# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1863_S369 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Die Zerwürfnisse in der lutherischen Kirche Preußens. 369 theologische Wissenschaft wieder aus dem tiefen und völligen Abfall von allem Christenthum, aus den Irrwegen des Rationalismus und Pietismus heraus den Rückweg zur reinen und lauteren Lehre des lutherischen Bekenntnisses suchen und finden muß: was ists Wunder, daß wir da noch mancher Unklarheit, mancher Verwirrung, manchem harten Kampf begegnen, in welchem sich die Kirche erst mit all den unreinen Geistern, die sich auf ihrem Gebiet in vergangener Zeit frei herumgetummelt haben, ins Klare setzen muß? Und mischt sich in diesen Kampf auch vieler Orten menschliche Schwachheit und Leidenschaft, wie denn leider in diesem sündigen Leben selten ausbleibt, so ist das zwar höchst strafbar und bejammernswerth, aber es raubt uns doch nicht die Zuversicht, daß die Anfechtungen und Kämpfe der Kirche auch in heutiger Zeit nicht weniger als in früheren Jahrhunderten eine süße Frucht der Ge⸗ rechtigkeit und Wahrheit bringen werden. Es ist bekannt, daß in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts durch Trennung von der Union sich die lutherische Kirche in Preußen neu erhoben hat. Nach langer schwerer Verfolgung sammelten sich 1841, als Zeiten der äußeren Ruhe eintraten, Pastoren und Gemeindedeputirten in Breslau zu einer Generalsynode, auf der man für die von der Union und dem staatlichen Kirchenregiment getrennten lutherischen Gemeinden eine neue kirchliche Ord⸗ nung und Verfassung berieth und festsetzte. Verkenne man nicht die Schwie⸗ rigkeit dieser Arbeit, für damalige Zeiten zumal. War doch die lutherische Kirche bis dahin Landeskirche gewesen, galt es also, einen ganz neuen, bis dahin nicht gewesenen Verfassungsbau für freie lutherische Gemeinden zu errichten, und das in einer Zeit, wo kaum die ersten Schritte der Rückkehr aus Rationalismus und Pietismus gethan waren, in einer Zeit, wo der bei weitem größte Theil der lutherischen Kirche noch wie im Todesschlaf lag, wo noch auf keiner deutschen Universität das lutherische Bekenntniß wieder zu Geltung und Ehren gekommen war, wo unzählige Lehrfragen noch unerörtert ruhten, die seitdem Gegenstand theologischer Forschung geworden und uns zu klarem Bewußtsein gebracht worden sind. Wir müssen fürwahr erstaunen, wenn wir in jenen Zeiten die ehrwürdigen Zeugen der lutherischen Kirche in Preußen ansehen, wie sie nicht nur unerschüttert in Banden und Trübsalen, fast noch einsam auf dem Gebiet unserer deutsch⸗lutherischen Kirche, mit ihrem Bekenntniß da standen, sondern wie sie auch wirklich insoweit, als es geschehen ist, durch Gottes Gnade es vermochten, die Kirche aus zerstreuten Bruchstücken, die ihnen die Union übrig ließ, zu sammeln, zu ordnen und ihr einen neuen Verfassungsbau zu geben, in dem sie bis heute in Segen gewohnt und über alle Theile Preußens sich ausgebreitet hat. Doch darf der Blick auf diesen Segen uns nicht blind machen in Bezug auf die Gebrechen, die diesem Verfassungsbau ankleben. Ists doch eben der Triumph göttlicher Gnade und Weisheit, auch gebrechliche und theilweise unreine Gefäße doch oft mit reichem Segen zu füllen. Ungünstig für den neuen Verfassungsbau wirkten namentlich zwei verschiedene Ursachen: erstlich die Zeitverhältnisse. Man war bis dahin gewohnt gewesen an die staats⸗