# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S173 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Den zweiten Tag darnach ging's auf die Reiſe nach Rom unter Begleitung des Decans und zweier Diener. So wurde ich von meinem Col⸗ legio zu Wagen nach Venedig, von Venedig zu Schiffe nach Ancona, von Ancona wieder zu Lande nach Rom geführt, wo der Decan das be⸗ rühmte Collegium 8S. Mariae de pace zur Her⸗ berge erwählte. In demſelben blieben wir zwei Tage. Am andern Tage gegen Abend werde ich und der Prälat von dem Decan dieſes Collegii eingeladen, mit ſpazieren zu fahren. Wir kom⸗ men in einen großen Palaſt. Ich folge dem Prä⸗ laten und meinem Decan, die zwei Treppen hin⸗ aufſteigen. Hier erſcheinen vier Dominicaner⸗ Mönche, welche die zwei Prälaten ehrerbietig grüßen und in das Zimmer führen. Als auch ich folgen wollte, wird mir von einem der Domi⸗ nicaner befohlen, vor der Thüre zu warten. Der⸗ ſelbe bleibt auch bei mir. Kaum ſind die andern in das Zimmer eingetreten, ſo kommen vier be⸗ waffnete Lictoren herauf und ſtellen ſich vor die Treppe. Ich, über den Anblick derſelben ver⸗ wundert, rede dreimal den neben mir ſtehenden Mönch an, aber er würdigt mich keiner Antwort. Eine halbe Stunde darauf wurde ich in das Zimmer gerufen. Hier redet mich der Inquiſitor mit ſehr ſtolzen Worten an: „Du ſollſt wiſſen, dah dieſer Ort das Amt der heiligen Inquiſition iſt; warum du hierhergeführt worden biſt, wirſt du dir ſelbſt einbilden können; eben wegen dieſer Urſachen biſt du nun einzukerkern, bis auf den weiteren Prozeß, der mit dir von der Inquiſition veranſtaltet werden muß; mit dieſem Pater gehe an den dir zugewieſenen Ort.“ Der Pater war der Aufſeher über die Gefängniſſe, eben derſelbe, welcher mit mir vor der Thüre blieb. Auf tau⸗ ſend Entſchuldigungen und Lamentationen, die ich vorbringe, antwortet mir der Inquiſitor: „Hier iſt nichts zu entſchuldigen und zu lamen⸗ tiren, hier iſt ohne weiteres zu gehorchen.“ Da ich aber fortfahre, die Urſachen meiner Gefangen⸗ ſchaft zu fordern, und meinem Decan mehreres vorwerfe, ſo fällt der Inquiſitor ein: „Haſt du nicht jene Lictoren geſehen? Wirſt du nicht wil— lig dem Aufſeher der Gefängniſſe folgen, ſo wer⸗ den dieſe dir den Weg zeigen.“ Die Hoffnung, Verzeihung und Barmherzigkeit zu erlangen, war verſchwunden. Ich folge dem Gefängnißaufſeher. Wir gehen durch einen dunkeln Gang, darnach zwei Treppen hinunter, und ich werde in einem unterirdiſchen, ſehr engen und feuchten Gefäng⸗ niſſe, das acht Fuß unter der Erde und von ge⸗ hauenen Steinen gebaut war, eingeſchloſſen. „Dieſen jammervollen Ort habe ich ein und ein halbes Jahr bewohnt, ehe ich zum erſten Mal vor das Inquiſitionsgericht gerufen wurde. In dieſer Zeit ſah ich kein Tageslicht, keinem Men⸗ ſchen war der Zugang zu mir offen, außer den geiſtlichen Vätern, welche die Beſucher der Ge⸗ fangenen genennt werden. Dieſe kamen jeden Montag zu mir und ermahnten mich zum treuen Gehorſam gegen die römiſche Kirche und zur Veiwerfung der Ketzereien. Alle vierzehn Tage am Freitage wurde ich zur Bußübung bis aufs Blut