowa in Amerika, die Löhes Richtung vertritt, erklärt denn auch, mit den beiden gegnerischen Synoden von Missouri und Buffalo trotz der erklärten Differenz in den beiden Fragen Abendmahls⸗ d. h. Kirchengemeinschaft halten zu wollen. Missouri und Buffalo weigern sich dessen. Man muß meines Erachtens anerkennen, daß die beiden Synoden vom streng lutherischen Standpunkt aus nicht zu tadeln sind. Aber Jowa hat auf seinem weiteren Standpunkt mehr Recht. Diesen Standpunkt habe ich einen Unionsstandpunkt genannt. Ich weiß natürlich wohl, daß die Löhesche Richtung sich vor wie nach gegen die Reformirten und Unirten ausschließend verhält. Aber ich halte dies für eine Inconsequenz. Wer solche Gegensätze, wie sie im Streit um „das Amt“, im Chiliasmus und Anti⸗Chiliasmus offenbar geworden sind, innerhalb der Kirche hegen will, der muß auch die Reformirten und Unirten mit aufnehmen. Freilich behauptet Löhe, — und damit erklärt sich seine Ausschließlichkeit gegen die Reformirten — es handle sich hier um Fragen, die von der Reformation nicht zum Austrag gebracht worden sind. Dies muß ich verneinen. Der Löhe⸗ sche Amtsbegriff ist nach meiner Einsicht mit den lutherischen Principien nicht verträglich, auch von Luther mit vernichtender Klarheit reprobirt. Und der Chiliasmus ist vollends wider die lutherische Anschauung. Mag sein, wirst Du vielleicht einwenden, aber die Differenz in den beregten Lehren erreicht nicht entfernt die Bedeutung der Differenz⸗Lehren zwischen der lutherischen und reformirten Kirche. Aber ich verweise Dich auf eine weitere Differenz. Bekanntlich geht durch die lutherischen Kreise ziemlich allgemein die Klage, Löhe romanisire. Man weist auf Verschiedenes hin. Ich möchte sagen: Löhe katholisirt. Das alt⸗katholische Wesen findet in ihm einen glänzen⸗ den Vertreter. Seine ascetische Richtung, seine überaus große Betonung der Heiligung sind eine fremdartige Erscheinung in der lutherischen Kirche. — Welch eine Veränderung ist mit dieser Richtung vorgegangen! Ausgegangen