# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 24_S164 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) daraus ſchöpfen; die methodiſtiſche Maſſe aber ſind und bleiben Gefühlsjäger und begnügen ſich an dieſen und jenen Rührungen, vielleicht auch Thränen und der ſchmerzlichen Luſt, die ſie dabei gehabt. Und dieſe Luſt wollen ſie auch bei ihrem ſpäteren Schwätzen von dieſen ihren kleinen Er⸗ fahrungen wieder haben. Aehnlich geht es nun auch her, wenn ſie das Evangelium, die frohe Botſchaft von der Gnade Gottes in Chriſto, in der Predigt hören oder in der Bibel leſen. Die Hauptſache iſt und bleibt, daß ſie auch hier was Beſonderes fühlen und ge⸗ nießen, und zwar was Süßes und Liebliches, daß ſie die Nähe des Heilandes und das Wehen des Geiſtes kräftiglich ſpüren wollen. Auch hier ver⸗ langen ſie ſtark danach, jene erſten ſüßen Gna⸗ dengefühle und Glaubensfreuden wieder zu em⸗ pfinden und jene ſtürmiſchen Entzückungen wieder zu erfahren, die allerdings manchen Seelen in der Frühzeit ihrer Bekehrung der Heilige Geiſt zuſen⸗ det, um ſie von der Luſt der Welt kräftig loszu⸗ reißen und ihnen tief, nachhaltig und unvergeßlich den Unterſchied zwiſchen Fleiſch und Geiſt, Welt und Reich Gottes, Satan und Chriſtus in die Seele zu prägen. Es ſind dies die Liebesküſſe des Vaters (Luc. 15, 20.) gegen den rückkehren⸗ den verlornen Sohn. Wenn aber dieſe beſonders zärtlichen Liebes-Erweiſungen, die auch dem blö⸗ den und verzagten Sünder zur Rückkehr ins Va⸗ terhaus immer mehr Muth machen ſollten, ſpäter auf hören, d. i. wenn vielleicht dasſelbe wieder ge⸗ hörte oder geleſene Evangelium nicht mehr den früheren tiefen und ſüßen Eindruck auf ihr Gefühl macht, ja ſie leere und dürre ſich dabei fühlen, dann werden ſie gar leicht irre und unſicher und zappeln mit ihrem Gefühlsglauben ängſtlich hin und her. Ihre Prediger und Seelſorger wiſſen ihnen dann häufig auch keinen andern Rath zu geben, als durch beſondere Gebets⸗Anſtrengungen jenes frühere Gnadengefühl wieder zu gewinnen, und im beſten Falle ſind es nur jene ernſteren und tieferen Seelen, die durch Gnade des Heiligen Geiſtes allmählich dahinter kommen, daß Gott ſelber dabei ſei, ihnen den früher ſo mächtigen und herrlichen Wohlgeſchmack an ſeinem Evange⸗ lium zu entziehen und zwar aus mehren Gründen: 1) um ſie eben von ihrem früheren Gefühlsglau⸗ ben, der ſich nur an die Eindrücke des Wortes Gottes hängt, ab⸗ und in den rechten Schrift⸗ glauben hineinzuleiten, der ſich, auch ohne Gefühl des Glaubens, an das Wort der Verheißung ſel⸗ ber hängt um der Treue und Wahrhaftigkeit Gottes willen; 2) um eben dadurch die früheren, in den Gefühlsglauben eingeſchlichenen menſch⸗ lichen und ſündlichen Zuthaten des feinen Hoch⸗ muthes und der ſelbſtiſchen Genießlichkeit und der eitlen Selbſtbeſpiegelung gründlich auszuſchnei⸗ den; 3) um ſie im kahlen, nackten Glaubensge⸗ horſam der Schrift zu üben, zu begründen und fortzubauen. Die Maſſe der Methodiſten aber, wiewohl ſie erleuchtete Augen des Verſtändniſſes zu haben meinen, ſiehet dennoch dieſe erziehende Liebe und Weisheit Gottes nicht, vielmehr ſuchen ſie durch eigene Mittel und Wege den dürren und trockenen Zuſtand los zu werden, und wo möglich 164 wieder in eitel Freude und Süßigkeit zu ſchwim⸗ men. Die Hauptmittel aber ſind jene lauten und gewaltſamen Schreigebete, die ſie gerne das Rin⸗ gen Jakobs mit dem HErrn, und das dem Him⸗ melreich Gewalt anthun, nennen, was ſie in an⸗ dern Fällen gar wohl ſein können. Statt alſo ſich zuerſt genau zu unterſuchen, ob die Haupturſache der geiſtlichen Dürre nicht in ihnen ſelber liege — ſo z. B. wenn ſie es anderſeits mit den Schwachheitsſünden eiwas obenhin neh⸗ men oder gar einer alten Schooßſünde, und dem Teufel in ihr, etwa wieder den kleinen Finger ge⸗ reicht oder nicht entzogen haben — ſodann aber, ſtatt ſich unter ſich in das feſte unwandelbare Wort der Verheißung und Erfüllung in Chriſto zu wenden und dort für ihr trocknes oder ängſtiges Herz feſten Glaubensgrund zu gewinnen, gaffen ſie über ſich und erwarten von ihren Gebets-An⸗ ſtrengungen, die Nähe des HErrn wieder eben ſo lieblich und reichlich zu ſchmecken als ehedem. Ich fragte einmal einen methodiſtiſchen Predi⸗ ger, der ſchon an zwölf Jahre predigt, was es denn heiße, wenn im Apologeten aus dem Bericht des Herrn Prediger N. N. gedruckt ſtehe: „geſtern (gewöhnlich nach Anwendung der Bußbank) ka⸗ men zehn Seelen in die herrliche Freiheit der Kin— der Gottes.