# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 30_S158 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wirklich in den Leib und in das Blut Chriſti ver⸗ wandelt werde und weder Brod noch Wein übrig bleibe, denn Chriſtus ſage klar und deut⸗ lich: „Das (Brod) iſt (nicht Brod, ſondern) mein Leib; das (dieſer Kelch) iſt (nicht Wein, ſondern) mein Blut.“ Hierauf antworten wir Folgendes: Wäre es wirklich alſo, daß die Lehre von der Verwandlung auf klarem Schriftgrunde beruhte, ſo wäre das, daß die römiſche Kirche dieſe Lehre bekennt, natürlich kein Grund, ſie zu verwerfen; ja, wir ſagen es frank und frei: könnte man uns davon aus Gottes Wort überzeugen, ſo würden wir nicht das Mindeſte nach dem Urtheil der Menſchen fragen, ſondern auch dieſe Lehre mit Freuden annehmen, ſie vor aller Welt ohne Scheu bekennen und dafür kämpfen bis in den Tod. Aber weit entfernt, daß die römiſche Lehre von der Verwandlung (Transſubſtantiation) in hei⸗ liger Schrift Grund haben ſollte, ſo iſt ſie viel⸗ mehr eine klägliche Geburt menſchlicher Vernunft⸗ ſpeculation, die nicht nur über das Wort Gottes hinausgeht, ſondern auch demſelben ſchnurſtracks widerſpricht. Es iſt freilich wahr: hätte Chriſtus wirklich geſagt: „Das Brod iſt mein Leib“, dann müßte man allerdings zugeſtehen, daß nach dieſen Wor⸗ ten Chriſti das Brod entweder in einem bild⸗ lichen Sinne ſein Leib ſein oder vermittelſt des Wortes Chriſti in ſeinen Leib verwandelt werden müßte, denn was Brod iſt, iſt nicht Leib, was Leib iſt, iſt nicht Brod.“) Aber wo ſpricht Chri⸗ ſtus: das Brod iſt mein Leib?ꝰ Nirgends! Er ſagt: „Das“, nemlich das, was ich mit dem, was ihr ſehet, euch gebe, „iſt mein Leib“. Der Apoſtel zwar nennt 1 Cor. 10, 16. ſowohl das Brod als den Kelch ausdrücklich, aber da ſpricht er nicht, daß dieſes der Leib und das Blut Chriſti ſei, ſondern allein „die Gemeinſchaft“ des Leibes und Blutes Chriſti. Der Leſer erſieht hier⸗ aus: es iſt ein leeres Gedicht, wenn man be⸗ hauptet, daß der eigentliche und buchſtäbliche Verſtand der Einſetzungsworte auf die römiſche Lehre von der Verwandlung führe; dieſe Lehre beruht vielmehr, wie die reformirte, auf der grund⸗ falſchen Annahme, daß das Wörtchen „das“ allein auf das Brod hinweiſe, während doch Chri⸗ ſtus nicht ſpricht, das Brod iſt mein Leib, viel weniger, es iſt in meinen Leib verwandelt. Der wahre Grund dieſer Lehre iſt alſo menſchlicher Zu⸗ ſatz zu Chriſti Worten und Verfälſchung derſelben. Hierzu kommt, daß dieſe Lehre auch mehreren *) Man hat wohl zu merken, daß zwar auch lutheriſche Theologen ſich der Redeweiſe bedienen, daß das Brod der Leib Chriſti ſei, es geſchieht dies aber in einem rechtgläubi⸗ gen Sinne. Sie wollen damit nicht ſagen, daß das Brod weſentlich, auch nicht, daß es bedeutungsweiſe, ſondern ſa⸗ cramentlich der Leib, Chriſti ſei, nemlich vermöge der ſacramentlichen Einigung, die zwiſchen dem Leibe Chriſti und dem geſegneten Elemente ſtattindet. Wie man, von Chriſto redend, ſagen kann: „Der Menſch iſt Gott, und Gott iſt Menſch“, weil zwiſchen beiden eine perſönliche Vereinigung ſtattfindet. Obgleich jedoch hiernach die Redensart: „Das Brod iſt der Leib Chriſti“, gerechtfertigt werden kann, ſo iſt doch dieſer kirchliche Ausdruck mit der Redeweiſe Chriſti nicht zu verwechſeln, am wenigſten iſt die letztere nach der erſteren auszulegen. 