# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 30_S157 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) 7. Doch wir eilen zum Schluß. Wir wollen unſeren Leſern nun nur noch Einen Grund vor⸗ urgen, warum wir an dem eigentlichen Sinne der Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, feſtzuhalten haben; es iſt dies ein Grund, der den falſchen Auslegern auch die letzte Zuflucht be⸗ nimmt und alle ferneren Disputationen völlig abſchneidet. Dieſer Grund iſt: weil, wenn man jene Worte Chriſti wirklich regelrecht tropiſch (uneigentlich, bildlich) nehmen wollte, der ung e⸗ reimteſte Sinn herauskommen würde. Bekanntlich muß die Sache, von welcher man einen tropiſchen oder uneigentlichen Ausdruck ge⸗ brauchen will, eine gewiſſe Gleichheit oder Aehn⸗ lichkeit mit der Sache haben, welche jener Aus⸗ druck eigentlich und urſprünglich bezeichnet. Man kann z. B. anſtatt „meine Jugend“ den tropiſchen Ausdruck „mein Frühling“ gebrauchen, weil die Jugend mit dem Frühling eine gewiſſe Gleichheit oder Aehnlichkeit hat; wie nemlich der Frühling die erſte und lieblichſte Zeit des Jahres und die Zeit der Entfaltung der Natur iſt, ſo iſt die Jugend die erſte und lieblichſte Zeit des Menſchen⸗ lebens, in welcher ſich der Menſch nach Leib und Seele zu entwickeln beginnt.“) Oder, daß wir ein bibliſches Beiſpiel anführen, Chriſtus ſpricht: „Meine Speiſe iſt die, daß ich thue den Willen des, der mich geſandt hat, und vollende ſein Werk.“ Joh. 4, 34. Warum nennt Chriſtus dies „ſeine Speiſe“? Er will ſagen: wie eines Menſchen Hunger durch den Genuß einer Speiſe geſtillt und wie dieſelbe ihm eine Erquickung bringt, ſo wird der Hunger oder das heftigſte Verlangen meiner Seele dadurch geſtillt und mein Herz dadurch erquickt, daß ich den Willen meines Vaters thue und ſein Werk vollenden kann. Wenden wir nun dies auf die Einſetzungsworte: „Das iſt mein Leib“, an. Wäre das Wort „Leib“ hier wirklich ein Tropus oder ein uneigent⸗ licher Ausdruck, was müßte dann wohl der eigentliche Sinn desſelben ſein? Offenbar dieſer: das, was ich euch hier reiche, iſt etwas, was eine gewiſſe Gleichheit oder Aehnlichkeit mit! meinem Leibe hat, ſo daß ich es bildlich meinen Leib nennen kann; alſo etwa: wie mein Leib das Weſen meines Schattens iſt, ſo iſt das Brod das neuteſtamentliche Weſen meines Schattens im Alten Teſtamente. Das wäre ein rechter Tropus; auf dieſe Weiſe gebraucht auch die heilige Schrift wirklich das Wort Leib oder Kör⸗ per in einem bildlichen Sinne Coloſſer 2, 16. 17.: „So laſſet nun niemand euch Gewiſſen machen über Speiſe, oder über Trank, oder über beſtimmte Feiertage, oder Neumonden, oder Sabbather; welches iſt der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper ſelbſt iſt in Chriſto.“ So hätten wir nun zwar einen Sinn, den die Ein⸗ ſetzungsworte haben könnten, wenn das Wort „Leib“ ein Tropus wäre, aber was für einen Sinn? — Welcher vernünftige Menſch wird be⸗ haupten, daß bloßes Brod das rechte Weſen *) Wer eine ganze Reihe der lieblichſten und treffendſten . Bilder, unter welchen das Alter in der Bibel vorgeſtellt wird, leſen will, der vergleiche mit Aufmerkſamkeit die merk⸗ würdige Stelle Pred. Sal. 12, 1—7. 