# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S172 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) die Entſcheidung für den HErrn und ſein Reich, wenn Jemand öffentlich zur Bußbank komme; denn es können eben manche Bußbänkler dieſen äußern Schein der Entſcheidung haben, bei denen innere Entſcheidung nicht aufrichtig vorhanden iſt, und wiederum dieſe, oder doch die Willigkeit für ſie, kann in gar Manchen ſein, welche die Buß— bank entſchieden meiden. Gleichwohl kann in die⸗ ſen mancher unnütze Gewiſſensſcrupel entſtehen, als ſei es mit ihrer Entſcheidung für Chriſtum noch kein rechter Ernſt, ſo lange ſie dieſes neue Beſchneidungsgeſetz der judaiſtiſchen Methodiſten noch nicht angenommen haben; und umgekehrt, in jenen kann leichtlich eine neue und ſchreckliche Gewiſſens⸗Bethörung entſtehen, als ſeien ſie nun wahrhaft bekehrt, weil ſie an der Bußbank ge⸗ weſen ſind. (Fortſetzung folgt.) (Eingeſandt.) Franz Leopold von Reiſing's eigne Erzählung von dem erſchrecklichen Inquiſitionsprozeſſe, welchen derſelbe zu Rom wegen Erregung eini⸗ ger Streitigkeiten und Behaltung und Leſung verbotener Bücher ausgeſtanden hat. (Aus dem Lateiniſchen.) Ich bin — ſo ſchreibt Reiſing in ſeiner Er⸗ zählung vom 20. März des Jahres 1700 — zu Gräz in Steiermark von vornehmen Eltern ge⸗ boren worden. In meinem 7ten Jahre wurde ich den Jeſuiten zur Unterweiſung übergeben und lag von dieſer Zeit den Wiſſenſchaften ob. Meine Erzieher in dem adeligen Collegio in Gräz ſuch⸗ ten mich angelegentlich von den Vorzügen des Mönchslebens zu überzeugen und ſtellten mir, einem noch unerfahrenen Knaben, namentlich die Geſellſchaft des Ignatius Loyola mit ſolchen glänzenden Farben dar, daß ich verſprach, mich als ein Opfer dem Loyola zu weihen. Als unter⸗ deſſen einmal die gewöhnliche Ferienzeit kam, ging ich mit meinen Eltern auf unſer Schloß, in deſſen Nähe die Canonici (Domherren) von Seckau reſidirten, die mich nach wiederholten Ein⸗ ladungen in ihr Collegium lockten. Nach einem dreitägigen Aufenthalte in demſelben fragt mich der Prälat, was ich von ihrem Collegium dächte. Ich rühmte nach meinen jugendlichen Einſichten die Würde und Reichthümer desſelben. Der Prä⸗ lat überhäuft mich mit Geſchenken, läßt Jagden anſtellen und tauſenderlei Vergnügungen bereiten, ſo daß ich im Rauſche derſelben des Gelübdes, das ich den Jeſuiten gethan hatte, uneingedenk werde und wider den ausdrücklichen Willen mei⸗ ner Eltern zuſage, ein Canonicus werden zu wol⸗ len, wobei ich auch achtzehn Jahre verharret habe. Nach Verlauf des Novizenjahres wurde ich auf die Univerſitäten Gräz, Wien und Ollmüz ge⸗ ſchickt. Hier ſtudirte ich Philoſophie und Theo— logie, bis ich Baccalaureus der Theologie gewor⸗ den war. Mit dem erreichten 24ſten Lebensjahre wurde ich zum Prieſter geweiht und zugleich be⸗ auftragt, das Amt eines Predigers und Beicht⸗ vaters im Capitel zu verwalten. Ich nahm mich meines Amtes an und las nun mit größerem 17² St. Pauli, vornehmlich den an die Römer, ge⸗ nauer durchging, ſo empfand ich bei dem Artikel von der