# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1863_S372 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 372 Die Zerwürfnisse in der lutherischen Kirche Preußens. niemand daheim sich an die weitläufigen Synodalbeschlüsse halte, daß jeder Pastor suche mit seiner Gemeinde fertig zu werden, so gut er könne. Aber unerträglich war das doch; ein solcher Conflict zwischen Kirchenordnung und wirklichem Leben konnte unmöglich auf die Länge bestehen. — Da fuhr plötz⸗ lich ein Blitzstrahl durch das Nebelgewölke: es war des Pastor Diedrich Flugschrift über Werth und Wesen des Kirchenregiments, die als Vorarbeit zur Generalsynode von 1860 erschien. Es ist ein unläugbares Verdienst dieser kleinen Schrift Diedrichs, daß sie das ungeistliche und falschgesetzliche Wesen der Kirchenordnung und vor Allem den unevangelischen Begriff des Kirchenregiments als eines mit gött⸗ licher Autorität über die Kirche gesetzten und regierenden Befehlsamtes bei der Wurzel angriff und das rein evangelische und geistliche Wesen der Kirche als des Reiches Christi deutlich hervorhob. Tief zu beklagen war aber die Härte und Schroffheit, womit Diedrich auftrat, alle Pietät gegen das Beste⸗ hende vergaß, das Wesen der Synodalbeschlüsse und des vorhandenen bres⸗ lauer Kirchenregiments als „chiliastisch, päpstisch, antichristisch“ bezeichnete. Doch es war nun ein Panier aufgeworfen, es war ein fester Punkt gegeben, an dem sich nun für und wider die Geister und die Parteien sonderten. Es folgte die stürmische Generalsynode von 1860. Sie lieferte wenig Ergebniß, sie bildete erst das Vortreffen, in dem die Gegner sich kennen lernten und ihre Kräfte maßen; die Mehrzahl fing erst an, über den eigentlichen Streitpunkt sich näher zu unterrichten und zu orientiren, nur wenige, im Ganzen sieben Pastoren, legten am Schluß der Synode eine Erklärung vor, worin sie zwar sich erboten, um Liebe und Ordnung willen äußerlich möglichst den Synodal⸗ beschlüssen in bisheriger Weise Folge zu leisten, sich aber gegen alles Gewis⸗ senewidrige in denselben verwahrten. P. Diedrich persönlich leistete öffent⸗ lich Abbitte für alles „in der äußeren Form“ Beleidigende, was in seinen ge⸗ schehenen Angriffen gegen das Oberkirchencollegium gelegen hatte. Im Ganzen kam die Synode zu keiner Entscheidung, man überließ es dem Kir⸗ chenregiment, in der Diedrichschen Sache weiter zu verfahren, wie es ihm nöthig und gut dünke. Schließlich vereinigte man sich zur Gründung einer neuen theologischen Zeitschrift, des Synodalblattes, zu dessen Redacteur Pastor Lohmann ernannt wurde, dessen Zweck ausschließlich die Erörterung der theologischen Streitfragen sein sollte. Ein unglückliches Verhängniß war in der Sache: nehmlich daß der An⸗ griff auf die Synodalbeschlüsse, so heilsam und nöthig die Energie war, mit der er geschah, doch von einem Mann wie Diedrich ausging, der einen Theils seine Sache durch beleidigende Schroffheit der Form nach so viel verdarb, andern Theils auch in der Sache selbst sich von Uebertreibung nicht frei hielt. Durch beides wurde das Oberkirchencollegium in Breslau zu disciplinarischem Einschreiten gegen Diedrich provocirt, ja genöthigt. Wenn nehmlich Die⸗ drich, wie geschah, fortfuhr, öffentlich in Blättern, die in allen Gemeinden ge⸗ lesen wurden, die bestehende Kirchenordnung, das Kirchenregiment und seine Weise als nacktes Antichristenthum hinzustellen, so konnte das freilich mit