# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 10 13_S146 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ſelbſt im ſchlimmſten Falle, wenn nämlich trotz aller Geduld, Lehre, Ermahnung, Bitte, War⸗ nung und Drohung ein Theil böswilliger Leute ſich immer mehr verhärtet, als des Teufels Syna⸗ goge offenbar wird und endlich von der Gemeinde ſich auch äußerlich ſcheidet, ſo hat dieſe doch nur Gewinn aus ſolchem Verluſte und kann dann, ohne ſteten Widerſpruch und Störung. zu einer geſunden kirchlichen Geſtalt gelangen. Wir alſo wiſſen in der That nichts von jener „peinlichen Beaufſichtigung, jenem Ge— hindert-, Geplagt-, Geleitet- und Un⸗ terdrücktwerden“ von Seiten der Gemein— den, deſſen Hr. H. oben gedenkt, und wir bewegen uns hier ſicherlich viel friſcher und fröhlicher für und in unſerm Amte, als gar viele unſerer Amts⸗ brüder in Deutſchland. Dieſe ſeufzen allerdings vielfach unter jenen von Hrn. H angezogenen und uns angedichteten Uebelſtänden, wenn auch nicht von Seiten der Gemeinden, ſo doch von Seiten der weltlichen Obrigkeit. Der Landesherr, die Provinzial⸗Regierungen, die Conſiſtorien, als weltlicher und geiſtlicher Arm des Landes-Herrn, ja ſogar die Orts⸗-Polizei-Behörden — Summa die vielregiereriſche Fürſtpabſterei in Deutſchland „hindert, plackt, drückt“ ohne Unterlaß mit ihren Kabinets-Orders, Erlaſſen, Edikten, Verordnun gen, Befehlen, Tabellen und Liſten die armen Prediger und hält ſie fortwährend „in einer peinlichen Beaufſichtigung“, Nicht einen geringen Theil ihrer Zeit müſſen ſie dranſetzen und ihren Gemeinden entziehen, um die Forderungen dieſes vielgliedrigen büreaukratiſchen Ungeheuers zu befriedigen; und wenn der HErr nicht über kurz oder lang Hülfe ſchafft und die Kirche von dieſen Uebergriffen des weltlichen Regiments be⸗ freit, ſo bleibt ſie in That und Wahrheit viel ſchlimmer daran, als wir bei dieſen und jenen Uebergriffen des demokratiſchen Geiſtes. Wir können ſelbſt im ſchlimmſten Falle, wie oben ge— meldet, zu einem naturgemäßen Kirchenregiment und zu einer geſunden kirchlichen Geſtalt gelan⸗ gen, nicht aber unſere Amts⸗ und Glaubensbrü⸗ ver in Deutſchland, wenn der Stand dieſer Dinge bleibt, wie er iſt. Doch ſind alle Anzeichen vor⸗ handen, daß er nicht bleibe. Gott ſchenke den Fürſten und ihren Räthen Gnade und Weisheit, dieſe Zeit zu erkennen, nicht wider Goit zu ſtrei— ten, und die Kirche auf verſtändige Weiſe von den Banden des weltlichen Regiments allmählich zu löſen; dem Volle aber beſchere er Demuth und Geduld, daß es nicht eigenwillig und gewaltthä⸗ lig mehr an ſich reiße, als ihm gegeben wird. Was nun zum Andern unſern lieben Amts⸗ und Glaubensbruder in New-⸗York betrifft, dem es, nach dem Zeugniß des Hrn. H., alſo kläglich ergehen ſolle, daß er „buchſtäblich Hunger leide“, ſo iſt dieſe Ausſage, mit Verlaub zu re⸗ den, buchſtäblich unwahr. Hr. H. hat eben hier auch, wie ſonſt oft, aus anderer Leute Mund ge⸗ ſchöp't, die wahrſcheinlich den ſogenannten Alt— lutheranern eben ſo abgünſtig ſind, als er ſelbſt und alle unioniſtiſch Geſinnte. Die Wahrheit aber, wie wir aus zuverläſſigen Quellen wiſſen, iſt dieſe, daß jene kleine Gemeinde von etwa fünfzig 146 beitragenden Gliedern nicht nur gegen $300,00 jährlich für die Miethe des Kirchenſaales und der Pfarrwohnung, den Holzbetrag ungerechnet, ſon⸗ dern auch mindeſtens $250 jährlich für das Pfarr⸗ gehalt aufbringt, das Schulgeld und ſonſtige frei⸗ willige Liebesgaben ungerechnet. Ein kleiner Be— weis aber, daß Herr Paſtor B. keinen Mangel leidet, iſt dieſer, daß er von den ärmern Eltern der Schulkinder gar kein Geld nimmt und ſich auch vielfach ſchon erboten hat, aus ſeinem Beutel den Miethzins für ſeine Wohnung mit tragen zu helfen, wiewohl das Gemeinlein ſolches niemtals angenommen hat. Aus dieſem Nachweis wird aber erſichtlich, daß dort jedes Glied durchſchnitt— lich mindeſtens $12.00 