15⁸ Sprüchen der heiligen Schrift in das Angeſicht widerſpricht. Wir können uns hierbei nicht auf⸗ halten und verweiſen unſere Leſer auf die Stellen, in welchen das, was man im heiligen Abend⸗ mahle ißt und trinkt und weſſen man theilhaftig wird, nicht nur der Leib und das Blut des HErrn, ſondern auch ausdrücklich Brod und Wein (1 Cor. 10, 16. 17. 11, 26—29.) und dieſe ſichtbaren Elemente die Gemeinſchaft des Leibes und Blu⸗ tes Chriſti genannt werden. Was nun endlich die lutheriſche Lehre vom hei⸗ ligen Abendmahle betrifft, ſo beruht dieſelbe aller⸗ dings auf dem buchſtäblichen, eigentlichen und einfältigen Verſtande der Worte der Einſetzung. Die lutheriſche Kirche lehrt nemlich, daß beides gegenwärtig iſt, die äußeren Elemente und der Leib und das Blut des HErrn, und zwar aus dem einfachen Grunde, 1. was Brod und Wein betrifft, weil die Evangeliſten ausdrücklich ſagen, Chriſtus habe Brod und Wein genommen und dargereicht, und 2. was Chriſti Leib und Blut betrifft, weil Chriſtus bei Darreichung dieſer ſichtbaren Dinge geſagt hat: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut.“ Daß Chriſtus ſo redet, daß er nemlich nicht ſagt: das iſt Brod und mein Leib ꝛc., dies kann niemanden befremden, da es eine gewöhnliche Redeweiſe iſt, die ſowohl im täglichen Leben, als in der heiligen Schrift vorkommt. Reicht man nemlich jemanden zwei Dinge dar, die mit ein⸗ ander verbunden ſind, von denen das eine in dem andern enthalten iſt, inſonderheit wenn das eine in die Augen fällt und das andere nicht, ſo nennt man in der Regel, auf beides hinweiſend, nur das Wichtigere, auf das es eigentlich an⸗ kommt, und das, was nicht in die Augen fällt; z. B. eine Börſe mit Geld oder ein Glas mit Wein darreichend, ſpricht man: „Nimm hin, das iſt das Geld, das ich dir ſchulde; nimm hin, das iſt Wein, den ich gebaut habe“, womit man weder anzeigen will, daß das Geld in die Börſe und das Glas in den Wein verwandelt ſei, noch daß Geld und Wein nur durch Börſe und Glas bedeutet werde, ſondern daß beides darin enthalten ſei und damit überreicht werde. Die— ſelbe Redeweiſe iſt es, wenn es in der Schrift heißt: „Du biſt der Sohn des lebendigen Gottes“, Matth. 16, 16. „Das iſt mein lieber Sohn“, Matth. 3, 17. Das „Du und Das“ in dieſen Worten zeigt auf die ganze Perſon Chriſti, der Gott und Menſch zugleich war, und doch wird nur die göttliche Natur, als das Wichtigere und nicht in die Sinne Fallende genannt, was natür⸗ lich nicht geſchieht, weil der Menſch IEſus in den Sohn Gottes verwandelt war, oder ihn nur bedeutete, ſondern weil Gottheit und Menſchheit in Chriſto vereinigt war und in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte. So ſpricht auch Johannes der Täufer: „Ich ſah, daß der Geiſt herabfuhr, wie eine Taube, vom Himmel“, Joh. 1, 32. Beim Au⸗ blick dieſer Taube hätte nun Johannes ſagen kön⸗ nen: „Sehet, das iſt der Heilige Geiſt“, womit er nicht angezeigt hätte, daß dieſe Taube in den Heiligen Geiſt verwandelt worden ſei oder daß ſie den Heiligen Geiſt nur bedeute, ſondern daß der Heilige Geiſt in der Taube ſei, mit ihr gekom⸗ men ſei und unter dieſer Geſtalt ſich offenbare.