geſchlagen. In der ganzen Zeit des Ge⸗ 173 fängniſſes habe ich bei offenen Wunden und Beu⸗ len das ſchmerzvollſte Leben geführt. Das Ge⸗ fängniß war ſehr feucht, daher fing ich an, am ganzen Körper aufzuſchwellen; ja ſo groß war meine Noth, daß ich die Hände nicht mehr zum Munde bringen konnte, und doch wurde ich von den grauſamen Büßungen nicht verſchont. Da ich nun keine Hoffnung hatte, daß ich leben blei⸗ ben könnte, ſo bat ich den Aufſeher der Gefäng⸗ niſſe und die geiſtlichen Väter, daß ſie in meinem Namen den Inquiſitor anflehen ſollten, daß er durch irgend ein Todesurtheil dieſer Qual ein Ende mache, denn ich wünſchte aufgelöſet und bei Chriſto zu ſein. Als der Inquiſitor dieſe meine Erklärung erfahren hatte, ſo kommen zwei Notare und ſagen mir an, daß es dem Inquiſitor ange⸗ zeigt worden ſei, daß ich mich des Todes ſchuldig bekannt habe, und fragen, ob ich bereit wäre, die⸗ ſes dem Inquiſitor ſelbſt zu ſagen. Ich erwidere, daß ich nur bedingungsweiſe für dieſe Qualen den Tod gefordert habe. Darauf erklären ſie mir mit verſchiedenen gottloſen Gründen, daß ich den Inquiſitor nicht ſehen könne, wenn ich nicht etwas Beſonderes vorbringen wollte. Endlich verſpreche ich, ein Bekenntniß thun zu wollen. Alſo nach Verlauf von anderthalb Jahren darf ich das erſte Mal vor dem Inquiſitionsgerichte erſcheinen. Der Cardinal Colloredo, als Präſes der Inquiſition und als oberſter Pönitentiarius des Pabſtes, hatte den erſten Platz. Zu deſſen Rechten ſaß der Inquiſitor und zur Linken der Abt Melchior, der Inquiſitions⸗Vicar. Es waren auch vier Aſſeſſoren und zwei Notare zugegen, welche jedes Wort zu Papiere brachten. Der In⸗ quiſitor redete mich halbtodten Menſchen an und ſprach: „Was machſt du hier?“ Ich ſtarrte den Fragenden an und war zweifelhaft, was ich ant⸗ worten ſollte; aber jener wiederholte die Worte: „Was machſt du hier?“ Endlich fange ich an: wenn ſie nicht wüßten, was ich hier machte, wa⸗ rum würfen ſie mich in das Gefängniß und pei⸗ nigten mich alſo? Aber jener brachte zum drit⸗ ten Male die Frage: „Ich frage dich, was machſt du hier?“ Da ich hierauf vor den Thränen, die mir aus den Augen ſtürzen, und vor Angſt mei⸗ nes Herzens keine Worte herausbringen kann, ſo wird dem Aufſeher der Gefängniſſe befohlen, den meinetwegen ihm gegebenen Befehl zu vollführen. Ich werde darauf auf einen weiten Hof geführt, der mit ſehr hohen Mauern umgeben und an der Tiber gelegen war, und werde unterrichtet, daß dieſes der Ort der Gerechtigkeit ſei, auf welchem die harnäckigen Ketzer entweder durch Feuer oder Schwert dem Tode übergeben würden. In der Mitte des Hofes war ein Haufen Aſche. Beim Anblick desſelben wird mir erzählt, daß vor ſieben Wochen ein Franziskanermönch, ein Mann von 70 Jahren, der, durch Leſung ähnlicher Bücher verführt, aus ſeinem Kloſter habe fliehen und zu den Ketzern übergehen wollen, auf dem Wege aber ergriffen und nach Rom geſchleppt worden ſei, da er auf keine Weiſe von ſeinen ſchändlichen Meinungen habe abgehen wollen, hier lebendig dem Feuer überliefert worden ſei. Dasſelbe werde auch mit mir vorgenommen