# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 30_S154 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Pietismus. Was die römiſche Kirche grob und äußerlich thut, ja ſogar lehrt, daß man durch Liebe und gute Werke ſich die Gnade Gottes und das Verdienſt Chriſti verdienen könne — als wä— ren Gnade Gottes und Vervienſt des Menſchen nicht Dinge, die ſich gegenſeitig aufheben — das thun und treiben die Methodiſten und Pietiſten auf jene Weiſe fein und innerlich; und ſie ſind eigentlich die geheimen Bundesgenoſſen der Rö⸗ miſchen wider die reine Lehre und Gottesdienſt der lutheriſchen Kirche, wenn gleich bis jetzt noch größtentheils unwiſſentlich, ſo ſehr ſie auch wider die römiſchen und päpſtlichen Irrlehren und Miß⸗ bräuche eifern mögen. 2.) Das andere Uebel iſt, wenn du willſt, eigentlich nur die Folge von dieſem; ſie können nämlich bei ihrem Werthlegen auf ihre einzelnen Buß⸗ und Glaubensgefühle und bei der Sucht nach immer neuen und gewürzigen, inneren geiſt⸗ lichen Genüſſen nicht zu dem feſten Buß-⸗ und Glaubensſtande der wahren, geſunden und aus⸗ gewachſenen evangeliſch⸗lutheriſchen Chriſten ge— langen, wenn gleich dieſe heutiger Zeit ſo ſelten ſind, wie weiße Sperlinge. Ein ſolcher nämlich hat allewege Gottes geſchriebenes Wort vor ſich und prüfet danach ſein Herz; und zwar nach dem Geſetze und ſeiner Flucherfüllung in dem Gekreu⸗ zigten ſeine Buße und ſeinen neuen Gehorſam, und nach den Verheißungen des Evangeliums und ſeiner Gnadenerfüllung an dem für uns Gekreuzigten und Auferſtandenen ſeinen Glauben. In jenem Falle unterſucht er ſich genau Ange⸗ ſichts der zehn Gebote, die ihm der Heilige Geiſt gar ſorgfältig auslegt, a) ob und welche frühere Lieblings- und Gewohnheitsſünden, ſei es Zorn, Wolluſt, Geiz, Hochmuth u. ſ. w., ſich noch in ihm regen, oder bisweilen ſogar noch in Worte und Werke ausbrechen wider ſeinen Vorſatz und Willen; b) ob er den alten Adam kraft der em⸗ pfangenen Tauf⸗Gnade durch tägliche Reue und Buße erſäufe und begrabe in Chriſti Tod und der neue Menſch täglich herauskomme durch die Kraft der Auferſtehung Chriſti; e) ob er nun auch je länger je mehr rechtſchaffene Früchte der Buße und des Heiligen Geiſtes treibe und den Glauben immer mehr bethätige, der evangeliſchen Heili— gung nachjage und durch den Geiſt des Fleiſches Geſchäfte tödte. Nun kann es ſein, daß er bei dieſer Selbſtprü⸗ fung in dem Spiegel der zehn Gebote und anderer Geſetzesworte der heiligen Schrift gar keinen be— ſonderen ſtechenden und empfindlichen Bußſchmerz fühle; aber er wird darauf nicht den Hauptwerth legen, ſo wenig er den Mangel daran entſchuldi⸗ gen, vielmehr ihn eben der urſprünglichen Här⸗ tigkeit und Erbſünde ſeines Herzens zuſchreiben und zugleich als eigene Sünde erkennen wird. Auf folgende drei Hauptpunkte aber wird er bei und nach dieſer Selbſtprüfung ſein genaues Augenmerk richten, nämlich ob er auch in die fei⸗ neren Reizungen ſeiner ehemaligen Schooßſünden gar nicht mehr willige, und die äußeren Veran⸗ laſſungen dazu nüchtern und ſorgfältig vermeide; und ſodann, ob