# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S171 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) deren ſich Gott zur Züchtigung und Belebung der biſchöflichen Kirche Englands bediente, dieſer künſtlichen Pumpen und Preſſen nicht; denn ſie predigten auf ihren Miſſionsreiſen mit Beweiſung des Geiſtes und der Kraft, und die Gnade des Heiligen Geiſtes wirkte durch ihre Predigt gar manche Erweckung aus dem Sündenſchlafe, welche die matten Söhne durch Beihülfe ſelbſtgemachter Treib⸗ und Dampfwerke gewaltſam zu erzwingen ſuchen. Zu dieſen Erweckungs-Hebeln gehören aber vornehmlich: a. Die verlängerten und die Feldverſammlun⸗ gen (protracted meetings, camp meetings). Was nämlich früher zur Zeit jener beiden Männer zum Theil ein Nothſtand war, das iſt jetzt, großen⸗ theils ohne Noth, zu einer ſtehenden Form gewor⸗ den; denn an methodiſtiſchen Predigern und Kir⸗ chen ſcheint jetzt eben kein Mangel zu ſein. Ferner, was in dieſem früheren Nothſtande natürlich war, das iſt jetzt zu einer unnatürlichen und fratzenhaften Verzerrung geworden. Denn kann man ſich was Tolleres und Aberwitzigeres auf dem geiſtlichen Gebiete denken, als dieſes tage⸗ja wochenlange Einſtürmen mehrerer dieſer Gewaltprediger auf die Gefühle einer zu⸗ und abſtrömenden Maſſe, die gleichſam immerfort mit geiſtigen Getränken, vom Cider bis zum doppelt gewürzten Glühwein, bewirthet wird, aber nicht mit Brod und geſunder, nachhaltiger ernährender Speiſe? Was kann hier, ſelbſt im beſten Falle, die Frucht ſein? Die gewaltſame Erregung ein⸗ zelner Buß⸗ und Glaubensgefühle, die, bei dem Mangel an ſpäterer ſorgfältiger Pflege und rich⸗ tiger Leitung, entweder in Mattigkeit und Leere enden, oder in eine ſchiefe Richtung gerathen, alſo daß der Menſch nur nach der Erneuerung jenes erſten bitterſüßen Gen uſſes, nicht aber nach einer gründlichen Bekehrung und Sinnesänderung trachtet. Aber ſelbſt angenommen, daß Einzelne von dieſen durch jene beſondere Gnade des Heili⸗ gen Geiſtes, deren ich früher gedachte, ſpäter zu einem geſunden Buß⸗ und Glaubensſtande kämen, ſollte um deßwillen dieſe aufregende und treiberiſche Weiſe zu billigen ſein? Nicht alſo; denn ſie iſt eine grobe und handgreifliche Verachtung der Er⸗ mahnung des Apoſtels 1 Cor. 14, 40.: „Laſſet Alles ehrlich, d. i. wohlanſtändig, und ordentlich zugehen!“ und „Gott iſt nicht ein Gott der Un— ordnung, ſondern des Friedens“; (1 Cor. 14, 33.); ſie ſpricht ferner aller kirchlichen und gottes⸗ dienſtlichen Sitte Hohn, da, wie geſagt, die äußere Veranlaſſung zu den früheren Feldpredigten Wesley's und Whitefield's und der frühere Nothſtand nicht mehr vorhanden iſt; ſie beruht auf einem geheimen Vertrauen auf die Kraft und Wirkung dieſes Drängens und Treibens auf die Gefühle der Hörer; ſie wirkt endlich im Großen und Ganzen mehrfache Uebel. Denn ſie reizt zur Verhöhnung des Heiligen und iſt nicht unſchuldige Veranlaſſung, ſondern ſchuldige Urſache, daß die Spötter noch mehr ſündigen; ſie gibt gottesfürch⸗ tigen und kirchlich geſinnten Leuten gerechten An⸗ ſtoß; ſie nährt und fördert die müßige neugierige Hör⸗ und Schauluſt des Volks, das wie zu