# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1864_S115 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Warum ein sogenannter Altlutheraner endlich in die unirte Kirche flüchtete. 115 vor der Union auf meinem Hort der reinen Lehre auferbaut, als er mir zu wanken anfing. Es begann ja nun in der lutherischen Kirche eine Reihe von Lehrkämpfen, die nicht enden zu können scheinen. Löhe war unter den vordersten Kämpfern. Da überzeugte mich denn zuvörderst die Thatsache, daß um die Lehre gestritten wurde, von der Unrichtigkeit eines meiner Axiome: die Kirche ist vollendet in der Lehre. Zudem verlangte im Kampfe um die Lehre vom Amte Löhe ausdrücklich eine, wenn auch nur leise, Correctur der lutherischen Bekenntnißschriften durch die Schrift, wie er denn auch die schmalkaldischen Artikel in dieser Frage bemängelte. Da wurde mir mein Hort zerbrochen: die lutherische Lehre die reine Lehre. Jetzt war ich zu der Erkenntniß fortgeschritten, daß lutherische Lehre und reine Lehre sich nicht decken, und die Missourier, welche gegen Löhe, der von einem Fortschritt in dieser Lehre redete, die absolute Congruenz der lutherischen und der reinen Lehre zähe festhielten, erschienen mir bornirt. In der Sache selbst stand ich damals fest zu dem Amtsbegriff Löhe's. Heute aber stehe ich anders. Ich habe mich hineingelebt in die gnesiolutherischen Principien und muß nun sagen: das königliche Priesterthum aller Gläubigen verträgt sich nicht mit „dem Amte“. Noch tiefer hinein zwangen mich die nun folgenden Streitfragen über die Kirche und ihr Regiment. Eine tiefe Confusion offenbarte dieser Streit. Die Leipziger lutherischen Conferenzen mußten seit 1853 unterbleiben, weil sich namentlich in dieser Frage die Lutheraner nicht mehr verstanden. Was wurde nicht Alles für lutherische Lehre ausgegeben! Und wie offenbarte sich in diesen, daß ich so sage, innerlutherischen Kämpfen die Zerfahrenheit der bisherigen lutherischen Partei! Hatte ich auch am Anfang Neigung, mit Kliefoth die Verschiedenheiten, die sich kundgaben, für „Bildungsgegensätze innerhalb der Partei“ zu halten, so wurde ich doch recht bald anderer Meinung. Als nun der Streit ins eigne Haus getragen wurde, als die Separation über diesen Fragen zerbarst, war bei allem tiefen Leid, das mir persönlich erwuchs, doch die Freude übermächtig in mir, der Satzungen und des Satzungswesens ledig geworden zu sein. Du selbst hast, mein theurer Freund, mich darauf aufmerksam gemacht, wie Alles in der Kirche, was Autorität besaß oder nach ihr schmachtete, sich beeilte, wider Diedrich Partei zu nehmen. Huschke und das Breslauer Oberkirchenkolleg mit ihrem jus divinum der Kirchenobrigkeit erfreuten sich mächtiger Bundesgenossen. Kliefoth und leider! auch Harleß sprangen eilend bei, das Regiment zu stärken. Und doch war in Diedrichs Lager das echte freie Lutherthum, und Döllinger hat alle Ursache, sich zu wun⸗ dern, wie gut römisch d. h. autoritätslüstern und autoritätsselig das moderne Lutherthum geworden ist. Ich bin nicht mit Diedrich gegangen. Sein Weg hieß mir Separation ohne Ende, und ich war je länger je mehr ökume⸗ nisch geworden. Dazu haben mich aber nicht allein meine zehn Jahre in der preußischen Separation gemacht, sondern vielmehr noch die Wahrnehmung, wie sehr allenthalben das Lutherthum sich zersetzte. Konnten doch die Mis⸗ sourier mit Recht klagen, es gebe in Deutschland keine Universität mehr, auf der die „reine Lehre“ in ungebrochener Geltung wäre.