# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S148 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Juſtus Jonas, Bugenhagen, Creuziger, Myco⸗ nius, Menius, Weller und Rorarius zugegen waren. Nach Seckendorf waren alle Oberländer anweſend. Im Anfange bezeugte Bucer in einer langen Rede, wie herzlich er ſich freue, daß dieſe Zuſammenkunft jetzt und zu Wittenberg zu Stande gekommen ſei, wie er nun ſeit vier Jahren dahin gearbeitet habe, daß alle in der Lehre einſtimmig werden möchten, und hoffe, daß auch dieſelbe Form der Kirchenordnung hergeſtellt werde. Mit großem Ernſte antwortete Luther: „er begehre nichts mehr als eine wahre, ſtandhafte, rechte Einigkeit; er habe auch gute Hoffnung dazu gehabt. Nun aber ſeien neulich, mit Bucer's Vorrede verſehen, Zwingli's und Oecolampadius' Briefe im Druck erſchienen, in welchen viele gott⸗ loſe und gräuliche Irrthümer enthalten wären und die Lehre verworfen würde, welche wir mit den Apoſteln und mit der Kirche vertheidigten. Dazu höre er, daß ſie daheim die Gegenwart Chriſti im heiligen Abendmahle nicht entſchieden lehrten, ſondern nur die geiſtliche Nießung trieben. „So bleibe das Volk in dem Irrthume, als ob nur Brod und Wein im heiligen Abendmahle ſei, und weil ſie ſich auf ihre Einſtimmigkeit mit ihm beriefen, ſo müſſe er der Verkehrung des Sacra⸗ mentes theilhaftig ſein. Das könne er nicht lei⸗ den. Ferner gäben ſie noch immer den Zwieſpalt im Sacramente für einen Wortſtreit aus. Allein er habe gefochten um die Wahrheit der Worte Chriſti, daß ſein Leib im Abendmahle ſei, welches Zwingli und Oecolampadius geleugnet. Nun wolle er gerne zurücknehmen, was er zu ſcharf und zu hart gegen ſie geſchrieben, ihre Lehre müſſe er aber als gottesläſterlich verfluchen und verdam⸗ men, obgleich er ihre Perſon dem Gerichte Gottes empfehle. Wollten ſie nun eine wahre Eintracht ſchließen, ſo müßten ſie ihren früheren Irrthum, als ob nur Brod und Wein im heiligen Abend⸗ mahle ſei, widerrufen und verdammen und ferner mit uns lehren, dah der Leib und das Blut Chriſti im heiligen Abendmahle weſentlich zuge— gen ſei und mündlich ſowohl von den Gottſeligen, als von den Gottloſen genoſſen werde. Wollten ſie es nicht thun, ſo ſei es beſſer, es gehe, wie es gehe, als daß ſie die Sache, welche zwar arg und böſe genug, durch eine gedichtete und gefärbte Concordia noch hundermal ärger machten. Vor allem ſei Aufrichtigkeit nöthig, denn wenn wir auch die Welt betrügen könnten, ſo könnten wir doch den allwiſſenden Gott nicht betrügen.“ Durch dieſe Rede heftig beſtürzt, begann Bucer weitläuftig, aber ſehr verwirrt ſich zu verantwor⸗ ten. „Er ſei ferne von Betrug; die Straßbur⸗ ger Schrift wider die Münſteriſchen Wiedertäufer, ſeine eigene Antwort an Robert, Biſchof von Avranches, bezeuge, daß er es treulich meine. Zwingli's und Oecolampadius' Briefe ſeien nicht nur ohne ſein Wiſſen, ſondern auch wider ſein Verbot gedruckt; daß ein Brief, den er früher zu einem ganz andern Zwecke geſchrieben habe, vor dieſelben als Vorrede geſetzt ſei, daran ſei lediglich die Gewinnſucht des Buchdruckers Schuld. Sie ſeien bereit, mündlich zu