# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1863_S345 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber den eigentlichen Krebsschaden der deutschen Kirche. 345 standen sich gegenüber, sondern in den buntesten Schattirungen die Glieder jeder Partei wieder unter sich, und die Ansichten durchkreuzten sich oft wunderlich, daß mancher in diesem oder jenem dem Gegner näher stand als den eigenen Freunden. In der Frage vom Chiliasmus, in welcher ein von mir gestellter Antrag im wesentlichen dahin ging, die Synode möge sich zu dem 2. und 3. Artikel des kleinen lutherischen Katechismus in seinem Wortlaut bekennen, vermochte man sich nicht einmal schlicht und einfältig hierin zu vereinigen. Darum scheint es mir eitle Täuschung, wenn das Kirchenblatt von Nagel die Hoffnung ausspricht, nach Entfernung der Hauptvertreter des Dietrich'schen Gegensatzes aus der Breslauer Synode dürfe dieselbe einer Zeit des Friedens entgegensehen; die Synode trägt die theologischen Streitfragen, um die es sich handelt, ungelöst in ihrem Schooße fort, und darum wird sie vergeblich auf Ruhe hoffen. Und ist das alles nur ein Ungefähr? Es ist ohne Zweifel nur die Frucht und Folge des gesammten Standes unsrer deutschen Theologie und all der verschiedenen Geistesrichtungen, die auf dem Gebiet unsrer deutsch lutherischen Kirche hausen. Es kommen dieselben naturgemäß in der Freikirche zum offenen Hervortreten und Zusammenstoßen, es treten die vorhandenen Prinzipien in der Freikirche unmittelbar mit ihren praktischen Ergebnissen ans Licht, während die Landeskirchen den Schaden verdeckt lassen hinter den Formen und Banden der äußern staatlichen Ordnung der Kirche. Noch schmerzlichere Erfahrungen in genannter Hinsicht habe ich in meinem nächsten Lebenskreise machen müssen. Die rheinische Pastoral Conferenz separirter lutherischer Pastoren, seit etwa 10 Jahren gegründet, bestand aus 7 bis 8 Mitgliedern. Wir haben redlich gesucht und gerungen, in den kirchlichen und theologischen Streitfragen der Gegenwart unter uns einig zu werden. Eine kurze Zeit schien es zu gelingen; da zeigte sich aufs neue die ganze Tiefe der theologischen Zerrissenheit und der verschiedenen Richtungen unserer Zeit auch in unserm kleinen Kreise, und die Conferenz hat sich seit 2 Jahren aufgelöst; trotz den Banden der innigsten, ja wahrhaft zärtlichen Bruderliebe, die uns einigte, stob unsre Gemeinschaft auseinander, und so viel Köpfe, so viel verschiedene theologische Richtungen und Lehrformen stehen sich fast unter uns gegenüber. Es sind Zeichen unserer Zeit, die sich in solchen Thatsachen offenbaren, es sind, wenn auch nur im Kleinsten, doch Stücke unserer heutigen Kirchengeschichte. Und Angesichts solcher Erfahrungen, dürfen wir da noch zweifeln, welches der Krebsschaden ist, der an der Wurzel unserer Freikirchen, an der Wurzel unseres ganzen kirchlichen Lebens und Bestandes in heutiger Zeit nagt? Oder sollen wir meinen, mit der „socialen Unterlage," d. h. mit dem Stecken weltlicher Obrigkeit, der unsre Landeskirchen regiert, oder mit dem Krummstab bischöflicher Verfassung wäre uns geholfen? das könnte uns zu Einigkeit im Glauben und Lehre helfen und die Kirche erhalten? oder gar dieser Stecken und Krummstab könnten und sollten uns zusammenhalten, trotz aller Uneinigkeit in Glauben und Lehre?“