# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1864_S114 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 114 Warum ein sogenannter Altlutheraner endlich in die unirte Kirche flüchtete. und Du selber nennst mich so. Sei's d'rum! Mein Bewußtsein sagt mir, daß ich nicht vom Lutherthum abgefallen, sondern nun erst ein rechter Luthe⸗ raner geworden bin. Ein hübsches Paradoxon, nicht wahr? Und doch ist das meine innigste Ueberzeugung. Ich habe nicht das Lutherthum aufgegeben, sondern nur seine Carricatur. Vom Zerrbild habe ich mich zur genuinen Gestalt gewendet. Das ist meine „Conversion“. Du siehst, ich bin mir auch bewußt! Mein theurer Freund! diese Erkenntniß ist mir nicht mühe⸗ los in den Schooß gefallen. Sie ist vielmehr die Frucht langen Kampfes. Ich kann mir ja doch wohl vorstellen, wie Du und die Freunde in der alten Heimath, die unsern Kämpfen nur von ferne zugesehen, sich in das Resultat, das sie mir brachten, nicht finden können. Wohl! sagt Ihr, daß Du den Separirten den Rücken kehrst, das verstehen wir. Aber Du hättest in eine lutherische Landeskirche eintreten sollen. Wohlgesagt, ihr lieben Freunde! Aber mir war in diesen Kämpfen gerade die Wahrheit der Union leuchtend aufgegangen. Nun hielt ich's für meine Pflicht, mich zu ihr zu bekennen. Ich habe lange widerstrebt. Nach meinem Bruch mit der Separation habe ich nahezu anderthalb Jahre auf mir selbst gestanden — ein Separatist mit ökumenischem Herzen. Ich, der ich schon vor dem Namen Union eine Art Grauen hatte, und ein Jahrzehnt meines Lebens im Kampfe wider sie verzehrt, sollte nun selbst zu ihr treten. Es schien mir unmöglich. Aber endlich habe ich doch volle Freudigkeit bekommen. Weißt Du, wo? Eine lutherische Versammlung hat mir dazu verholfen. Da ist mir sonnenklar geworden: ich habe einen andern Geist, als sie. Doch ist es Zeit, daß ich mich zu meiner Aufgabe wende. Ich soll Dir zeigen, wie ich dazu gekommen, oder vielmehr: wie ich mit meinem Luther⸗ thum meinen Eintritt in die Union vereinigen konnte. Denn darüber ver⸗ wundert Ihr Euch, daß ich, den Ihr immer als einen übereifrigen Luthe⸗ raner gekannt habt, nun auf einmal in das Gegentheil umgesprungen bin. So stellt sich Eurem Blick die Sache dar. Und wenn ich Euch versichere, mein Zutritt zur Union sei nur die reife Frucht meiner innern und äußern Führungen, so soll ich Euch eben in den Stand setzen, dies verstehen zu können. Laß mich dazu zunächst mit einem Blick auf unsere Universitätszeit zurück⸗ schauen. Wie war da das kirchliche Leben erregt! Die Frage um Union und Confession bewegte damals aller Herzen, die für die Kirche schlugen. Die Ansätze zur Union in Bayern: an vielen Orten gemischte Abendmahls⸗ gemeinschaft und die Theilnahme der wenigen reformirten Gemeinden an der Generalsynode, drohten die Landeskirche zu sprengen. Du weißt, wie sehr ich mich an diesen Kämpfen betheiligte. Ich stand auf Löhe's Seite. „Einheit und Reinheit der Lehre“ war unser Schiboleth. Die lutherische Lehre galt uns als die reine, die abweichenden Lehren der andern Kirchen für unrein. Die Union schien uns, mit Rudelbach zu reden, eine Verkoppe⸗ lung von Licht und Finsterniß. So schloß ich mich denn nach abgelaufener Universitätszeit der separirten lutherischen Kirche in Preußen an. Der Union war ich so entflohen. Aber wunderbar! Kaum hatte ich mich nach der Flucht