# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S174 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) quiſitor meine Streitigkeiten nur eben Bedenken genennt habe? Nie werde in ungewiſſen Sa⸗ chen ein Eid gefordert; wie könne ich überführt werden, dieſes oder jenes geglaubt zu haben, da Gott allein der Herzenskündiger ſei? Erzürnt fährt der Inquiſitor heraus: „So fürchteſt du dich alſo den Eid zu leiſten; ich ſehe, daß du noch ganz mit der ketzeriſchen Peſt behaftet biſt.“ Hier— auf muß ich abtreten und vor der Thüre warten. Als ich wieder gerufen worden war, ſagt mir der Inquiſitor: „Wenn du alſo glaubſt, es komme dem Allerhöchſten zu, einen Eid bier abzulegen: ſo erläßt dir die Inquiſition, von Nachſicht ge⸗ leitet, den Eid; doch verlangt ſie, daß du ohne weitere Zögerung aufrichtig folgende drei Stücke verſprichſt: Erſtens, daß du der heiligen Römi⸗ ſchen Kirche und inſonderheit deren Obern voll⸗ kommenen Gehorſam leiſten und die übrige Zeit deines Lebens in Rom bleiben wolleſt, ohne ein Verlangen, in dein Vaterland oder an einen an⸗ dern Platz abzugehen; Zweitens, daß du von den Streitigkeiten, welche dir durch das Leſen dieſer Bücher bekannt geworden ſind, weder bei Gelehr⸗ ten noch bei Ungelehrten, weder bei Weltlichen noch bei Geiſtlichen, noch bei irgend einem Men⸗ ſchen die allergeringſte Erwähnung thun wolleſt; Drittens, daß du von dem ganzen bereits vorge— nommenen und noch vorzunehmenden Inquiſi⸗ tionsproceſſe ganz und gar nichts offenbaren wol⸗ leſt. Wenn du Eins von dieſen übertrittſt, ſo ſollſt du wiſſen, daß du denſelben und noch grauſame⸗ ren Strafen der Inquiſition verfallen wirſt.“ Dieſes habe ich, jedoch ohne Eid, verſprochen. Darauf ging der ganze Rath in den nächſten Saal, der Cardinal nahm den Platz zur rechten und die Aſſeſſoren zur Linken ein. Der Inqui⸗ ſitor, mit einer Stola bekleidet, ſetzte ſich auf einen prachwvollen Stuhl. Auf dem Altare, der zu dieſem Zweck aufgerichtet worden war, werden zwei Lichter angezündet. Und ich, angethan mit dem Anzuge eines Opferprieſters, werde angewie⸗ ſen, vor dem Inquiſitor auf die Kniee zu fallen. Da aber meine erſchöpften Kräfte dieſes nicht zu— ließen, ſo werden zwei Kiſſen hingelegt und ich werde von zwei Laienbrüdern der Dominicaner unter den Armen gehalten. Der Inquiſitor ab⸗ ſolvirt mich von jedem Banne, dem größeren und kleineren, von der Aufhebung, dem Interdicte und andern kirchlichen Strafen und übergiebt mir die frühere Gewalt. Nach empfangener Abſolution hoffte ich auch von den Qualen der Inquiſition befreit zu werden; aber der Inquiſitor befiehlt dem Notar, mir den letzten Beſchluß der Inqui— ſition anzuzeigen, welcher ſodann ſtehend mir Fol⸗ gendes vorlieſ't: „Da das heilige Amt bemerkt, daß deine Krankheit von Tag zu Tag zunimmt, ſo hat es aus großer Gnade es genehmiget, daß die Aerzte und Chirurgen dich beſuchen und an dir die nöthigen Curen und Medicamente anwen⸗ den; unterdeſſen wirſt du jedoch wegen des Ver⸗ dachtes der Ketzerei noch ein halbes Jahr unter der Aufſicht der Inquiſition ein Gefangener blei⸗ ben, doch ſollſt du in bequemeren Gefängniſſen verwahret und mit beſſerer Nahrung verſorgt wer⸗ den.