Jahr⸗ märkten und Marktſchreiern hier zuſammenſtrömt * und unter den Predigten, Gebeten und Geſängen ſchwätzt, lacht, ißt und trinkt u. ſ. w.; ſie läßt auch dem, vom Worte Gottes heilſam Getroffenen durch das wiederholte Einſtürmen nicht Zeit und Ruhe, die empfangenen Eindrücke zu verarbeiten und zu einer geſunden Sünden- und Heilserkennt⸗ niß zu gelangen; vielmehr treibt ſie nur, im Durchſchnitt betrachtet, zu jener krankhaften Er⸗ regung einzelner Buß-⸗ und Glaubensgefühle, die ſich aber, wie in einer geiſtlichen Berauſchung und Betäubung, in einander verwirren und verſchlin⸗ gen; darauf folget denn, wie geſagt, entweder Mattigkeit und Leere, ja Ekel und Ueberdruß, oder meiſt nur die Begierde, dieſen bitterſüßen Ge⸗ fühlsrauſch wieder zu haben, ähnlich wie Opium⸗ Eſſer und Branntweintrinker ſinnlich thun. b. Die ſogenannte Bußbank (anxious seat, mourners bench) oder das Herausfordern der bußfertigen Seelen an einen beſtimmten Platz, nach einer geſchehenen Anſprache. Bei den Pre⸗ digten Wesley's und Whitefield's nämlich geſchah es bisweilen, daß beſonders in Gegenden, wo Geſetz und Evangelium noch gar nicht, oder nicht recht, verkündigt war, einzelne Seelen ſo mächtig in ihren Herzen getroffen wurden, daß ſie laut aufſchrieen und aufſprangen, vor Angſt ſchluchzten und jammerten oder vor Freude jauchzten und jubelten. Und wer wollte den Reichthum der Gnade Gottes mit ſo engherzigem Maaße zu meſ⸗ ſen wagen, um unbedingt zu leugnen, jene Buß⸗ oder Glaubensregungen des Herzens ſeien vom Heiligen Geiſte durch die Predigt gewirkt, die in ſo ungewöhnlich ſtarken Ausbrüchen ſich offenbar⸗ ten? Denke man ſich nur bis dahin geiſtlich ver⸗ wahrloste und verkommene Leute von lebhaften und ſtarken Gefühlen, die vielleicht in ihrem gan⸗ zen Leben noch niemals Geſetz und Evangelium mit Beweiſung des Geiſtes und der Kraft predigen hörten — was Wunder, wenn ſolche, nachdem ſie durch das Wort Gottes im Herzen kräftig getrof⸗ fen wurden, dieſe Gefühle unwillkürlich auch in hörbaren Lauten und vielleicht ungewöhnlichen Geberden kundgaben? Mir ſcheint es, daß man bei Beurtheilung ſolcher Erſcheinungen ſich vor zweierlei Abwegen zu hüten habe. Der eine iſt der oben angedeutete, daß man ſie für ſelbſtge⸗ machtes Schein- und Heuchelweſen oder nur für ſchwärmeriſche Selbſtbethörung und eher für Teu⸗ fels⸗, als Gottes-Werke anſieht; der andere iſt der, ſolche Vorgänge als alleiniges Werk des Heiligen Geiſtes und als die rechte und eigentliche Erweckung und Bekehrung zu betrachten, wie ſie von Rechts wegen in Allen geſchehen ſollte. In jenen Abweg gerathen gewöhnlich ſolche Prediger und Glieder unſerer Kirche, denen es an tieferer innerer Erfahrung von Buße und Glauben und deshalb auch an geiſtlicher Erkenntniß der Schrift, der mancherlei Wege Gottes und der mancherlei Beſchaffenheit der menſchlichen Natur fehlt. Die⸗ ſen Abweg dagegen haben die Methodiſten ſelber eingeſchlagen und daher iſt denn auch ſicherlich die Bußbank und das Verfahren bei und mit ihr vornehmlich entſtanden. Was nämlich zu Wes⸗ ley's und Whitefield's Zeit in einzelnen Fällen das freie Wirken des Geiſtes Gottes durch