# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1864_S113 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 113 Warum ein sogenannter Altlutheraner endlich in die unirte Kirche flüchtete. Dieses ersehen wir aus einem Briefe eines gewesenen preußischen s. g. Altlutheraners an einen baierischen Pfarrer, den der hiesige Kirchenfreund, wir wissen nicht, aus welcher Quelle, in seiner März⸗Nummer mittheilt. Es ist dieser Brief ein merkwürdiges Actenstück. Er enthält viel Wahres und Warnendes. Er zeigt es an einem concreten Falle, wie wahr es war, was wir immer behauptet haben, daß die meisten s. g. Altlutheraner Deutsch⸗ lands bei allem ihrem, fast alles Andere verschlingenden Eifer gegen die Union doch selbst unionistischen Principien huldigen, von dem Strome, gegen den sie zu kämpfen meinen, unwiderstehlich mit fortgerissen werden und denjenigen unter ihnen, welchen über dieses Verhältniß und doch nicht über die Wahrheit die Augen endlich aufgehen, selbst den Rückweg zur verlassenen Union öffnen. Dieser Brief documentirt es aber auch, auf welchem gebrechlichen Grunde der Glaube vieler gegen die Union sich ereifernder Lutheraner ruhe. Unser „Alt⸗ lutheraner“ macht endlich ausfindig, daß seine altlutherische Gemeinschaft bei ihrer Connivenz gegen die bunteste Lehrverschiedenheit in ihrer eigenen Mitte und noch mehr die s. g. lutherischen Landeskirchen bei ihrem völligen Mangel an Zucht in Lehre, Praxis und Leben ihrer Lehrer und Zuhörer im Grunde unirt seien und daß ihnen dazu nichts, als der Name, fehle. Und was thut der liebe Mann nach dieser traurigen Entdeckung? Macht er's, wie Bischof Liberius, der, als alles arianisch geworden war, auf die Frage des Kai⸗ sers Constantius: „Der wievielste Theil des Erdkreises bist du, der du es allein mit dem gottlosen Menschen, Athanasius, hältst und den Frieden der ganzen Welt störest?“ — antwortete: „Daß ich allein stehe, das benimmt dem Worte des Glaubens nichts, denn auch einstmals fanden sich nur drei, die sich dem königlichen Befehle widersetzten“? — Weit entfernt, also zu denken und zu handeln, so macht unser bisheriger eifriger „Altlutheraner“ vielmehr den Schluß: Da ich sehe, daß die altlutherische Gemeinschaft, in die ich einst Gewissenshalber aus der Union flüchtete, beim Lichte besehen, selbst auf unio⸗ nistischer Grundlage steht, so gehe ich wieder dahin, woher ich gekommen bin, denn da hat man wenigstens mehr Ruhe. Doch hier ist der Brief. * * * Du hältst es, mein theurer Freund, für wünschenswerth, daß ich Dir ausführlicher darlege, wie ich zur unirten Kirche gekommen bin. Du kannst Dich nicht in meinen Schritt finden, und die lieben Freunde, an deren Urtheil mir liegt, schütteln auch den Kopf. Es geht bei Euch, wie hier zu Lande. Ich werde von allen Seiten verurtheilt. Haben sich doch meine, jetzt wie ehemals, von mir geliebten Amtsbrüder in der Separation, die vor kurzem in Berlin zu einer Conferenz versammelt waren, von meinem „tiefen Fall“ erzählt. Es kommt mir aber hüben wie drüben nicht unerwartet. „Convertiten“, sagt Hase, „lieben wir nicht, auch wenn sie zu uns kommen.“ Ich meine nun aller⸗ dings in keiner Weise ein solcher zu sein, allein ich werde einmal dafür gehalten,