# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S149 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Darauf befragte Luther die andern Abgeſandten, einen Jeden einzeln, ob ſie hierin Bucer beiſtimm⸗ ten, welches alle bejahten. Zugleich baten ſie alle ſehr ernſt und demüthig, weil ſie erkännten, daß die Augsburgiſche Confeſſion und Apologie recht und wahr wäre, ſo wollte man ſie doch, als Mit⸗ glieder in Chriſto, zu ſolcher Concordia und zum * Bande eines Glaubens und rechter brüderlicher Liebe auch an⸗ und aufnehmen. Denn weil wir Ein Haupt erkenneten und des HErrn Chriſti Lehre einmüthiglich ehrten, ſo wäre es ja billig, daß unter uns auch einer den andern für ſein Mitglied hielte und bekennete. Luther ging hierauf mit den Seinen in ein Nebenzimmer, um mit ihnen zu berathen, was ferner zu thun ſei. Alle waren darin einig, wenn ſie alſo, wie ſie bekannt hätten, mit dem Herzen gläubten, mit dem Munde bekenneten und die Kirche auch alſo unterrichteten und hinfort alſo Ilehren wollten, ſo könnte man mit ihnen zufrieden ſein. Jedoch ſollten ſie noch einmal rund und klar ausſagen, „ob ſie bekennen, daß eben das Brod, das durch den Diener Chriſti mit den Worten Chriſti, der es eingeſetzt hat, den Unwürdigen ge⸗ geben wird (wie es Paulus nennet), ſei wahrhaftig der Leib Chriſti? wie der Name des HErrn, den ein Gottloſer wider das andere Gebot mißbrauchet, der Name Gottes iſt und wird durch den Miß⸗ brauch nicht aufgehoben; oder wie Judas den HErrn Chriſtum im Garten umfängt und küſſet, und iſt doch und bleibt der HErr Chriſtus und wird durch den Mißbrauch und gottloſe Ver⸗ rätherei nicht anders.“ Als ſie nun wieder hereingetreten waren und alle ſich geſetzt hatten, hat Luther alles mit großem Geiſte und Muthe, der auch an ſeinen Augen und ganzem Angeſichte zu ſehen war, ausgerichtet. Nachdem nun alle mit den klarſten Worten ein rechtgläubiges Bekenntniß abgelegt hatten, ſchloß Luther mit folgenden freundlichen Worten: „Wür⸗ dige Herrn und Brüder! Wir haben nunmehr euer aller Antwort und Bekenntniß gehört, daß ihr glaubt und lehret, daß im Abendmahl der wahre Leib und das wahre Blut des HErrn gegeben und empfangen werde und nicht allein Brod und Wein; auch daß dies Uebergeben und Empfangen wahrhaftig geſchehe und nicht imaginarie (durch bloße Einbildung). Es ſtößet euch allein der Gottloſen halben; bekennet doch, wie der heilige Paulus ſagt, daß die Unwürdigen den Leib des HErrn empfangen; wo die Einſetzung und die Worte des HErrn nicht verkehret werden, darob wollen wir nicht zanken. Weil es denn alſo bei euch ſtehet, ſo ſind wir eins; erkennen und nehmen euch an als unſere lieben Brüder im HErrn.“ So wurde Frieden und Einigkeit zwiſchen den an zu weinen und alle dankten Gott dem HErrn mit gefalteten Händen und gottesfürchtigen Ge⸗ berden. Luther legte ihnen noch ans Herz, und bewies dadurch, daß er nicht nur ein treuer, ſon⸗ dern auch ein kluger Diener ſei, ſie möchten mit aller Nachſicht allmählich die Gegenlehre, welche noch in einigen Herzen ſteckte, hinwegnehmen und die gewiſſe wahre Meinung in den unanſtößigſten Anweſenden geſtiftet; Bucer und Capito fingen 149 Ausdrücken vortragen, ſo daß die Sache vor⸗ nehmlich erhalten würde, auch, ſo viel der Geiſt des HErrn unſerer Schwachheit zu Hülfe komme, deutlich erklären. Darauf gaben ſie ſich die Bruderhand und gingen in ihre Herberge. Den 24. Mai, am Tage der Himmelfahrt Chriſti, predigten Weller, Myconius und Menius. „Zur Vesper, berichtet Myconius, predigte Luther ganz herrlich und geiſtreich über die Worte Marci 16, 14. Ich habe Luther zwar oftmals predigen hören, aber dazumal war mir nicht anders zu Sinne, denn als redete er nicht allein, ſondern donnerte aus dem Himmel ſelbſt im Namen Chriſti.“ Nach dem Haupigeſpräche verglich man ſich auch noch über einige andere Punkte der chriſt⸗ lichen Lehre. So war man von beiden Seiten darüber einverſtanden, daß den Kindern durch die heilige Taufe die Gabe des Heiligen Geiſtes, die wahre Wiedergeburt und die rechte Kindſchaft mit⸗ getheilt werde, daß ein Anfang des Glaubens und ein Werk Gottes in ihnen ſei, nach ihrem Maaß, wenn wir es auch nicht verſtehen. Ein⸗ ſtimmig wurde die Nothwendigkeit der heiligen Taufe anerkannt, weil ihnen dadurch die göttliche Verheißung des Heils zugeeignet werde; zugleich wurde der Irrthum verworfen, daß die Kinder Gott gefielen und ſelig würden, ohne beſondere Wirkung Gottes in ihnen. Die Privatabſolution wünſchten alle beizube⸗ halten, weil ſie den verwirrten und zerſchlagenen Gewiſſen tröſtlich ſei. Verworfen wurde die päbſt⸗ liche Beichte mit der Erzählung aller Sünden; die Beichte ſoll nur in einer „freundlichen Unterredung und Rathsfragung um der Abſolution und auch um der Unterweiſung willen“ beſtehen. Luther hob hervor, es müſſe auch ein Bann in der Kirche ſein, um diejenigen, welche öffentlich wider das Wort Gottes lehrten und lebten, von der Gemeine Gottes abzuſondern. Er wies dabei nach, welchen Nutzen der Gebrauch desſelben bei ihnen gebracht habe. Das Volk achte alle Hand⸗ lungen der Kirche höher, verſammle ſich lieber zum Worte Gottes und den Sacramenten und würde leichter vor Irrthümern bewahrt. Dabei geſtand Bucer, früher hätten ſich die Leute zum heiligen Abendmahle vorher bei ihnen angemeldet, es ſei aber mit der Zeit abgekommen. Doch wollten ſie mit allem Ernſt Mittel und Wege ſuchen, um wieder eine rechte Kirchenzucht aufzurichten, wie es in vielen Städten bereits geſchehen ſei. Was endlich Ceremonien betrifft, ſo wollte man ſich darin alle Freiheit laſſen, und ſie nur dann anfechten, wenn ſie in Mißbräuche ausarteten. Auch über Schulen und Obrigkeit wurde ge⸗ handelt. Merkwürdig iſt beſonders dieſer letztere Punkt, worüber uns nur Myconius berichtet, und woraus wir Luthers Anſicht vom Verhältniſſe des Staates zur Kirche recht deutlich kennen lernen. Luther fragte nämlich die Oberländer, wie es denn eigentlich um ihr Verhältniß zur Obrigkeit ſtünde; denn er habe gehört, daß einige ſo das Predigt⸗ amt und die Ehre Chriſti der Obrigkeit unter⸗ würfen, daß ſie meinten, alles lehren, glauben und thun zu müſſen, was die Obrigkeit ver⸗ ordnete, ſelbſt wenn es noch ſo gottlos und wider die Schrift ſtreitend wäre, ſo daß ſie offenbar ſich nicht als Gottes⸗, ſondern als Menſchen⸗Diener zeigten; andere dagegen betrügen ſich ſelbſt als Obrigkeiten, gleich als wenn ihnen, da ſie doch nur zum Amt des Wortes berufen ſeien, auch das Recht des Schwertes und bürgerliche Regierung übertragen wäre, da doch dieſe zwei Regimenter ſo verſchieden wären, als Himmel und Erde. Am Tage nach Himmelfahrt, den 25. Mai, übergab Melanchthon die Formel der Concordia. Sie enthält die Lehre, in welcher man ſich, wie wir geſehen haben, vereinigt hatte. Die drei er⸗ ſten Artikel handeln von dem heiligen Abendmahle, der vierte von der Taufe, der fünfte von der Ab⸗ ſolution. Daran ſchließt ſich eine kurze Erklärung der geſchloſſenen Kirchengemeinſchaft: „Von der Communion und Gemeinſchaft der Kirchen ha⸗ ben ſie ſich bewilliget, daß ſie männiglich zu Ge⸗ meinſchaft der Kirchen mit höchſtem Ernſt ver⸗ mahnen und ſich in allewege deß befleißigen wol⸗ len, damit ſolche Gemeinſchaft im Wort und Predigthören, in den heiligen Sacramenten und im Gebet, ernſtlich und wie es ſich gebühret, un⸗ terhalten werde.“ Darauf vermahnte Bucerus ſeine Geſellen, dieſe Formula Concordiä zu unter⸗ ſchreiben, welches dann ſowohl von ihrer, als von unſerer Seite geſchah. In Beziehung auf die Bekanntmachung und Einführung dieſer Concordia verglich man ſich auf Luthers Vorſchlag noch über fünf Punkte. Es ſind folgende: 1. daß man von der Concordia nichts beſonders rühmen ſollte, bis ſie allgemein geſchloſſen ſei; 2. daß die wahre Gegenwart des HErrn deutlich und vollkommen gelehrt werden ſollte, doch ſo, daß man zu der rechten, wahren, gläubigen Nießung fleißig ermahnte, und vor dem unwürdigen Gebrauch des Sacramentes eindring⸗ lich warnte; 3. daß die aufgeſtellten Artikel mit ſolchen Worten vorzutragen ſeien, welche zur För⸗ derung der Wahrheit und Einigkeit am beſten dienten; 4. daß jeder die Annahme der Artikel bei den Seinen fördern ſolle, mit der öffentlichen Be⸗ kanntmachung aber könne man warten, bis auch die Einſtimmung der Eidgenoſſen erlangt ſei; 5. daß nach dem Beitritte aller Kirchen die öffent⸗ liche Erklärung der Kirchengemeinſchaft auf keine beſonderen Artikel ausgeſtellt werden ſollte, ſon⸗ dern allein auf die Augsburgiſche Confeſſion und Apologie. Den Schluß der ganzen Concordia bildeten Predigt und Communion am Sonntage nach Himmelfahrt, wobei Bucer und Capito zum hei⸗ ligen Abendmahle gingen. Matthäus Alber, Lu⸗ ther und Bucer predigten an dieſem Tage. Letzte⸗ rer legte ausdrücklich das Zeugniß ab, daß er früher geirrt, aber durch Gottes Gnade nun den Weg der Wahrheit gefunden habe. Als nun die oberländiſchen Abgeſandten wieder nach Hauſe zurückgekehrt waren und daſelbſt er⸗ zählten, wie freundlich und liebreich ſie von Lu⸗ ther und den Seinen aufgenommen worden, wie treulich er ſeine Lehre von der ganzen Haushal⸗ tung der Kirche vorgetragen und wie Frieden und Eintracht zwiſchen ihnen wiedergekehrt ſei: da