Rechtfertigung eines Sünders vor Gott ſolche Strahlen der evangeliſchen Wahrheit in meinem Herzen, daß ich alle nur übrige Zeit auf dieſes heilige Studium verwendete. Seit dieſer Zeit wurde ich auch von verſchiedenen Gewiſſens⸗ ſcrupeln beunruhiget. Als ein Prediger hatte ich die Erlaubniß, verbotene Bücher, die auf un⸗ ſerer Bibliothek an einem beſondern Orte einge⸗ ſchloſſen waren, zu leſen, jevoch unter der biſchöf⸗ lichen Beſchränkung, daß dieſes jeden Tag nur eine Stunde und in der Mitte der öffentlichen Bibliothek geſchehe und nach dem jedesmaligen Leſen der Schlüſſel dem Decan zugeſtellt werde; ein dergleichen Buch mit aus der Bibliothek zu nehmen, war bei Strafe des größeren Bannes verboten. Zuerſt kamen mir Luther's Werke, ſowohl in der Jenaiſchen als in der Witten⸗ bergiſchen Ausgabe, vor; aber weil ſie ſo aus— führlich waren, konnten ſie mir bei einem flüch— tigen Blick nicht die volle Befriedigung gewähren. Endlich fiel ich durch Führung göttlicher Gnade auf das “) Examen des Tridentiniſchen Coneils von dem ſehr berühmten ſeligen Dr. Martin Chemnitz. Durch Leſung dieſes Buchs wurde ich von einer ſolchen Begierde nach der Wahrheit ergriffen, daß ich mit der zugemeſ⸗ ſenen Zeit in der öffentlichen Bibliothek nicht zu⸗ frieden ſein konnte, ſondern das genannte Buch wider alle Erlaubniß von der Bibliothek heimlich auf meine Kammer nahm und da alle freien Augenblicke benutzte, in demſelben zu forſchen. Ich verglich die Ausſprüche der Väter mit den Worten der heiligen Schrift und ergötzte mich nicht wenig an der wunderbaren Uebereinſtimmung der⸗ ſelben. Ich brachte die vorzüglichſten Streit⸗ punkte in ſchlußgerechter Ordnung zu Papier. Bot ſich eine Gelegenheit dar, ſo disputirte ich mit den Doctoren und Profeſſoren der Theologie. Während ich mehr auf die Beweisgründe aus der heiligen Schrift, als aus den alten Vätern und Kirchenverſammlungen hielt, ſo wurde von den andern alles auf die Unfehlbarkeit des Pabſtes, der Concilien und der Kirche gebaut und darnach entſchieden. Ich konnte mich mit einer ſolchen Entſcheidung nicht beruhigen, da im Pabſtthum ſelbſt tauſend Fragen und Meinungen entſtehen könnten. Ich führte Frankreich an, welches meint, daß allein die Kirchenverſammlungen nicht irren können; Italien, welches dieſe Eigenſchaft dem Pabſt zuſchreibt; Deutſchland, welches bei⸗ den zugleich dieſes Anſehen ertheilt. Endlich bei einem öffentlichen Hochzeitsmahle bringe ich den Jeſuiten Sies, den Hauptſtreiter in ganz Oeſter⸗ reich, wegen des Artikels von der Communion unter beiderlei Geſtalt in eine ſolche Verwirrung, daß er nicht ein Wörtchen mehr aufbringen kann, ſondern mit ſchäumendem Munde über mich her⸗ zieht: „Es wäre unmöglich, daß ich dieſes wiſſen könne, ohne in einer Freundſchaft oder in einem wiſſenſchaftlichen Verkehr mit den Lutheriſchen * Dieſes Buch iſt eine Widerlegung der Hauptbekennt⸗ nißſchrift der römiſchen Kirche, nemlich der auf dem Concil Eifer die heilige Schrift. Und da ich die Briefe zu Trient verfaßten Beſchlüſſe. zu ſtehen.