# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S167 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) welche ihn antrieb, der erkannten Wahrheit Ab⸗ bruch zu thun. Denn er ſtimmte in ſeiner eige⸗ nen Ueberzeugung damals noch mit der Witten⸗ berger Concordia überein, zu der er ſich noch 1540 in einem Teſtamente bekannte, welches er während einer Krankheit zu Weimar eigenhändig abfaßte, nachdem er kurz zuvor in öffentlichen Briefen ſeine Uebereinſtimmung mit derſelben mehrfach ausgeſprochen hatte. Er wollte alſo zu⸗ nächſt jedenfalls nur mildere Worte anſtatt der früheren ſetzen, und den Anſtoß hinwegräumen, weichen die Schweizer an der ihnen geltenden Gegenlehre nahmen, um dadurch das Unions⸗ werk zu hindern. Aber gerade mit dieſer an⸗ maßenden Willkühr beging er ein großes Unrecht gegen die Kirche, weshalb die Evangeliſchen ge⸗ gründete Urſache hatten, ſich über ſein eigenmäch⸗ tiges Schalten mit einem öffentlichen und allge⸗ meinen Glaubensbekenntniß zu beſchweren, und bald genug verbarg ſich auch hinter den vermein⸗ ten Verbeſſerungen der entſchiedene Irrthum. Ja! endlich wurde die geänderte Augsburgiſche Con⸗ feſſion das gemeinſame Panier allen Calviniſten, Crypto⸗Calviniſten und Philippiſten, unter wel⸗ chem ſie erſt heimlich, dann öffenrlich die luthe⸗ riſche Kirche zu ſtürzen drohten, bis der HErr ihre Anläufe, namentlich auch durch das heilſame Werk der Concordienformel, zu Schanden machte. Seit der Zeit erhielt die ungeänderte Augsburgi⸗ ſche Confeſſion in der lutheriſchen Kirche alleinige Geltung. Fern ſei es von uns aber, Melanchthon wegen jenes Unrechtes verdammen zu wollen. Wir hof⸗ fen, daß er ſeinen Fehler vor ſeinem Ende noch erkannt und Gott abgebeten hat. So bekannte er 1558, zwei Jahre vor ſeinem Tode, daß er bei der „Confeſſion, dem Kaiſer zu Augsburg über⸗ geben A. 1530“ beharre, wodurch er ſelbſt die geänderte Confeſſion als bloßes Privatunterneh⸗ men bezeichnet hat. Uns aber möge ſein Strau⸗ cheln warnen, daß wir um ſo treuer und gewiſſen⸗ hafter über dem aus Gnaden uns anvertrauten Schatz der Wahrheit halten. Der Apologet ſagt ferner: „Auch benutzten die Jeſuiten dieſen Umſtand vortrefflich zu ihrem Nutzen und warfen den Lutheranern beſtändig vor: „Ihr habt keinen gewiſſen Glauben, denn ihr ändert eure Confeſſion von Zeit zu Zeit.“ Aus dieſem Grunde insbeſondere waren die lutheriſchen Fürſten mit der veränderten Con⸗ feſſion nicht zufrieden. Dieſer Vorwurf wurde allerdings den Proteſtanten von den Papiſten oft gemacht, öffnete ihnen auch die Augen über das eigenmächtige Verfahren Melanchthons, da die Feinde unſere Fehler bekanntlich leichter entdecken, als wir ſelbſt. Daß aber die lutheriſchen Fürſten „aus dieſem Grunde insbeſondere“, nämlich aus bloßer gekränkter Eitelkeit, mit der veränderten Augsburgiſchen Confeſſion nicht zufrieden ge⸗ weſen ſein ſollen, iſt eine verleumderiſche Be— hauptung. Es war vielmehr von ihrer Seite ge⸗ wiſſenhafte Bekenntnißtreue. Die Sache verhält ſich nämlich ſo: Nachdem Melanchthon Anfangs nach ſeiner Gewohnheit nur Einiges am Ausdrucke verbeſ⸗ ſert hatte, wagte er es, den Inhalt des Bekennt⸗ niſſes ſelbſt in einigen Punkten zu verändern. Solches geſchah von 1540 an. Auf dem Collo⸗ quium nämlich, welches damit zwiſchen den Lu⸗ theranern und Papiſten zu Worms gehalten wurde, ſollte die Augsburgiſche Confeſſion zur 167 Grundlage des Geſpräches dienen. Melanch⸗ thon wußte es nun ſo einzurichten, ohne die