“) Wenn alſo Chriſtus ſagt: „Das iſt mein Leib“ ꝛc., ſo weiſ't er mit dem Fürwort „Das“ auf beides hin, was er darreiche, auf das Biod und den in, mit und unter dem Brode gereichten Leib; er nennt aber das Brod nicht, weil dies die Augen der Jünger ohne ſein Erinnern ſahen; er nennt nur das, was man nicht ſehen konute, das Wichtigſte, das, was der Menſch außerdem nicht wiſſen konnte und was dem Glauben vor allem vorzuhalten war, nemlich ſeinen Leib und ſein Blut. So hoffen wir nun gründlich erwieſen zu ha⸗ ben, daß die Einſetzungsworte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, nicht uneigentlich und bildlich, ſondern nach ihrer eigentlichen und ur⸗ ſprünglichen Bedeutung zu nehmen ſeien, wollen wir von Chriſti Worten nicht abgehen, ihn nicht zum Lügner machen und nicht den grundloſen Gedanken unſerer Vernunft folgen, die nichts vom Geiſte Gottes vernimmt und der die göttliche Wahrheit eine Thorheit iſt. Wir hoffen Den⸗ jenigen inſonderheit, welchen die größeren Werke unſerer Theologen nicht zugänglich ſind, und die doch nach einer allſeitigen Betrachtung der chriſt⸗ lichen Wahrheit begierig ſind, hiermit einen klei⸗ nen Dienſt erwieſen zu haben. Wir haben nicht zu überreden, ſondern durch klare Gründe zu überzeugen geſucht. Möge unſere geringe Arbeit nicht ganz ohne Segen ſein; ſollte ſie nur dazu beitragen, daß mancher Leſer in dem einfältigen Feſthalten an dem Worte, wie es geſchrieben ſteht, geſtärkt wird, ſo wäre das für uns die große Belohnung, die wir allein ſuchen. HErr, erhalte uns dein Wort, denn dasſelbige iſt unſeres Herzens Freude und Troſt! Amen! *) Selbſt Calvin kann nicht umhin, anzuerkennen, daß die Worte: „Das iſt mein Leib“, und, auf die Taube zei⸗ gend: „Das iſt der Heilige Geiſt“, in gleichem Verhältniß ſtehen. Er ſchreibt in ſeiner Auslegung des 1. Briefes an die Corinther C. 11. alſo: „Warum wird der Name des Lei⸗ bes dem Brod beigelegt? Ich meine, alle werden zugeben, auf dieſelbe Weiſe, wie Johannes die Taube den Heiligen Geiſt nennt. Nun hatte es mit dem Heiligen Geiſt die Bewandniß, daß er unter Taubengeſtalt erſchienen war, daher der Name des Heiligen Geiſtes dem ſichtbaren Zeichen beigelegt wird. Warum wollen wir leugnen, daß hier die⸗ ſelbe Redeweiſe ſtattfinde? ... Und ich ſage, daß dem Zei⸗ chen nicht allein deswegen der Name der bezeichneten Sacht beigelegt werde, weil es eine Figur, ſondern vielmehr, weil es ein ſym boliſches Zeichen iſt, mit welchem die Sache über⸗ reicht wird. Denn die Vergleichungen, welche manche von irdiſchen und weltlichen Dingen nehmen, kann ich nicht gelten laſſen, weil ſie etwas von den Sacramenten des HErrn Verſchiedenes haben. Die Statüe des Hercules wird Herkules genannt. Aber was iſt das andtres, als eine blobe leere Figur? Die Taube aber wird der Heilige Geiſt genannt, weil ſie ein gewiſſes Erkennztichen der un⸗ ſichtbaren Gegenwart des Heiligen Geiſtes iſt. So iſt das Brod der Leib Chriſti, weil es gewiß bezeugt, daß uns der Leib Chriſti überreicht werde, den es ſinnbildlich darſtellt, oder weil der HErr, indem er uns dieſes ſichtbare Symbol darreicht, zugleich auch ſeinen Leib gibt. Denn Chri⸗ ſtus geht nicht mit Täuſchung um, daß er uns mit leeren Zeichen betrügen ſollte, daher iſt mir das außer Zweifel, daß hier mit den Zeichen die wirkliche Sache verbunden ſei.“ Wollte Gott, Calvin hätte die hier betretene Bahn verfolgt, ſo würde durch ihn die Spaltung der proteſtan⸗ tiſchen Kirche nicht erweitert, ſondern geheilt worden ſein!