der gottſelige Wandel im Glau⸗ ben und in der Liebe immer mehr aus ihm her⸗ 15⁴ vorleuchte, und endlich, ſelbſt wenn dies auch andere fänden, ob er in ſich ſelbſt ſich immer für denſelben armen Sünder in Adam erkenne, der er war, ehe er durch die Gnade des Heiligen Geiſtes die erſte bewußte Buß⸗ und Glaubensregung hatte. Desgleichen nimmt nun auch der rechte lutheri⸗ ſche Schriftchriſt zur Prüfung und Stärkung ſeines Glaubens das geſchriebene Evangelium alten und neuen Teſtamentes vor ſich, nämlich die Ver⸗ heißungen auf Chriſtum und die Erfüllung in Chriſto und ſtehet feſt und unverrückt auf dem Felſen dieſer treuen und wahrhaftigen Zuſage Gottes, er möge ſich nun voll oder leer, freudig oder gedrückt fühlen; an dieſem feſten unwandel⸗ baren Worte, wie z. B. Röm. 8, 31—39. 5,1— 15. und anderen dergleichen Stellen, hanget und hält ſein Glaube, auch wenn ihm nicht zu Muthe iſt, mit ſeinem Gotte über die Mauer zu ſpringen, ſondern wenn er ſich öde, kalt und dürr fühlet wie eine Haut im Rauche, oder wenn Krankheit, Trübſale mancher Art über ihn kommen, oder wenn Gewiſſen und Geſetz wieder den alten Fluch wider ihn zu erheben ſcheinen und der Teufel mit ſeinen liſtigen Anläufen ihm heftig zuſetzt und ſeine feurigen Pfeile auf ihn ſchießt. Selbſt hier, wo alles in und außer ihm ſich zu ſeinem Feinde verwandelt zu haben und dem verzehrenden Feuer⸗ eifer des heiligen und gerechten Gottes zu dienen ſcheint, den ſeine Sünden erzürnet haben; — ſelbſt hier, wo das Gefühl der Kindſchaft Got⸗ tes dem Herzen längſt entſchwunden iſt, und ein bloßer Gefühlsglaube wie Wachs längſt zer⸗ ſchmolzen wäre, wo Dunkel und Finſterniß über die Seele hereinbrechen und die Schrecken des Allmächtigen ſie umrauſchen — ſelbſt hier vermag durch Gottes Gnade (nach 1 Cor. 10, 13.) der kirchlich geſinnte und gläubige Schriftchriſt durch Epheſ. 6, 10—17. zu ſiegen und z. B. durch Röm. 8, 31— 34., als der rechte Iſrael, Gott zu überwinden. — Jenes und dieſes nun zuſammen⸗ genommen, das iſt der rechte Buß-und Glaubens⸗ ſtand eines echten evangeliſch-lutheriſchen Schrift⸗ chriſten, der buchſtäblich Gott beim Worte nimmt und, dem Aſſaph ähnlich (Pſ. 73, 23.), nicht zur böſen Zeit verzagt iſt, vielmehr ſich grade dann des für ihn Gekreuzigten in Wort und Sakra⸗ ment fröhlich getröſtet, zur guten Zeit aber, Da⸗ vid's und Salomo's Rückfall im Gedächtniß, gegen Hochmuth und Sicherheit treulich wachet und betet; das iſt der ſelige und fröhliche Stand eines wahren Kindes Gottes, das zur guten und zur böſen Zeit demüthig und freudig zu dem HErrn JIeEſu Chriſto ſpricht: „HErr, ich bin Deine Sünde, aber Du biſt meine Gerechtigkeit!“ „HErr! meine Schuld iſt deine, aber dein Ver⸗ dienſt iſt mein!