“ Es wurde mir alſo ein anderes Gefäng⸗ 17⁴ niß angewieſen. Die Aerzte fangen ihre Cur mit mir an, welche ſo ſchmerzhaft war, daß niemand, der ſie nicht mit ſeinen Augen geſehen hat, es ſich vorſtellen kann. Sieben Knöchelchen wurden mir aus dem Hirnſchädel, der wegen des früheren all⸗ zufeuchten Gefängniſſes ſchon zu faulen anfing, herausgenommen. Noch ſind die Narben zu ſehen. Die körperlichen Schmerzen dieſer letzten Gefan— genſchaft waren jedoch nicht ſo ſchrecklich. Aber mein Gewiſſen hatte ſchwere Kämpfe zu beſtehen. Es wurden mir Reden aufgegeben in lateiniſcher Sprache auszuarbeiten über die verkehrteſten Ar⸗ tikel des Pabſtthums, nemlich über das Anſehen und die Unfehlbarkeit der römiſchen Kirche, über die Amtsfolge der Päbſte, über die Anrufung und Canoniſalion (Heiligſprechung) der Heiligen u. ſ. w. Als auch dieſe Tyrannei ausgeſtanden war, verſammelt ſich der Rath der Inquiſition aufs neue. Der Inquiſitor macht mir den letzten in⸗ quiſitoriſchen Beſchluß bekannt und verſpricht mir die Freiheit, wenn ich dieſe zwei Punkte mit einem Eide verſprechen würde: daß ich die ganze Zeit meines Lebens in Rom bleiben und von dem In quiſitionsproceſſe und den mir bekannten Streitigkeiten nie etwas offenbaren wolle. Wenn ich aber dieſen Eid nicht thun wolle, ſo werde ich zu ewigem Gefängniſſe verurtheilt werden müſſen. Die Furcht vor einem ſolchen Gefängniſſe er— ſchreckte mich und brachte mich dahin, den gefor— derten Eid zu leiſten. Darauf werde ich dem Prä— laten von S. Maria de pace übergeben, den ich als meinen wahren Vorgeſetzten zu verehren und in deſſen Collegium ich mein Leben zuzubringen habe. Ich habe ein und ein halbes Jahr nach der Inquiſition dieſes Collegium bewohnt. Dieſe Zeit war mir beſonders günſtig, die gottloſeſten römiſchen Kniffe, mit welchen die Unerfahrnen geködert werden, kennen zu lernen. Ich war eifrig, den Unterredungen der vorzüglichſten Doctoren und Cardinäle beizuwohnen („deren Gottesleugnung und Ränke ich in kurzem zugleich mit einer aus⸗ führlicheren Beſchreibung des Urhebers und Fort— pflanzers der Inquiſition“ durch den Druck ver— öffentlichen werde). Ich hatte nun wieder Meſſe zu leſen, Beichte zu hören u. ſ. w. wovor ſich das überführte Gewiſſen gar ſehr ſträubte, daß ich öfters lieber den Tod, als dieſes elende Leben würde erwählt haben. Die beſtändigen Gewiſſens⸗ biſſe ſchienen mir unerträglicher, als ſelbſt die In— quiſition zu ſein. In dieſem allerſchwerſten Ge⸗ wiſſensdrucke überwand ich endlich die Furcht vor den Qualen der Inquiſition, die bisher meinen Ausgang aus Babel aufgehalten hatte. Als da⸗ her während der täglichen und nächtlichen Gebete von 40 Stunden, die in der Kirche verrichtet wer⸗ den, welcher Dienſt bei uns in großem Anſehen ſtand, ſich eine Gelegenheit darbot, ſo verſäume ich dieſelbe nicht, ſondern, nachdem ich Gott fle— hentlichſt angerufen hatte, ſuche ich mitten in der Nacht einen heimlichen Ausgang aus der Kirche. Der