# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1863_S375 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die Zerwürfnisse in der lutherischen Kirche Preußens. 375 Predigtamt zu Hülfe. Man geht davon aus, daß das Amt des Worts unbezweifelt von Gott gestiftet sei. Nun schließt man weiter: das Amt des Worts hat zwei Theile, es ist Einmal ein lehren, predigen und Sacramentverwalten, zum andern ein regieren; beide Functionen des Amts am Wort sind gleich göttlich gestiftet, die eine kommt im Pastor zum Vollzug, die andere im Kirchenregiment. Gegen diese Anschauung macht die Oppositionspartei mit Recht als Grundprincip ächten Lutherthums die Lehre der Symbole geltend, daß das evang. Predigt⸗ oder Bischofsamt (Augsb. Conf. Art. 28) in keinerlei Weise eine von Gott gegebene gesetzliche Befehlsmacht, Kirchenordnungen aufzurichten und zu handhaben, in sich schließe, sondern daß das Amt am Wort nur stehe in der Macht, Evangelium zu predigen, Sacramente zu verwalten, Sünde zu vergeben und zu behalten. Man hebt mit Recht den Glauben hervor, als das Grundprincip, das alles beherrschen und von dem man in Allem ausgehen müsse; darum betont man das Wesen der Kirche als der Gemeinde der Gläubigen oder Heiligen, die ganz absolut aller Herrschaft des Gesetzes entnommen sei und in der nichts gelte und regiere, als nur das Evangelium, Christi Wort und Geist. Aber gerade hier ist freilich die Lücke, die bis heute noch die Meisten derer, die gegen das Breslauer Ober⸗Kirchencollegium stehen, nicht auszufüllen wissen und die ihrer Opposition bisher die nöthige Kraft und Einheit geraubt hat: nehmlich es fehlt der Nachweis, wie die Kirche als die unsichtbare Gemeinde der Gläubigen zu einer sichtbaren Verfassung und zu einer Kirchenordnung komme, der Nachweis, wie die Kirche, wenn sie anders die Macht hat, sich eine Ordnung zu geben, diese Macht zu bethätigen vermöge. Hier scheidet sich die Oppositionspartei in zwei verschiedene Lager. Pastor Diedrich und die ihm nächstverbundenen sind offenbar in ein der Breslauer Lehre entgegengesetztes Extrem gerathen: Diedrich betont so einseitig das unsichtbare, rein geistliche Wesen der Kirche, daß man wohl sagen kann, über der unsichtbaren Kirche komme ihm die sichtbare ganz abhanden; die Kirche, als die Gemeine der wahren Christen, die allein Gott bekannt ist, bleibt ihm vor menschlichen Augen immer verborgen und darum unfähig, im menschlichen Leben als eine handelnde Gemeinschaft aufzutreten; daher verschließt sich Diedrich ganz vor der Idee, daß die Kirche, insofern sie sich sichtbar äußerlich sammelt um Wort und Sacrament, als solche auch die Macht hat, sich zu ordnen, zu verfassen und zu regieren. So gelangt denn Diedrich in seiner Anschauung niemals dazu, eine Synode als Repräsentation der Kirche zu fassen, in welcher die Macht der Kirche sich zu ordnen und zu regieren zum Vollzug kommt und dann in einfacher Consequenz auf eine vertretende Behörde übertragen wird. Diedrich kennt keine andren Kirchenbeamten als die Pastoren, und keine andere Aeußerung einer Kirchengewalt, als die Predigt des Evangeliums. Darum mag es nicht Unrecht sein, wenn man ihm Schuld giebt, er huldige einem einseitigen Spiritualismus und müsse praktisch am Ende doch einer nackten Hierarchie