werden, wenn ich nicht von meinen Meinungen abſtehen würde. Es zeigte ſich auch an einer Seite ein ungewöhn⸗ lich langer Mann mit vier Lictoren, von welchen man mir ſagte, daß es der Henker und Ausrichter der Gerechtigkeit ſei. Nach dieſer Handlung werde ich in mein früheres Gefängniß wieder einge⸗ ſchloſſen. Während ich hier mit tauſend Seufzern meinen traurigen Zuſtand beklage, nähert ſich et⸗ was der Thüre meines Gefängniſſes. Es war der Abt Melchior, der mich folgendermaßen an⸗ redete: „Theuerſter Sohn, ich habe Mitleiden mit deiner elenden Lage. Von väterlicher Liebe ge⸗ trieben, beſuche ich dich. Vielleicht iſt dir das Verfahren der Inquiſition unbekannt. Du mußt wiſſen, das Amt der Inquiſition iſt heilig, und kann folglich niemanden anklagen, urtheilen und verdammen. Es werden nur ſolche Sünder vor die Inquiſition geſtellt, deren Sünden öffentlich und der Welt bekannt ſind; daher iſt es Gebrauch, daß jeder ſich ſelbſt anklage, und wenn er gefragt wird, was er hier thue, freiwillig bekenne und erkläre, daß er dieſes oder jenes Verbrechens ſchul⸗ dig ſei, wie es ihm eben ſein eigenes Gewiſſen vorſagt. Wenn du dieſes thuſt, ſo haſt du ein milderes Urtheil zu erwarten. Höre auf meine Ermahnung, und lebe wohl.“ Er wartete keine Antwort ab, und ging. Ich erwägte dieſe ty⸗ ranniſche Handlungsweiſe, da ich mein eigner Ankläger und Henker ſein mußte, und wurde ſehr niedergedrückt. Aber wegen der vorhandenen offenbaren Le⸗ bensgefahr, in der ich ſchwebte, konnte ein ande⸗ rer Proceß nicht aufgeſchoben werden. Ich werde daher am folgenden Tage wieder vor die Inquiſi⸗ tion gerufen, wo der Inquiſitor dieſelben Worte vorbringt: „Was machſt du hier?“ Demüthig antworte ich ihm: mir ſei keine andere Urſache bekannt, als die Erhaltung eines verbotenen Bu⸗ ches und die zu eifrige Disputation über Strei⸗ tigkeiten. Wie ich aber etwas zu meiner Ver⸗ theidigung anführe, ſo fährt der Inquiſitor zu: „Du biſt der Anklage wegen hierher gerufen wor⸗ den und ſollſt wiſſen, daß dies völlig zureichende Gründe ſind, nach den ordentlichen Geſetzen der Inquiſition, dich dem Tode zu überliefern.“ Und nach einer längeren ſehr harten Rede, in welcher er die Größe des begangenen Verbrechens dar⸗ ſtellte, ſprach er das Todesurtheil über mich aus. Er redet darauf einiges heimlich mit dem Cardi⸗ nal. Endlich zeigt er den Brief, der von dem Biſchofe eingegangen war. In demſelben wurde mein Tod nicht verlangt, ſondern, daß ich, von der Inquiſition gebeſſert und gezüchtiget, die üb⸗ rige Zeit meines Lebens in Rom behalten würde, damit ich keine Gelegenheit hätte, ähnliche Bücher zu leſen, Disputationen anzuregen oder mit Ketzern Umgang zu pflegen. Der Inquiſitor verſpricht, den Wünſchen meines Biſchofs und Collegii ge⸗ nugthun zu wollen, wenn ich vorher durch einen öffentlichen Eid würde bezeugt haben, die von mir bisher aufgebrachten Bedenken nicht mehr glau⸗ ben, vertheidigen und bekannt machen zu wollen. Dagegen erkläre ich nun, mit welchem Rechte min ein ſolcher Eid aufgelegt werde, der in ihren eig⸗ nen Worten ſich unſtatthaft erweiſe, da der In⸗