# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 30_S159 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Etwas von Dr. J. Albr. Bengels Erziehungs⸗ grundſätzen. Bei der Jugend mache ich nie viel aus den ſo gewöhnlich vorkommenden Bübereien und ju⸗ gendlichen Leichſinnigkeiten, ich erkläre es ihnen wohl überhaupt für Sünde, aber ich ahnde es nicht bei jedem vorkommenden Falle, weil es bei Leuten, die auf die innere Zucht nicht achten, doch nicht wohl anders ſein kann. Ein Anderes iſt's, wo ſchädliche und gefährliche Ausbrüche dazu kom⸗ men, da muß man freilich darein ſehen und nö⸗ thigenfalls auch das Rauhe ein wenig heraus⸗ kehren, nur aber dabei blicken laſſen, daß man es gut meint und nichts nachgetragen wird.“ „Wenn man die Kinder allzuſorglich hütet. ſo pflegen ſie hernach, wenn ſie ein bischen Luft be⸗ kommen, deſto mehr auszuſchweifen und man hat bei ſolchen, ſo behutſam Gewarteten Noth, Natur und Gnade zu unterſcheiden.“ „Es zeigt ſich bald, wie junge Leute werden wollen. Wo muntere Freiheit und Offenheit iſt, da hat's keine Noth; aber wo Falſchheit, Lüge, Unkeuſchheit bei Ausgelaſſenheit ſich findet, da iſt wenig Gutes zu hoffen.“ „Erzieher müſſen ſich ja vor dem Zorne hüten, und nicht ihren Reſpect erzwingen oder mit Ge⸗ walt der Untergebenen Eigenſinn brechen' wollen, ſonſt, wenn man die Kinder zum Zorne reizt, überſchlagen ſie gern, bekommen harte Gemüther und werden noch mehr verderbt. Der Endzweck muß einzig und allein der ſein, ihnen zurecht zu helfen. Oft kann man, wo ein geringes Ver⸗ ſehen abgeſtraft worden iſt, durch unvermuthete und wohlbedächtliche Ueberſehung eines größern ein Gemüth beſchämen und gewinnen. Man vermeide in der Erziehung alle Künſtelei. Man verſchaffe den Kindern gute Gelegenheit, dadurch ihnen das Wort Gottes bekannt wird; wenn ſchon nicht alles bleibt, ſo wird doch hie und da elwas bleiben. Man fange aber mit Geſchichte an und nicht mit Sprüchen; Exempel machen einem Luſt; Befehle nicht. Mit vielen Aus⸗ legungen und Zumuthungen die Kinder über⸗ laden, iſt nicht rathſam, ſonſt werden ſie gegen alles verſchloſſen und widrig geſinnt. Ein Brun⸗ nenmacher räumt nur die Hinderniſſe aus dem Wege, ſo läuft das Waſſer von ſelbſt. Wenn man den Kindern nur die Gelegenheit zu groben Ausſchweifungen abſchneidet, ſo iſt übrigens beſſer, wenn man ſie in ihrer meiſt unſchuldigen Ge⸗ ſchäftigkeit mehr ihrer eigenen, als fremder Will⸗ kür überläßt, z. B. im Springen und andern Handlungen, wozu eine jugendliche Munterkeit antreibt, da einige Aufſeher oft alles für Leicht⸗ ſinn ſchelten, ſoll man eben nicht ſo gar genau ſein.“ „Man halte Kinder wenigſtens Morgens und Abends zum Gebete an, indem man ihnen ent⸗ weder vorbetet, damit ſie dann ein Muſter neh⸗ men können, oder ſie ſelbſt beten läßt. Uebrigens bete man auch ſelbſt fleißig für ſie in der Stille.“ „Mädchen bewahrt man vor Fürwitz und Löf⸗ felei, weiſ't ſie zur Stille an, bringt ihnen einen Abſcheu vor den Schwätzereien und dem Mähr⸗ 159 lein in's Haus tragen bei. Ich habe meine Töch⸗ ter im Leiblichen und Geiſtlichen nicht begehrt raf⸗ finirt zu machen. Sie ſind ſo in der Einfalt nach der Weiſe der Patriarchen aufgezogen, und eben daher vor Galanterie, Romanen und anderem Fürwitz bewahrt worden. Was noch fehlt, kann ein Mann ſelbſt erſtatten, und ſie gewöhnen, wie er ſie haben will; dies wäre nicht ſo leicht mög⸗ lich, wenn ich ihnen eine beſtimmtere Form ge⸗ geben hätte.“ „Der Umgang lediger Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechtes miteinander iſt auch unter dem beſten Schein immer gefährlich. Eine gewiſſe austeri- tas (ſtrenge Abgeſchloſſenheit) darin iſt gut und dienlich.“ Die Folgen einer auf dieſe Grundſätze gebauten Erziehung waren die, daß Bengel ſagen konnte: „Gleichwie ich mir eine gute Erziehung meiner Kinder habe angelegen ſein laſſen, alſo habe ich auch an meinen Kindern und Kindeskindern kein Herzeleid, ſondern lauter Freude erlebt, und es wird über ihnen der väterliche und großväterliche Segen ruhen.