# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 01 25_S42 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 42 mehrere Fürsten und andere hohe Standespersonen aufsuchten. Schon am andern Tage, Nachmittags 4 Uhr, ward er durch das dichteste Gedränge des Volkes auf den Straßen, das, um den Mönch zu sehen, selbst Dächer bestiegen, und durch Häuser und Gärten von dem Reichsmarschall geführt, und als er eben in den Rathhaussaal eintreten wollte, klopfte ihm ein alter General, Georg von Frundsberg, mit den Worten auf die Schulter: „Mönchlein, Mönchlein! du gehest itzt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberster auch in unserer allerernstesten Schlachtordnung nicht gethan habe; bist du auf rechter Meinung, und deiner Sache gewiß, so fahre nur in Gottes Namen fort und sei nur getrost, Gott wird dich nicht verlassen.“ Die Thüre wurde aufgethan, und Luther stand vor Kaiser und Reich. Außer dem Kaiser auf seinem Throne waren zugegen dessen Bruder, der Erzherzog Ferdinand, 6 Churfürsten, 24 Herzöge, 8 Markgrafen, 36 Bischöfe, ein päbstlicher und 5 königliche Gesandte und noch über 200 Männer von hohem Range; im Vorzimmer aber und an den Fenstern gegen 5000 Menschen. Die erste Frage, welche an L. gerichtet wurde, war, ob er die Bücher, welche nacheinander auf einer Bank lagen, für die seinigen erkenne, und ob er das, was er darin geschrieben, widerrufen wolle. Nachdem ihm die Titel der Bücher waren vorgelesen worden, bejahte er die erste Frage; hinsichtlich der so wichtigen zweiten aber, die den Glauben und die Seligkeit betreffe, bat er sich noch einmal Bedenkzeit aus. Diese gewährte man ihm, und er wurde am folgenden Tage wieder in die Reichsversammlung beschieden, wo er auf die Frage, ob er seine Bücher allzumal vertheidigen oder etwas widerrufen wolle, sittig und bescheiden, doch mit großer christlicher Freudigkeit eine Erklärung von dem verschiedenen Inhalte, aber einigem Hauptzwecke seiner Bücher gab, welcher letzterer das Zeugniß aus dem lauteren Worte Gottes sei. „Doch — fuhr er fort —, weil ich ein Mensch bin und nicht Gott, kann ich meinen Büchlein nicht anders helfen, noch sie vertheidigen, denn mein HErr und Heiland seiner Lehre gethan hat, welcher .. sprach: Hab ich übel geredet, so beweise es, daß es böse sei. Hat nun der HErr, welcher wußte, daß er nicht konnte irren, sich nicht geweigert, Zeugniß wider seine Lehre zu hören, auch von einem geringen schnöden Knecht, wie vielmehr ich, der Erd und Asche ist, und leichtlich irren kann, soll begehren und warten, ob jemand Zeugniß wider meine Lehre geben wolle. Darum bitte ich durch die Barmherzigkeit Gottes, Ew. Kais. Maj., Chur- und Fürstl. Gnaden, oder wer es thun kann, er sei hohes oder niedriges Stands, wolle Zeugniß geben, mich mit prophetischen und apostolischen Schriften überweisen, daß ich geirrt habe; so ich deß überzeugt werde, will ich ganz willig und bereit sein, allen Irrthum zu widerrufen, und der erste sein, der meine Büchlein in's Feuer werfen will. Aus diesem halt ich, erscheine klärlich und öffentlich, daß ich genugsam bedacht und erwogen habe die Noth und Gefahr, das Wesen und die Zwietracht, so durch Verursachung meiner Lehre soll erwecket sein, daran ich gestern hart und stark bin erinnert worden. Mir zwar ist es wahrlich die allergrößte Lust und Frende, zu sehen, daß um Gottes Wort willen Zwietracht und Uneinigkeit entsteht, denn dies ist Gottes Wortes Art, Lauf und Glück. Derohalben ist wohl zu bedenken, wie wunderbar Gott in seinen Räthen und Gerichten ist, damit nicht vielleicht das, so die Uneinigkeit und Zwietracht hinzulegen fürgewandt wird, aus Vertrauen unserer Macht und Weisheit, so wir's anfingen mit Verfolgung und Lästerung des Wortes Gottes, gerathe zu einer schrecklichen Sündfluth unüberwindlicher Gefahr. Zudem ist zu besorgen, ob nicht dieses allerlöblichsten und gütigsten Jünglings, Kaiser Carls Regierung .. nicht allein einen bösen unseligen Anfang*), sondern auch Mittel und Ende gewinnen möchte. — Denn Gott ist's, der die Witzigen in ihrem Witz und Klugheit ergreift und kehret die Berge um, ehe sie es inne werden. Darum ist's vonnöthen, daß man Gott fürchte.“ — Dieses und mehreres Andere hatte Luther deutsch, nicht schreiend, sondern überaus bescheiden, aber mit großer Freudigkeit geredet, und ganz erschöpft endete er nach einer zwei Stunden langen Rede. Der Kaiser jedoch verstand die deutsche Sprache weder recht, noch mochte er sie leiden; daher forderte er nun von Luther die Wiederholung der Rede lateinisch. „Aber — so erzählt er selbst — ich schwitzete so sehr, und war mir des Getümmels halber sehr heiß und daß ich gar unter den Fürsten stunde. Da sagte Herr Friedrich von Thunau: Könnet ihr es nicht thun, so ist's genung, Herr Doctor. Aber ich wiederholte alle meine Worte lateinisch.