157 Chriſti und etwa das Oſterlamm der Schatten von Chriſto geweſen ſei? — Doch die heilige Schrift gebraucht das Wort „Leib Chriſti“ noch in einem andern Sinne als einen bildlichen Ausdruck, ſie nennt nemlich bildlich ſo die Kirche, das iſt, die unſichtbare Gemeinde der Gläubigen und Heiligen auf Erden. Gott „hat ihn geſetzt“, ſchreibt St. Paulus von Chriſto, „zum Haupt der Ge⸗ meinde über alles, welche da iſt ſein Leib, nemlich die Fülle des, der alles in allem erfüllet“. Epheſ. 1. 22. 23. Wie nemlich das Haupt mit ſeinem Leibe in der innigſten Gemeinſchaft ſteht, ſo findet auch zwiſchen Chriſto und der Kirche die allerinnigſte Gemeinſchaft ſtatt; und wie das Haupt den ganzen Leib regiert und der Leib, von ſeinem Haupte getrennt, nothwendig erſtirbt, ſo regiert Chriſtus ſeine Kirche, belebt und erhält ſie. Sollte es etwa jemanden gelüſten, die Einſetzungs⸗ worte hiernach auslegen zu wollen, um ſagen zu können, daß ein Tropus darin ſei? Wahrſchein⸗ lich niemanden; denn was könnte ungereimter ſein, als zu ſagen: das Brod im heiligen Abend⸗ mahl iſt der geiſtliche Leib Chriſti, nemlich ſeine Kirche, die Gläubigen und Heiligen auf Erden? — Es iſt ſonach klar: will man das Wort „Leib“ in den Einſetzungsworten nach den Regeln der Sprache als einen Tropus auslegen, ſo kommt man auf den ungereimteſten Sinn. Hier werden nun vielleicht manche einwenden, es gebe allerdings einen Tropus, der den natür⸗ lichſten und paſſendſten Sinn gebe, es ſei dies nemlich die ſogenannte Metonymie, das heißt, die redneriſche Figur, nach welcher oft der Name einer Sache verwechſelt, z. B. die Wirkung für die Urſache, das Gefäß für den darin enthaltenen Trank, das Bezeichnete für das Zeichen ꝛc. geſetzt werde. Eine ſolche Metonymie finde ſich auch in den Worten: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, hier werde nemlich das Bezeichnete anſtatt des Zeichens geſetzt, der Leib und das Blut mit den Zeichen des Leibes und Blutes verwechſelt.“) Hierauf iſt zweierlei zu antworten: erſtlich, Leib und Blut kann darum nicht für Zeichen des Leibes und Blutes Chriſti ge⸗ nommen werden, weil Chriſtus von dem erſteren ausdrücklich ſagt: „der für euch gegeben wird“ (Luc. 22, 19.), und von dem letzteren: „welches vergoſſen wird für viele, zur Vergebung der Sün⸗ den.“ (Matth. 26, 28.) Nun iſt aber nicht ein Zeichen des Leibes Chriſti, ſondern ſein wahr⸗ haftiger Leib für uns gegeben, und nicht ein Zeichen ſeines Blutes, ſondern ſein wahrhaftiges Blut für uns vergoſſen worden. Ein zweiter Grund gegen die Annahme einer ſolchen Meto⸗ nymie in den Einſetzungsworten, wie die ange⸗ gebene, iſt dieſer, weil eine ſolche weder in der hei⸗ ligen Schrift, noch in irgend einer Schrift eines verſtändigen Schreibers vorkommt. Schon Luther hat dies dem Oekolampad vorgehalten; er ſchreibt in ſeinem großen Bekenntniß: „Zum andern, iſt's auch nicht wahr, daß ſolcher Tropus Oekolampad's in einiger gemeiner Rede oder Sprache ſei in der *) Es iſt dies die Auslegung, welche zuerſt Oekolampad und nach ihm Calvin von den Einſetzungsworten gegeben fhat: „Das iſt meines Leibes und meines Blutes Zeichen.