Stände, Luther und die übrigen Theologen zu befragen, daß im Namen der Reichsſtände die veränderte Augsburgiſche Confeſſion übergeben wurde. Indeß merkten es die päbſtlichen Collo⸗ cutoren, namentlich Eck, bald und erinnerten es öffentlich. Eben ſo ging es im folgenden Jahre auf dem Regensburgiſchen Colloquium, wo es ſo weit kam, daß die übrigen lutheriſchen Theologen und Staatsmänner im Namen ihrer Fürſten dem Oberpräſidenten Granvella erklärten, ſie blieben bei dem Exemplare, welches A. 1530 dem Kaiſer Karl V. übergeben ſei. Ja! ſie nöthigen Me⸗ lanchthon, die wichtigſte Veränderung im Artikel vom heiligen Abendmahle wieder abzuthun und öffentlich zu unterſchreiben, daß er das einſtim⸗ mige Bekenntniß der ganzen Kirche von der wah⸗ ren Gegenwart des Leibes Chriſti im heiligen Abendmahle theile und die Gegenlehre verwerfe. Namentlich hat der fromme Kurfürſt Johann Friedrich von Sachſen gegen die Veränderung der Augsburgiſchen Confeſſion entſchieden prote⸗ ſtirt. Derſelbe ließ durch ſeinen alten Kanzler Brück dem Melanchthon ernſtlich vorhalten, wie er es ſich habe anmaßen können, die Augsbur⸗ giſche Confeſſion in einigen Punkten zu ändern ohne des Kurfürſten und der andern Stände Vorwiſſen und Bewilligung; deſſen er ſich nach des Kurfürſten Erachten ja billig hätte enthalten ſollen, da die Confeſſion vornehmlich des Kur⸗ fürſten und der anderen Stände ſei. Gleichwohl ließ Melanchthon die Augsburgiſche Confeſſion allezeit verändert drucken. So oft je⸗ doch etwas davon laut wurde, bezeugten die Für⸗ ſten ihr Mißfallen darüber. Wie es aber mög⸗ lich war, daß Melanchthon es ſtets ungehindert thun konnte? Wir haben geſehen, daß die Für⸗ ſten es an treuer Warnung nicht fehlen ließen. An Gewaltmaßregeln dachten ſie nicht, da die lutheriſche Kirche ſich damals einer herrlichen Freiheit erfreute. Dazu ſtand Melanchthon in ſo hohem Anſehen, daß, davon geblendet, Viele ſchwiegen. Andere, welche nicht die nöthige Klug⸗ heit gebrauchten, ſchadeten der guten Sache mehr. Auch kümmerten ſich die Fürſten und Stände da⸗ mals wenig um den Druck der Augsburgiſchen Confeſſion, weil ſie wußten, daß es hauptſächlich auf das dem Kaiſer übergebene Original an⸗ komme. Erſt im Jahre 1580 ließen ſie dieſelbe unter ihrer eigenen Autorität drucken. Falſch iſt es, wenn der Apologet von der ver⸗ änderten Augsburgiſchen Confeſſion ſagt: „Wahr⸗ ſcheinlich gefiel ſie auch Luther nicht, doch ſprach er ſich nie öffentlich dagegen aus.“ Wer nur eine oberflächliche Bekanntſchaft mit Luthers Charak-⸗ ter hat, der weiß, daß ihm ein ſolches Drehen und Deuteln an klaren Wahrheiten der heiligen Schrift ſtets ein Gräuel war. Dazu bezeugen auch Rorarius, ein Vertrauter Luthers, und der alte Kanzler Brück ſeine Unzufriedenheit mit Me lanchthons Verfahren. Schlüſſelburg, de signis Sacramentar., will gewiſſe Nachricht haben, daß ſich Luther einige Bogen aus der Druckerei brin⸗ gen ließ und darüber eiferte. Aber auch geradezu ſtrafte Luther den Melanchthon wegen ſeiner Eigenmächtigkeit. „Philippe“, ſagte er, „das Buch iſt nicht euer, ſondern der Kirche Bekenntniß; darum habt ihr nicht Macht, es ſo oft zu än⸗ dern.