ihre — Predigten war, das ſuchen ihre ſchwächlichen Ab⸗ kömmlinge jetzt zu einer allgemeinen Form zu machen und zu der rechten Art und Weiſe zu er⸗ heben. Sie meſſen nun einmal beſonders das Weſen und den Werth der Bekehrung nach der größeren oder geringeren Stärke der inneren Buß⸗ und Gnadengefühle und der äußern Geberdung, und daher das Drängen und Treiben ihrer Pre⸗ diger, daß die (ſogenannten) bußfertigen Seelen an jenen beſondern Platz kommen, gleich als wäre die bekehrende Gnade des Heiligen Geiſtes an einen beſtimmten Ort, Zeit und Weiſe gebunden, oder als vermöchte der Menſch aus eigenem Wil⸗ len Buße zu bekommen und als bußfertig hervor⸗ zutreten. Dabei wenden ſie denn ferner, ganz auf die Weiſe der Marktſchreier und Quackſalber, ihre Lock⸗ und Schreckgeſchichten an, um die zag⸗ haften oder ſtörrigen Seelen herzuzubringen, jene durch Anpreiſung der gleichſam wunderthätigen Heilungen der Bußbank, dieſe durch Einſchüch⸗ terung vor dem lebensgefährlichen Zurückſtoßen dieſes unfehlbaren Heilmittels. Dieſe in ſich meiſt herzlich abgeſchmackten und abgegriffenen Ge⸗ ſchichtlein können aber doch einen doppelten Scha⸗ den thun. Durch die Lock-Hiſtorien nämlich kann dieſe und jene geiſtlich eitle und hoffärtige Seele zum Herzutreten und zur Geberdung der Bußfer⸗ tigen bewegt werden, ohne es wahrhaft zu ſein, und ſodann bei der Gemeinde dafür zu gelten: umgekehrt dagegen kann durch die Schreckgeſchicht⸗ lein manche zaghafte, aber aufrichtige und buß— willige Seele, die nun einmal die Scheu nicht überwinden konnte hervorzutreten, ſpäter in große Angſt und Noth gerathen, und durch den Betrug des Teufels dafür halten, die Gnadenzeit ſei für ſie vorbei, weil ſie nicht an die Bußbank gegangen ſei; wäre Gottes Gnade und Weisheit nicht grö⸗ ßer als der Methodiſten ſchwärmeriſche Thorheit und ihre neue Geſetzestreiberei mit der Bußbank: — ſähe Gott nicht das Herz an, gleichgültig ob ſtarke, ſchwache oder gar keine ſichtbare Geberdung dabei iſt; — es läge nicht an dieſen kindiſchen und albernen Schreck-Hiſtorien, wenn nicht eine ſolche ängſtliche Seele ſpäter ganz an Gottes Gnade verzweifelt, weil ſie nicht mit an die Bußbank ge⸗ gangen ſei. So viel iſt wenigſtens gewiß: die Methodiſten und methodiſtiſch geſinnten Prediger halten bußfertig ſein und an die Bußbank kom⸗ men für dasſelbe Ding; beides aber kann, wie eben bemerkt, in vielen Fällen himmelweit ver⸗ ſchieden ſein; denn es können gar Viele herzu⸗ kommen, die nicht aufrichtig Herzeleid tragen über ihre Sünden, und es können gar Viele nicht hin⸗ zutreten, die in der wahren göttlichen Traurigkeit ſind. In Bezug auf jenen Fall weißt du ja ſelbſt den Hergang mit der Frau des O., die im Februar unter anſehnlichen Zuckungen und Gekreiſch an die Bußbank geführt wurde, nach etwa einer Vier⸗ telſtunde aber ſchon vor Freude hüpfte und ihren geiſtlichen Glaubenshelfern dankbar die Hände drückte; doch gerieth ſie nach wenig Wochen mit ihrem Mann in offenkundigen Ehezwiſt, alſo daß ſie eine Zeitlang ganz von einander getrennt lebten. Darum iſt es ein unhaltbarer Grund, wenn die Methodiſten behaupten, es diene zum Zeugniß für