# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1863_S374 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 374 Die Zerwürfnisse in der lutherischen Kirche Preußens. lich war, zu überschreiten schienen. Freilich eine Grenze, die man nach subjectiver Ansicht bald weiter, bald enger ziehen kann. Wer kann und mag deßhalb in allen einzelnen Fällen darüber entscheiden, ob immer recht und weislich gehandelt worden ist. Wer dürfte an der Treue und Gewissenhaftigkeit zweifeln, womit das breslauer Oberkirchencollegium nach bester Ueberzeugung seiner Berufspflicht nachzukommen suchte, und wen erfüllte es doch nicht mit tiefem Schmerze, wenn die Entschiedenheit, womit das Oberkirchencollegium auf Gehorsam gegen die bestehende Kirchenordnung drang, nach und nach den Riß in unzählige Gemeinden brachte und etliche 10—12 Pastoren zur Trennung von der breslauer Synode führte! Wer konnte es andere, als mit Seufzen hören, als der ehrwürdige alte Kirchenrath Ehlers, Herausgeber des luther. Kirchenblattes, in Disciplinaruntersuchung genommen und mit Suspension bedroht wurde, als Männer von so bekannter Treue und Redlichkeit, wie Pastor Crome, als Opfer des Kirchenstreites fielen und ihnen nur die Wahl blieb, ihr Amt niederzulegen oder sich, bald mit ganzen Gemeinden, bald mit Bruchstücken derselben, von Breslau zu trennen! Und wer schildert endlich das Elend und den Seelenschaden all der armen zerrissenen Gemeinden, wer berechnet, wie viel unreine Elemente überall sich des Streites bemächtigten und ihn zu ihrem Vortheil ausbeuteten! — Schreiber dieses hat theure, ihm ehrwürdige Freunde in beiden Parteien, er mag keinen richten, er weiß auf beiden Seiten Männer, die es gewohnt sind, treu und nach redlicher Ueberzeugung zu handeln, und doch ist ihm das Herz voll tiefer Wehklage im Hinblick auf den ganzen leidenschaftlichen Charakter, den der Streit immer mehr angenommen hat und von dem sich nur Wenige frei gehalten haben, er beklagt es schmerzlich, daß überhaupt der ganze Lehrstreit solche praktische Folgen bekommen und man nicht besser verstanden hat, auf das Gebiet eines theologisch wissenschaftlichen Kampfes ihn zu beschränken. Nach diesem kurzen Ueberblick über die Geschichte des Streits, will ich versuchen, den gegenwärtigen innern und äußern Stand der Parteien kurz zu zeichnen. Das Losungswort der breslauer Partei, an deren Spitze die Mitglieder des Oberkirchencollegiums stehen, ist die göttliche Stiftung des Kirchenregiments. Man sieht die Kirche als einen eng verbundenen Organismus von Gliedern an, die mit verschiedenenen Gaben und Aemtern vom HErrn ausgerüstet sind. Die Gesammtheit des ganzen Organismus denkt man als das Subject, dem die Macht einwohnt, sich zu ordnen und zu regieren, und diese Macht wird vollzogen in den vom HErrn dem Kirchenleibe eingestifteten Organen oder Aemtern. Dieser Macht des Ganzen und seinen vollstreckenden Organen gegenüber steht das einzelne Individuum nur in einer untergeordneten, Gehorsam fordernden Stellung, über dem Individuum steht die Kirche, ihre Gewalt, ihr Amt und Regiment als göttliche Autorität da, die ihren letzten Grund und ihre Quelle nicht hat in dem Glauben, sondern in göttlicher Stiftung. — Zur biblischen Begründung dieser Lehre von göttlicher Stiftung des Kirchenregiments nimmt man die Lehre vom