“ — Siehſt du, lieber Philipp, das iſt die Art und Weiſe eines treuen Lutheraners, der da wandelt in den Fußtapfen der gläubigen Väter ſeiner Kirche; und fühlte er auch zu Zeiten gar nichts von einzelner Sünde, ja ſchmeckt er das gütige Wort Gottes im Evangelium, die Liebe Chriſti, und die Kräfte der zukünftigen Welt ſtärker denn ſonſt, alſo daß eitel Freude und Süßigkeit in ihm iſt, ſo iſt er doch ſtets eingedenk, daß er in ſich ſelbſt doch nur der Sünder in Adam ſei; umge⸗ kehrt dagegen, fühlt er in ſich ſelber nichts als Armuth, Dürre, Trauer, Angſt, Schrecken, Noth und Jammer und den natürlichen Unglauben des Fleiſches, ſo hält er doch imit der Glaubenshand durch die Gnade des Heiligen Geiſtes den Troſt der Schrift und das feſte prophetiſche Wort: ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du biſt mein“, Jeſ. 43, 1. (vergl. Gal. 3, 13. 2 Cor. 5, 21. und ähnliche Stellen). Und alſo bleibet er ſtetiglich trotz aller Anfechtung und Trübſal in ſeiner Gerechtigkeit in Chriſio. Hier gilt es nun freilich den Fingerglauben zu haben, den uns dit Methodiſten häufig vorwerfen, d. h. mit dem Fin⸗ ger und Auge an dem geſchriebenen Troſt⸗ worte feſt ſich anklammern; denn es könnte leicht ſein, daß dem geängſteten Herzen und Kopfe keine einzige Stelle einfiele. Daß aber die Methodiſten von dieſem „Finger⸗ glauben“ (der wahrhaftig nicht der todte Kopf⸗ und Maulglaube iſt, den Jakobus ſtraft), noch ſo wenig zu wiſſen ſcheinen und ihn lächerlich machen, iſt gerade ein deutlicher Beweis, daß ſit die wahre Art und Natur des rechtfertigenden Glaubens und der echten Freiheit der Kinder Gottes vom Fluche des Geſetzes noch gar wenig aus eigener Erfahrung kennen, trotz alles Ge⸗ ſchwätzes und Geſchreibſels davon; ſonſt würden ſie Reſpect vor dieſem Fingerglauben haben, da er wider alles Gefühl, Vernunft und Kraft des natürlichen Menſchen ausſchließlich ein Werk des Heiligen Geiſtes iſt, indeſſen an ihrem ſchwächlichen, weibiſchen und unreifen Gefühls⸗ glauben der feine werkheilige alte Adam ſein gu⸗ tes Theil hat. Philipp: Du haſt mir da von der Art und Natur des rechten Glaubens eine klare Beſchrei⸗ bung gemacht und ſo finde ich ihn auch in den Predigten und Schriften von Luther, H. Müller, Chr. Scriver, Joh. Gerhard und Andern be⸗ ſchrieben und erlebt. Aber ſollte es nicht auch Methodiſten geben, die dieſen Glauben haben? Unter den Brüder⸗Gemeinden (Herrnhutern) in Deutſchland wenigſtens, von denen Wesley faſt alle gottesdienſtlichen Ordnungen und ſo Vieles der methodiſtiſchen Kirchenzucht entlehnt hat, kenne ich mehrere entſchiedene Kinder Gottes, die in jenem Glauben leben und weben, ſo mancherlei Mangel und Krankheit ſich auch dort finden möge. Martin: Wer wollte es leugnen, daß es auch einzelne ſolche Methodiſten geben könne und witk⸗ lich gebe; aber da iſt es eine beſondere Gnaden⸗ leitung des Heiligen Geiſtes, wo es einer Seele rechter Ernſt iſt um eine gründliche Bekehrung und ein wahres Leben in Chriſto; es ſind aber nicht die natürlichen Früchte der methodiſtiſchen Lehre und Weiſe als ſolcher, die höchſtens den und heilſam erſchrecken, und ihm dann im beſten Falle die Erſtlinge der Gnade Gottes in Chriſto und des Glaubens an dieſen, auf dem Wege des Gefühls an und ins Herz bringen, aber ihn in der rechten Heilslehre nach Wort und Sakrament „Fürchte dich nicht! denn ich habe dich erlöſet;! ſichern Sünder aus ſeinem Schlafe aufrütteln