widerrufen, was ſie un⸗ recht gepredigt, ſchriftlich, was ſie unrecht geſchrie⸗ 1⁴8⁸ ben hätten. Allein das hätten ſie nie gelehrt, daß im heiligen Abendmahle allein Brod und Wein gegeben werde, und nicht auch der wahre Chriſtus. Sie hätten vorher gemeint, Luther und die Seinen begünſtigten mit der Lehre von der wahren und weſentlichen Gegenwart die Pa⸗ piſten. Nachdem ſie aber ſich überzeugt hätten, daß Luther die natürliche Einigung des Leibes des HErrn mit dem Brode (Conſubſtantiation) verneine, auch keine räumliche Einſchließung des⸗ ſelben in das Brod (Impanation) lehre, noch das Sacrament zum Canal der Gnade mache (ex opere operato), ſo hätten ſie ſolches auch frei bekannt in Schriften und auch ſonſt, nun bis ins achte Jahr. Sie bekennten auch die mündliche Nießung des Leibes des HErrn im heiligen Abendmahle Denn wie die heilige Schrift ſage, Johannes habe den Heiligen Geiſt geſehen, wie⸗ wohl er mit leiblichen Augen nicht mehr als die Taube ſah, da der Heilige Geiſt unſichtbar iſt, ſo könne man auch wegen der ſacramentalen Eini⸗ gung zwiſchen dem Leibe des HErrn und dem Brode ſagen, man nehme den Leib des HErrn in Hand und Mund, wiewohl Hand und Mund für ſich nicht an den Leib des HErrn gelangten. Von den gar Gottloſen aber glaubten ſie, daß ſie nichts mehr als Brod und Wein empfingen.“ Luther wiederholte mit großem Ernſte, daß ent⸗ weder eine rechte Einigkeit oder gar keine geſchehe. Dazu ſeien aber vornehmlich zwei Dinge nöthig. Erſtlich, daß ſie ihre fremde Meinung, die nicht des HErrn Chriſti, der Apoſtel und der Kirche ſei, und welche ſie doch bisher zu verbreiten ſich unter⸗ ſtanden hätten, öffentlich widerriefen. Zweitens, daß ſie die wahre Meinung mit uns hinfort ein⸗ hellig lehren ſollten. Dabei machte Luther darauf aufmerkſam, wie ſie, von der Kraft der Wahrheit gezwungen, ſich unſerer Kirchenlehre immer mehr genähert hätten. Zuerſt hätten ſie bekannt, das Brod im heiligen Abendmahle ſei nicht wie anderes Brod, noch der Wein wie gemeiner Wein, ſondern es ſei eine Bedeutung und ein Gedächtniß des ab⸗ weſenden Leibes Chriſti. Darauf wären ſie uns noch näher gekommen, indem ſie bekannt hätten, der Leib und das Blut Chriſti ſeien im heiligen Abendmahle gegenwärtig, doch geiſtlicher Weiſe, das iſt, er ſitze zur Rechten Gottes, aber doch mache der Geiſt durch ſein Speculiren und Ge⸗ denken, daß der Leib dem Brode und das Blut dem Weine gegenwärtig ſei, gleich als wenn man in einem Trauerſpiele den Hector durch eine andere Perſon bedeutungsweiſe darſtellet. „Zuletzt kommt ihr“, ſagte er, „noch näher zu uns, weil ihr zu Coburg mir frei bekanntet, und jetzt in etlichen Büchern eben dasſelbige ſchreibet, das Brod ſei der wahre, natürliche, weſentliche Leib Chriſti, und werde empfangen mit dem Munde von denen, welchen es angeboten oder gegeben wird; doch nur dann, wenn ſie gläubig und Jünger Chriſti ſind, aber wenn es den Ungläubigen gegeben werde, ſo ſei es nicht mehr denn Brod und Wein. Und ſo muß bei euch der Leib Chriſti ſein, nicht aus Ge⸗ walt oder Kraft Chriſti, der es alſo verordnet und geſagt hat, ſondern vielmehr aus Kraft unſeres