“ (Aus Burks Paſtoraltheologie.) Getroſt! (Löhe.) Keine Gerechtigkeit findeſt Du mehr auf Erden? Ich ſage Dir und will Recht behalten wider Dich, daß ſo wahr Gerechtigkeit im Himmel, ſo wahr Gerechtigkeit auf Erden iſt. Lebt Er nicht, der zum Vater gegangen iſt, IEſus Chriſtus? Iſt Er nicht in ewiger Glorie auf des Vaters Thron? Er iſt ja unſere Gerechtigkeit! Unſere Gerechtig⸗ keit iſt ja aus dem Bereiche der Sünde entrückt, unantaſtbar, unverlierbar iſt ſie uns aufgehoben. Du aber haſt Theil an ihr, wenn Du nicht ſiehſt und doch glaubſt, daß Er Dein iſt. Wer an Ihn glaubt, glaubt, daß Er in unſerm Namen ernie⸗ drigt, in unſerm Namen verdammt, in unſerm Namen gerechtfertigt wurde durch die Auferſte⸗ hung und verherrlicht durch ſeine Auffahrt, der iſt vor Gott nicht ungerecht geachtet, ſondern ge⸗ kommen, bereits gekommen mit dem Schächer und aufgenommen mit dem Schächer zu dem Berge Zion, zur himmliſchen Stadt, zu den Geiſtern der vollendeten Gerechten. Du ſiehſt die Ge⸗ rechten nicht, aber Du wirſt ſie ſehen. Sie ſind verborgen mit Chriſto in Gott, aber ſie leben, ſie ſind gezeichnet, ſo gewiß von dem, der hinging und nicht geſehen wird, das Wort des Heiligen Geiſtes ſpricht. Noch klagſt Du? Es ſei, ſagſt Du, ein Wü⸗ then des Satans auf Erden, eine unerträgliche Macht der Bosheit. Aber was hätteſt Du am Tage der Kreuzigung geſagt? Du hätteſt nicht mit dem HErrn geſprochen: „Der Fürſt der Welt kommt und hat Nichts an mir.“ Du biſt kurz⸗ ſichtig, Du haſt vielleicht Einſicht in's noch vor⸗ handene Böſe, aber Du biſt vor lauter Schauen in die Nacht für das Licht verblendet, Du ſiehſt nicht, daß „der Fürſt der Welt gerichtet iſt“. Aber Chriſtus ſpricht, der Geiſt prediget es. Was der Satan errege, wie es auch ſtürme, nicht die Macht, ſondern die Todeswehen, nicht der Triumph, ſon⸗ dern das Unterliegen des Satans wird dadurch offenbar. In allem Unterliegen ſiegen IEſu Glieder. Die Geſchichte der Kirche iſt allerdings eine Siegesgeſchichte unſeres HErrn und Seiner Kirche, welche die Pforten der Hölle nicht über⸗ wältigen. Guten Muth, gute Zeiten predige ich Dir! In Wehen wandeln wir, aber auch im Beginne ewigen Lebens. Die letzten Zeiten ſind auch die erſten an der Morgenröthe. Immer mehr wer⸗ den wir in alle Wahrheit geleitet, immer heller ſtrahlt das Licht in Goſen, je finſterer es in Aegyp⸗ ten wird. Immer klarer werden alle Worte des HErrn, immer weiter hinein in die Erfüllung wandern wir! — Ach, gib uns, HErr, Augen, zu ſehen, ein Herz, zu verſtehen, daß es, ſo lange Chriſtus iſt der HErr, von Tag zu Tag wird herrlicher! — Der verſtoßne Vater. Liebes Kind, pflege Deines Vaters im Alter, und betrübe ihn ja nicht, ſo lange er lebet. Und halte ihm zu gut, ob er kin diſch würde, und verachte ihn ja nicht, darum, daß Du ge⸗ ſchickter biſt. (Sir. 3, 14. 15.) Zu Hilgenbach, einem vormals Naſſaui⸗ ſchen, jetzt preußiſchen Marktflecken, lebte zu An⸗ fang des achtzehnten Jahrhunderts ein Ehepaar, die noch einen alten Vater und einen kleinen, etwa fünf Jahre alten Knaben hatten. Der Vater wurde immer ſchwächer, er zitterte, und konnte den Eßlöffel nicht zum Munde bringen, ohne zu verſchütten. Der Sohn und die Schwie⸗ gertochter ekelten ſich vor ihm, und brachten ihn vom Tiſche hinter den Ofen. Weil er aber kei⸗ nen Tiſch hatte, und ſein irdenes Schüſſelchen auf den bebenden Knieen halten mußte, ſo entfiel es ihm oft, und zerbrach. Da gaben ſie ihm ein hölzernes Näpfchen, aus dem er eſſen ſollte. — Dieß bemerkte der kleine Enkel des Alten, er ſchlich ſich vom Tiſche weg, fing an Brettchen zuſammen zu tragen und neben einander zu legen. Als nun ſein Vater ihn fragte: „Junge, was machſt Du denn da?“ antwortete derſelbe: „Ich mache ein Trögelchen, aus dem Ihr eſſen ſollt, wenn ich einmal groß bin.“ Dieſe Worte waren ein Donnerſchlag für die Eltern, ſie ſtan⸗ den auf, baten mit Thränen den alten Vater um Verzeihung, und behielten ihn gern an ihrem Tiſche, ſo lange er lebte. —. Der kräftige Spiegel. Der Sohn Gottes hat es ſich laſſen ſo ſauer werden, unſere Sünden zu tilgen, darum iſt es nöthig, daß wir uns den Gekreuzigten oft vor⸗ ſtellen, und durch ſein Jammerbild uns von der Sünde abſchrecken laſſen. Der fiorentiniſche Mönch Galatinus hat dies an einer andern Perſon mit Glück verſucht. Es lebte in ſeiner Nachbarſchaft ein üppiges Weib, welche er gern dem HErrn Chriſto zugeführt hätte. Hierzu erſann er dieſes Mittel. Er ließ das Bild des gekreuzigten IEſu auf eine Tafel malen, die wie ein Spiegel eingefaßt war, hängt dieſelbe an ein Fenſter, in welches das Weib aus ihrem Hauſe ſehen konnte, und tritt oft davor, als ob er ſich im Spiegel beſchaute. Das wird ſie inne,