“ — Doch nun wurde eine kurze runde Antwort verlangt, ob er widerrufen wolle oder nicht; da sprach Luther: „Weil denn Kaiserl. Maj., Chur- und Fürstl. Gnaden eine schlechte, einfältige, richtige Antwort begehren, so will ich die geben, so weder Hörner noch Zähne haben soll, nehmlich also: es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der h. Schrift, oder mit öffentlichen, klaren und hellen Gründen und Ursachen überwunden und überwiesen werde (denn ich glaube weder dem Pabste noch den Concilien alleine nicht, weil es am Tage und offenbar ist, daß sie oft geirrt haben, und ihnen selbst widersprechend gewesen sind), und ich also mit den Sprüchen, so von mir angezogen und angeführt sind, überzeugt und mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, so kann und will ich nichts widerrufen, weil weder sicher noch gerathen ist, etwas wider das Gewissen zu thun. Hie steh ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen.“ Groß war der Eindruck, welchen diese kraft- und glaubensvolle Rede auf alle die Anwesenden machte, doch sehr verschiedener Art. Die papistisch Gesinnten waren ergrimmt, daß Luthern so große Freiheit, sich ausführlich zu verantworten, war gestattet worden. Diese drangen in den Kaiser, das Luthern versprochene Geleit zu seinem Rückwege nicht angedeihen zu lassen, sondern ihn ohne Weiteres als einen hartnäckigen Ketzer beiseite zu schaffen; man erinnerte, daß dem Ketzer Huß das versprochene Geleit nicht gehalten, sondern daß er verdammt und verbrannt worden wäre. Diesen blutigen Rath gaben besonders der päbstliche Gesandte Caraccioli, der Churfürst Joachim I. von Brandenburg und des Kaisers spanische und italienische Räthe. Bei diesen Verhandlungen kam es unter den großen Herrn mehrmals fast bis zu blutigen Auftritten, denn andere, besonders der Churfürst von Sachsen und Pfalzgraf am Rhein, nahmen sich nun Luthers auf alle Weise an. Mit Wohlgefallen hatte der Churfürst Luthern in der Versammlung zugehört; er sagte daher noch an demselben Abende zu Spalatin mit großer Freude: „O, wie wohl hat sich Martinus bewiesen! und was für eine schöne, sowohl deutsche als lateinische Rede hat er vor dem Kaiser und allen Ständen abgelegt!“ Der alte Herzog Erich von Braunschweig schickte Luthern eine silberne Kanne mit Eimbecker Bier in seine Herberge, damit er sich erquicke nach diesem heißen Tage. L. antwortete: „Wie heute Herzog Erich meiner gedachte, also denke seiner unser HErr Christus in seinem letzten Kampf.“ (Der Herzog gedachte dieses Wortes noch in seiner letzten Stunde.) Des Kaisers Bescheid war: „Was man gesagt, das soll man halten, und wenn nirgends in der Welt Treue zu finden wäre, so soll man sie doch bei dem deutschen Kaiser finden;“ er hob daher das Geleit durchaus nicht auf; ja dieses Geleit wurde noch verlängert, damit die Fürsten Zeit gewännen, Luthern, wenn sie es noch in ihrem Namen versuchen wollten, noch zu einem Widerrufe zu bewegen. Alle Mühe war vergeblich, Luther verwies auf die Worte Gamaliels: „Ist der Rath oder das Werk aus den Menschen, so wird es untergehen; ist es aber aus Gott, so könnet ihr es nicht dämpfen.“ Apost. 5, 38. 39. *) 1519 war nehmlich, nachdem Friedrich der Weise die Kaiserkrone ausgeschlagen hatte, der junge König von Spanien, Carl V. zum Kaiser erwählt worden. So ward denn Luthern der Abschied bewilligt: „Da er, so vieler Vermahnungen ungeachtet, sich zur Einigkeit der Kirche nicht begeben wolle, so müßte sich S. Kais. Maj. als einen Advocaten des katholischen Glaubens halten, befehle ihm demnach, innerhalb 21 Tagen sich in seinen Gewahrsam unter sicherem Geleit zu begeben und unterwegs weder mit Predigen noch Schreiben das Volk zu erregen.“ L. entgegnete: „Wie es dem HErrn gefallen, also ists geschehen, der Name des HErrn sei gebenedeiet.“ Er dankte nun dem Kaiser und den Ständen aufs demüthigste und erklärte dabei nochmals, er habe nichts anderes begehrt, „als daß eine Reformation aus h. Schrift, darum er so fleißig gebeten, fürgenommen und angestellt würde .. sonst wolle er um Kais. Maj. und Reichs willen gern alles thun und leiden: Leben und Tod, Ehre und Schande, und ihm gar nichts fürbehalten, denn allein das einzige Wort Gottes, dasselbige frei zu bekennen und zu bezeugen.“ So reiste er am 26. April 1521 wieder unter Vorritt des Kaiserlichen Herolds von Worms ab. „Die evangelische Kirche in Nordamerika.“ Unter dieser Aufschrift findet sich im „Theophilus“, einer in Zanesville in Ohio erscheinenden religiösen Zeitschrift (in der 11ten Num-