Glaubens und nach unſeren Gedanken, welche verſchaffen, daß Chriſtus, der zur Rechten des Vaters iſt, unſerm Glauben gegenwärtig ſei, ſo wir glauben, ſo wir aber nicht glauben, ſo könne er nicht gegenwärtig ſein, ſondern ſei denen, ſo nicht glauben, nur ein leer bloß Zeichen. Jetzt iſt nun hier vonnöthen, auf daß keines Zweifels, noch Argwohns Urſache zu beiden Theilen übrig bleibe, daß ihr und die anderen mit euch, die ihr hieher geſandt ſeid, uns erkläret, ob ihr lehret und 1 haltet, daß das Brod ſei der Leib Chriſti, für uns gegeben, und der Wein ſei das Blut Chriſti, für uns vergoſſen, aus Kraft und Einſetzung Chriſti, der es alſo geordnet hat, es ſei gleich der Diener, der es darreichet, oder der es empfängt, würdig oder unwürdig. Denn die Evangeliſten zeugen mit dieſen Worten: Das iſt mein Leib, und: die⸗ ſer Kelch iſt das Blut des Neuen Teſtamentes, daß der HErr Chriſtus alſo ſelbſt geredet habe. Iſt es nun wahr, was er ſagt, oder iſt's falſch? oder wird es erſt wahr, wenn wir es glauben? oder muß er falſch ſein, und lügen, wenn wir nicht glauben? Ihr müſſet ja auch bekennen, daß das Sacrament ohne Unterſchied den Frommen und Böſen, den Gläubigen und Ungläubigen, den Heiligen und Heuchlern oder, wie Paulus redet, den Würdigen und Unwürdigen gereicht, und von ihnen empfangen werde und doch die Würdigkeit und Unwürdigkeit derer, die es empfangen, nichts ändern an der Einſetzung Chriſti, der es alſo ge⸗ ſagt hat. Daß nun in der Hand auch des unwürdigen Dieners, und im Munde auch des Un⸗ würdigen, der es iſſet und trinkt, wahrhaftig das ſei, das Chriſtus ſagt, nemlich ſein Leib und Blut, nicht darum oder daher, daß es gegeben oder ge⸗ glaubet wird, ſondern dieweil es Chriſtus befiehlt und ſagt; von dieſen Sachen mögt ihr mit ein⸗ ander euch bereden und morgen, was ihr bekennen könnet und mit uns lehren wollt, nach guter Be⸗ rathſchlagung antworten.“ Den 23. Mai kam man wieder in Luthers Be⸗ hauſung zuſammen. Luther wiederholte die bei⸗ den zuvor gethanen Fragen, worauf Bucer erklärte: „Vor dieſer Zeit habe er Manches nicht klar und deutlich verſtanden und in Folge deſſen auch nicht recht und rein genug gelehrt; ſobald er es aber beſſer eingeſehen, habe er ſeinen Irrthum verbeſſert und widerrufen. Er ſei auch jetzt bereit, denſelben mündlich und ſchriftlich zu widerrufen, auf daß er niemand in Irrihum führe. Vom Abendmahle bekenne er für ſeine Perſon und zugleich im Namen der Uebrigen, daß das Brod ſei wahrhaftig der Leib Chriſti und der Wein ſei wahrhaftig das Blut Chriſti, und werden der Leib und das Blut gegeben durch den Diener Chriſti, ohne Unterſchied allen, die es nehmen, es ſei denn, daß die Ein⸗ ſetzung und Worte Chriſti verfälſcht werden. Es werde auch der natürliche, weſentliche Leib Chriſti wahrhaftig empfangen, nicht allein mit dem Herzen, ſondern auch mit dem Munde derer, die es em⸗ pfangen, würdiglich zur Seligkeit, unwürdiglich zum Gerichte. Bloß das grobe, räumliche und natürliche (capernaitiſche) Eſſen habe er leugnen wollen, dagegen bekenne er mit Hand und Mund das Eſſen, welches nach Chriſti Ordnung. und Einſetzung geſchehe.“