“ — Von dieſer Zeit an iſt alles voll Wuth über mich; ich werde bei dem Biſchof der ſchändlichſten Ketzerei angeklagt, und dieſer, durch die Jeſuiten angereizt, geräth in einen großen Zorn. Während dieſes jeſuitiſche Werk heimlich vorgeht und ich nichts davon weiß, werde ich am andern Tage von dem Decan eingeladen, an einer Erholung theilzunehmen. Dadurch komme ich aus dem Collegio auf ein zwei Meilen weit en⸗ ferntes Schloß. Unterdeſſen durchſucht der Probſt mit zwei älteren Canonikern mein Lager und fin⸗ det das Eramen des Tridentiniſchen Concils mit Bemerkungen, die ich gemacht habe. Wie ich ins Collegium zurückkehre, wird mir von dem Thür⸗ hüter angezeigt, daß ich ſobald als nur möglich zum Vorgeſetzten kommen ſoll. Dieſer hat das verbotene Buch in Händen und ſpricht unter Bei⸗ ziehung der älteren Canoniker das Urtheil des größeren Banns über mich aus und befiehlt, daß ich, als ein Excommunicirter, vom Umgang mit den Canonikern zu trennen und in einen beſon⸗ dern Gewahrſam zu bringen ſei; denn in dieſem Falle könne er nicht allein entſcheiden, das Ganze müſſe dem Biſchof berichtet werden. Vier Tage — darnach erſcheint der Biſchof in eigner Perſon und läßt mich vor das Capitel rufen. Nach einem ſcharfen Tadel fragt er, was ich über die bisher erregten Streitigkeiten dächte? Ob ich keinen Aufſchluß darüber erhalten hätte? Ich entgeg⸗ nete darauf, daß ich keinen Streit geführt hätte, als über die Unfehlbarkeit der Kirche, und daß ich von dem Biſchof begehre, mit mir die einzelnen päbſtlichen Schriftſteller durchzugehen, damit ich, wenn er mir Einen brächte, welcher abſolut und beſtimmt von dieſer Sache rede, deſſen Meinung unterſchreiben könnte; doch, ſetze ich hinzu, dieß wird der Biſchof nicht im Stande ſein, da der Pabſt ſelbſt, aus Furcht vor einem neuen Schisma (Kirchenſpaltung), dieſe Meinung nicht zu ent⸗ ſcheiden wage. Erboſ't ſteht der Biſchof auf und behauptet, daß er dieſe Zweifel ganz gewiß löſen werde, und trägt es dem Decan auf, mich alsbald in den früheren Gewahrſam bringen zu laſſen. Zehn Tage werde ich verwahrt und keine Seele kommt zu mir. der Prälat und der Decan im Namen des Bi⸗ ſchofs, und der Prälat bringt wider all' mein Er⸗ warten die Reſolution des Biſchofs Mit ſchmei⸗ chelnder Rede ſagt er, daß er ſich wundere, mit welcher Gnade der Biſchof mir zugethan ſei. Weil der Biſchof bemerke, daß ich eine vorzügliche Neigung zum Studium der Streitigkeiten habe, und es mir, der ich ſo lange ſchon Prediger und Canonicus geweſen war, mehr zur Schande als 4 zur Ehre gereichen würde, wenn ich in Deutſch⸗ land die Studien wieder begönne, ſo habe er be⸗ ſchloſſen, mich nach Rom zu ſchicken, daß, wenn ich dort unter vorzüglicheren Männern ein und das andere Jahr dieſem Studium obgelegen ö haben würde, er mir höhere Aemter in ſeinem eigenen Collegio überiragen könnte. Sobald mir Rom in die Ohren ſchallte, gedachte ich auch der Grube, die ſie meiner Seele gegraben hatten; doch es galt blind zu gehorchen; auch mußte ich dem Ueberbringer noch meinen Dank abſtatten. Am zehnten Tage endlich kommt