“ Antwort: Nun ſie fühlten die Gnade Gottes und die Vergebung der Sünden in Chriſto kräftig in ihren Herzen und bezeugten es auch laut durch ihren Mund. Ich: Wenn ſie aber morgen nichts mehr da⸗ von fühlen, wie dann? Er: Nun ſie müſſen ernſtlich beten und flehen, daß ſie es wieder fühlen! Ich: Wenn dies aber nichts hilft und die Trockenheit eher zu⸗ als abnimmt? Er: Sie müſſen noch ernſtlicher beten und ringen. Ich: Wenn ſie dies aber nicht können, ja wenn am Ende gar Gewiſſen und Geſetz wieder gegen ſie aufſtehen und die Dürre zur Angſt wird, wie dann? Er: Dann ſind ſie nicht gründlich bekehrt. Ich: Aber ſie waren ja an der Buß- und Gnadenbank und im Apologeten ſtand ja gedruckt: „ſie kamen in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes.“ Er: Ja! es gibt auch Manche, die doch wie⸗ der abfallen. Ich: Nun da ſolltet Ihr wenigſtens etwas vorſichtiger ſein und nicht immer gleich ſo eilfertig und zuverſichtlich die beſtimmte Zahl im Apologe⸗ ten angeben, als wäret Ihr Herzenskündiger wie der HErr ſelber, und wüßtet genau, was im Men⸗ ſchen iſt. Doch dies beiläufig. Um aber wieder auf unſern Fall zurückzukommen: könnt Ihr Euch nicht denken, daß jene geiſtlich dürren oder gar durch Moſen wieder erſchreckten Seelen nicht wie⸗ der muthwillig in Sünde zurückfielen und doch nicht das Gefühl der Freude in Chriſto und des Troſtes des Heiligen Geiſtes wieder gewinnen können, nachdem ſie oft und ernſtlich darum ge— betet, ja daß ſie gar nicht mehr recht beten können? Der Methodiſtenprediger ſchwieg eine gute Weile; denn es ſchien ihm doch faſt unglaublich daß Seelen, die an der Bußbank vielleicht nach beſonderem Geſtöhne und Gejauchze zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes gekommen waren, nachher nicht mehr ſollten recht beten können, ohne wieder abgefallen zu ſein. ö Endlich ſagte er: „Gott iſt ja doch aber größer, als unſer Herz.“ Recht, erwiederte ich ihm; aber wo ſteht das anders, als in dem Worte Got⸗ tes; dahinein, in die tröſtlichen Zuſagen des treuen Gottes in der heiligen Schrift müſſen jene“ bekümmerten und angefochtenen Seelen gewieſen werden, wenn man zuvor verſichert iſt, daß nicht ſündliche Rückfälle dieſen Zuſtand der Dürre oder der Angſt bewirkt haben, nicht aber darf man ihnen, gleichſam als ein neues Geſetz, jene Gebetstreiberei aufladen. Hierauf ſagte er nun weiter nichts mehr und ich ging meines Weges. — Siehſt du, lieber Philipp, ſo kläglich iſt es im Durchſchnitt mit den armen Methodiſten beſtellt, die ſich jedoch, gleichfalls nach ihrem trüglichen Gefühle, mindeſtens für den Augapfel Gottes halten und ſo ziemlich Alles für „draußen“ an⸗ ſehen, was nicht Methodiſt oder methodiſtiſch ge⸗ ſinnt iſt. Sie haben eben keinen feſten Gnadenſtand, weil Buße und Glauben, wie wir ſehen, krankhaft und geſetzlich ſind; denn, wie geſagt, ſie hängen ſich mehr an die einzelnen Gefühls⸗Eindrücke der be⸗ ginnenden Buße und des beginnenden Glaubens durch die Wirkungen des Wortes Gottes in Ge⸗ ſetz und Evangelium, als an das Wort des HEnn ſelbſt. Und daher kommen dann, wenn wir ihre Buße und Glauben zuſammen betrachten, folgende Uebelſtände: 1. Sie verzagen leichtlich an ihrem Glauben, wenn ſie die Sünde ſtärker fühlen. 2. Sie halten ſich des Glaubens für unwürdig, wenn ſie die Sünde ſchwächer fühlen; denn je ſtärker die Bußſchmerzen, deſto würdiger wähnen ſie ſich für Gnade und Glauben. 3. Sie klagen und wundern ſich gern über neue Entdeckungen des alten ſündlichen Verderbens, als könnte der Menſch von Natur mehr oder we⸗ niger ſein, als eben ein Sünder. ö Wer ſich aber hier wundert, der gibt zu erlen⸗ ö nen, daß er ſich früher doch nicht für ſo ſchlecht und verderbt gehalten hat. 4. Sie vergeſſen leichtlich dirſſen armen Sün⸗ der, wenn ſie ihren Glauben ſtärker fühlen. 5. Sie bleiben beim Gefühle der Dürre oder Angſt und Trauer im Geſetz hängen, ſtatt den Troſt der Schrift im Evangelium zu ergreifen; und umgekehrt, ſie tröſten ſich bei den ſogenannten Schwachheitsſünden gar zu eilig mit der Gnade, ſtatt ſich im Geſetz zuvor etwas ſchärfer zu prüfen. 6. Sie halten dieſen Glaubens-Anfang für den rechten Glaubensſtand. Mit dem recht⸗ gläubigen und rechtgläubigen lutheriſchen Schriftchriſten und rechten Sohne ſeiner Kirche aber ſteht es gar anders; denn: 1. Er ſteht im Glauben feſt auf den Gnaden⸗ und Troſtverheißungen des Wortes Gottes, und zwar in deſſen Zeugniß von dem für ihn Ge⸗ kreuzigten und Auferſtandenen, wenn er die