Verſuch gelingt. Mit ſchnellen Schritten gehe ich durch die Stadt. Komme in die Nähe der Kirche S. Mariae Majoris. Verwende die übrigen Stunden der Nacht auf die Reiſe. Mit Tagesanbruch verberge ich mich in das Dicicht des Waldes. Laufe durch unwegſame Gebirge und genieße vier Tage lang nicht einen Biſſen Brods. Am fünften Tage, da mich der Hunger peinigt, gehe ich in ein einſames Bauernhaus. Kaufe für mein weniges Geld Brod, Wein und Eier. Und etwas erquickt, ſpreche ich mit dem Bauer über die naheliegenden Orte. Unter an⸗ dern nennt er mir eine alte Stadt, gemeiniglich Cittavecchia genannt. Ich erkundige mich nach dem richtigen Wege dahin, komme an, verberge mich in einem Garten und warte die Abendſtunden ab. Da die Thore bald zuzuſchließen waren, gehe ich durch die Stadt nach dem Hafen zu, frage nach einem Schiff, das nach Livorno oder Genua fahre. Das Glück lächelt. Es werden mir zwei Schiffe gezeigt, die noch in dieſer Nacht auslaufen ſollen. Ich gehe auf das erſte, und bitte den Schiffsherrn, daß er mich als einen armen Geiſt⸗ lichen mit nach Livorno nehme. Er achtet auf meine Bitte und verſpricht eine freie Fahrt. In der zweiten Stunde in der Nacht geht das Schiff unter Segel, und die Winde waren ſo günſtig, daß wir am dritten Tage den Hafen von Livorno erreichen. Hier vertauſche ich bei einem Juden meine prieſterlichen Kleider, erlange eine Schiffs⸗ gelegenheit nach Genua, gehe von da zu Fuße nach Tortona, Pavia, Mailand, Como und über die höchſten Berge in die Schweiz und in eine be rühmte Reichsſtadt, wo ich mit Hülfsmitteln und Empfehlungen verſehen werde. Endlich komme ich nach Jena und in dieſer berühmten Univer⸗ ſität, wo die Blüthen der evangeliſchen Wahrheit vor andern prangen, habe ich beſchloſſen, dem HErrn, der mich zurückgerufen hat, meine Ge⸗ lübde zu bezahlen, zu meinem und vieler irrenden Seelen Heile, vornehmlich aber zum Ruhme und zur Ehre Gottes, des Allerhöchſten, welchem ſei Lob und Preis in alle Ewigkeit. Amen. B. Neueſtes von Oregon. Die lieben Leſer unſeres Blattes, welche mit uns auf Oregon als das nächſte Ziel unſerer Miſſion blicken, werden gewiß mit Intereſſe die folgenden, wenn gleich betrübenden, Nachrichten von jenem Lande hören. Wir entnehmen dieſelben dem „Republican“ von St. Louis, welcher unter dem 18. Mai den Bericht des Herrn Joſeph L. Meek mittheilt, der daſelbſt Tags zuvor von Ore— gon eingetroffen war. Es war am 29. November vorigen Jahres, als die Cayuse Indianer die Miſſionsſtation zu Wacilalpu überfielen, den Dr. Whitman nebſt dreizehn Perſohnen tödteten, Mehrere verwundeten und die Uebrigen in Gefangenſchaft führten. Die Veranlaſſung zu dieſem ſchrecklichen Blutbade war folgende: Unter den Cayuse Indianern wüthe⸗ ten mehrere anſteckende Krankheiten, an welchen viele ſtarben, beſonders in und um Wacilalpu, dem Wohnſitze des Doctors, welcher unabläſſig bemüht war, den Kranken ärztliche Hülfe zu brin⸗ gen und ihre Leiden zu lindern. Da faßten die armen, blinden Leute den Verdacht, in welchem ſie unglücklicher Weiſe durch mehrere Umſtände be⸗