“ Dinge ſind. ganzen Welt, und wer mir des ein beſtändig Erempel bringet, dem will ich meinen Hals geben.“ Noch iſt niemand aufgetreten, der ein ſolches von Luther gefordertes belegendes Beiſpiel hätte auf⸗ bringen können. Wohl finden ſich Redensarten, in welchen das Bezeichnete genannt und das Zei⸗ chen gemeint wird; dies ſcheint unter anderen in der Ermahnung Pauli vorzukommen: „Darum ſoll das Weib eine Macht auf dem Haupt haben, um der Engel willen.“ 1 Cor. 11, 10. Dies legen nemlich auch rechtgläubige Theologen alſo aus: das Weib ſoll auf ihrem Haupte eine Be⸗ deckung zu einem Zeichen tragen, daß ſie der Macht oder Gewalt ihres Mannes unterworfen ſei. Mögen ſich aber immerhin auch noch andere ähnliche Redensarten finden, ſo wird und kann doch kein vernünftiger Menſch eine Sache gera⸗ dezu nennen und allein ein Zeichen derſelben darunter verſtehen; es wird und kann z. B. nie⸗ mand geradezu ſagen:Das Seepter iſt die könig⸗ liche Gewalt, die Wage iſt die Gerechtigkeits⸗ pflege“, obgleich dies ſymboliſche Zeichen dieſer Manche haben zwar hieher vie Redeweiſe ziehen wollen, daß man, auf das Bild oder auf die Statüe eines Menſchen, z. B. Pauli, Luthers, Huß'ens, zeigend, zu ſagen pflegt: „Das iſt Paulus, das iſt Luther, das iſt Huß“; aber jedermann ſieht auch bei geringem Nachdenken ein, daß es bei Bildern und Statüen einen ganz beſondern Grund hat, warum man da ſo reden kann; einen Grund, der bei anderen Dingen wegfällt. Bei dem Anblick ſolcher Bilder oder Statüen ſieht man nemlich wirklich die dargeſtell⸗ ten Perſonen vor ſich; man kann daher auch ſa⸗ gen: das iſt ein gemalter Paulus, ein mar⸗ morner Luther, ein aus Eiſen gegoſſener Huß. Sieht man aber auch bei dem Anblicke des Brodes und Weines ſo Chriſti Leib und Blut vor ſich, daß man ſagen könnte: das iſt Chriſti bröderner Leib? u. ſ. w. So widerlich es iſt, die Gründe genau zu unter⸗ ſuchen, womit diejenigen ihren Wahn zu ſtützen geſucht haben, daß man die einfältigen Worte des HErrn: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, nicht eigentlich nehmen könne, ſo glaubensſtärkend iſt es jedoch, dabei zu ſehen, wie faul dieſe Gründe, beim Lichte beſehen, ſich jederzeit erweiſen, und wie die ſcheinbar größte Weisheit, die man zur Vertilgung der göttlichen Wahrheit verbraucht, endlich als lächerliche Thorheit zu Schanden wird. Ehe wir nun dieſen Artikel ſchließen, müſſen wir noch eines Einwandes Erwähnung thun, den man gegen die Lehre unſerer Kirche vom heiligen Abendmahle inſonderheit macht. Nicht ſelten ent⸗ gegnet man uns nemlich: müſſe man ja in den Einſetzungsworten bei dem Buchſtaben durchaus bleiben und dieſelben durchaus in ihrem eigent⸗ lichen Sinne nehmen, ſo ſei dann auch nicht die lutheriſche, ſondern die römiſche Lehre vom hei⸗ ligen Abendmahle die rechte; dann dürfe man nemlich nicht glauben, daß der Leib und das Blut Chriſti in, mit und unter dem Brode und Weine gegenwärtig ſei, dargereicht und mit dem Munde von Würdigen und Unwürdigen ge⸗ noſſen, ſondern, daß das Brod und der Wein