“ Zwar ſprach Luther ſich nicht öffentlich gegen die Aenderung der Augsburgiſchen Confeſſion aus, allein dieſelbe gab damals auch noch kein öffent⸗ liches Aergerniß, das geſchah erſt ſpäter. Me⸗ lanchthon betrachtete den Druck der Augsburgiſchen Confeſſion als Privatſache, privatim ſtrafte ihn Luther deswegen. Was ſollte er mehr thun? Es war nicht ſeine Schuld, daß Melanchthon auf ihn nicht hörte. Dazu war es in Luthers letzten ſechs Jahren, als er viel krankte und mit unzäh⸗ ligen wichtigen Dingen beſchäftigt war. Zum Schluſſe ſagt der Apologet: „Im Jahre 1561 hielten die lutheriſchen Fürſten eine Zuſam⸗ menkunft in Naumburg, bei welcher eine Vorrede zu der veränderten Confeſſion verfaßt, aber nicht von Allen unterſchrieben wurde. In dieſer Vor⸗ rede wird bemerkt, daß die veränderte Ausgabe etwas deutlicher und ausführlicher ſei, als die urſprüngliche.“ Da die Kürze dieſer Dar⸗ ſtellung den unbefangenen Leſer zu irrigen Ver⸗ muthungen veranlaſſen könnte, ſo fügen wir fol⸗ gendes hinzu. Es wurde den Proteſtanten von den Papiſten beſtändig ihre Uneinigkeit und ihre Abweichung von der rechten Augsburgiſchen Confeſſion vor⸗ geworfen. Um dem abzuhelfen, hielten ſie, auf Antrieb des Kurfürſten Auguſt von Sachſen, 1561 den bekannten Naumburger Fürſtentag. Nachdem man die verſchiedenen Eremplare der Augsburgiſchen Confeſſion mit einander ver⸗ glichen hatte, wählte man die Wittenbergiſche Aus⸗ gabe der ungeänderten Augsburgiſchen Confeſſion vom Jahre 1531, welche von Allen unterſchrieben werden ſollte. So weit ging alles gut; darauf aber beantragten die beiden Kanzler Ehem und Cracovius, zwei heimliche Calviniſten, eine Vor⸗ rede, welche aufs Neue vor die Augsburgiſche Confeſſion geſetzt und dem Kaiſer übergeben werden ſollte, worin ſie ſagten, die ſämmtlichen unterſchrie⸗ benen Stände (alſo auch Kurpfalz) hätten bisher keine andere Lehre geduldet, als die, welche in der heiligen Schrift gegründet und in der Augsbur⸗ giſchen Confeſſion bekannt ſei, die ihnen vor⸗ geworfene Uneinigkeit aber eriſtire gar nicht. Auch Kurpfalz war bereit, dieſes Alles zu unter⸗ ſchreiben. Dagegen aber proteſtirte Herzog Johann Frie⸗ derich von Sachſen mündlich und ſchriftlich. „Er könne die Vorrede nicht mit gutem Gewiſſen un⸗ terſchreiben, noch Kurpfalz, einen Beſchützer der Calviniſten, als Genoſſen der Augsburgiſchen Confeſſion anerkennen. Dadurch würde nur der Irrthum bemäntelt und der Sinn der Augsburgi⸗ ſchen Confeſſion ungewiß gemacht. Man ſolle lieber die Gebrechen der Kirche ausdrücklich nen⸗ nen und auch der Schmalkaldiſchen Artikel ge⸗ denken“ Als ſeine Proteſtation nicht durchdrang, begab ſich der Herzog mit den Seinigen wieder nach Hauſe. Nach ſeinem Abſchiede brachte es die Calviniſch geſinnte Parthei dahin, daß nicht blos die vom Herzog gerügten Worte in der Vorrede ſtehen blie⸗ ben, ſondern auch ausdrücklich hinzugefügt ward, die von Melanchthon geänderte Confeſſion ſei etwas „ſtattlicher und ausführlicher wiederholt, auch aus dem Grunde der heiligen Schrift aus⸗ geführt und gemehrt; man wolle von derſelben durchaus nicht weichen; ja! ſie ward auch die verbeſſerte genannt. Der Artikel vom heiligen Abendmahl war ſehr zweideutig abgefaßt. Indeſſen ſtand jene Proteſtation des Herzogs nicht allein; denn auch viele abweſende Fürſten, namentlich die Niederſächſiſchen Stände und ſämmtliche wohlgeſinnte Theologen, weigerten ſich, jene Vorrede zu unterſchreiben. Dieſelbe fiel auch bald darauf von ſelbſt. Möge der Apologet ſich künftig bei ſeinen Mit⸗ theilungen über die lutheriſche Kirche die ſtrengſte Wahrheitsliebe zur Pflicht machen und ſich nur an reine Quellen halten. Hermann Fick. *) Der Kurfürſt Friederich III. von der Pfalz war ſchon 1559 von der lutheriſchen zur reformirten Kirche über⸗ getreien.