zur Erhaltung des heiligen Predigtamites jährlich beiträgt. Wo ſind aber unioniſtiſche Handwerker und Taglöhner und ſo fort in Deutſchland, die jährlich auch nur zwölf preußiſche Thaler für anderweitige kirchliche Zwecke aufwendeten, da ſie zur Aufrichtung und Erhaltung des Predigtamtes, Kirchenbau und dergleichen wenig oder nichts beizutragen haben? Da wir nun grade perſönliche Sachen handeln, ſo ſei es ſchließlich geſtattet, einige Worte über das Urtheil beizubringen, das Herr H. über den Schreiber Dieſes gefällt hat, den er übrigens per⸗ ſönlich gar nicht kennt, auch gelegentlich zu einem Baiern macht, der er nicht iſt. Nach den Worten beſagten Berichterſtatters ſteht der Einſender dieſes Artikels, Paſtor S. in Fort Wayne, „an der Spitze und iſt die Seele des Ganzen“ (nämlich für die Trennung von der Ohio⸗ Synode und die kirchliche Vereinigung mit den ſächſiſchen Lutheranern aus Miſſouri), „ein aus⸗ nehmend ſteifer Lutheraner und zugleich ein ſehr herrſchſüchtiger Mann“ (very fond of power). Dagegen ſei es nun geſtattet, den Hrn. H. erſt etwas genauer zu berichten. Als es ſich darum handelte, unſer erſtes Geſuch, nämlich um Ab— ſchaffung der unirten Spendungs-Formel: „Chriſtus ſpricht“, bei der Ohio-Synode einzu— reichen, ſo kann ich mich deß nicht rühmen, daß der erſte Antrieb dazu von mir ausging; zwei an⸗ dere Brüder waren es, die in ihrem kirchlichen Gewiſſen durch dieſe Formel verletzt und zugleich abgehalten waren, dem gemeinſamen Genuß des heiligen Abendmahls beizuwohnen, welches ge— wöhnlich am Sonntag vor Eröffnung der Synode ſtattfindet. Ich ſelber, ein Jahr ſpäter als ſie ins Land gekommen, wußte darum nicht. Nachdem mir aber jene Brüder dieſen Uebelſtand mittheil⸗ ten und mich befragten, ob ich nicht auch den Ge— brauch jener Formel von einer lutheriſchen Sy⸗ node für unrecht hielte und ob ich nicht zugleich in ihrem Namen eine Bittſchrift um Abthuung jener Formel, mit genugſamem Nachweis unſerer Gründe an die Synode ſtellen wollte, ſo willigte ich in beides, da auch mein kirchliches Gewiſſen denſelben Anſtoß an jenen unioniſtiſchen Einlei⸗ tungs⸗Worten nahm. Doch geſtehe ich, da ich in⸗ zwiſchen noch derbere Verſtöße der Synode gegen die bekenntnißmäßige Praxis erfahren hatte (wie z. B. das leichtfertige Abendinahlreichen an Re⸗ formirte, als ſolche), daß ich für meinen Theil nicht mit jenem Geſuch angefangen hätte; da in⸗ deſſen dasſelbe ſich jenen zwei Brüdern vorläufg als das nächſte darſtellte, ſo achtete ich es füt E recht, mich ihnen anzuſchließen, und mit ihnen gemeinſam jene Bittſchrift zu ſtellen. ö Ferner, wenn irgend meine Wenigkeit „an der Spitze unſerer Verbindung ſtehen und die Seele des Ganzen ſein ſollte“ oder wollte, wäre unſere damalige Conferenz und jetzige Sy⸗ node ſehr zu beklagen. Die Wahrheit aber iſt auch hier dieſe, daß ich, in Uebereinſtimmung mit theuern gleichgeſinnten Brüdern in Deutſchland, mit Ernſt und Fleiß auch an meinem Theile dahin trachtete, daß wir mit den ſächſiſchen Lutheranermn, den lieben Brüdern in Miſſouri und Illinois, E. in kirchliche Gemeinſchaft kämen und, ob Gotl wollte, zu einer Synode zuſammen träten; und in dieſer Abſicht geſchah auch meine Reiſe nach St. Louis im Mai 1846 in Begleitung von zwei Amtsbrüdern; denn auch ich erkannte deutlich, daß wir dermalen, ohne Zutritt jener Brüder aus Sachſen, die uns an Gaben, Durchbildung und Amtserfahrung bei Weitem überlegen ſind, nicht zulänglich waren, eine lutheriſche Synode zu bil⸗ den, die nicht blos den Namen, ſondern auch das Weſen hätte. Wäre ich nun wirklich durch des Teufels und meines eigenen Herzens Betrug ſo „herrſchſüchtig“, als Hr. H. mich bezeichnet, ſo hätte ich ja wohl ſchwerlich jene Vereinigung ſo ernſtlich betrieben, da ſie unmöglich dahin gera— then konnte, mir einen größern Einfluß zu verſchaf⸗ fen, als ich ſicherlich ohne ſie gehabt hätte. Durch Gottes Gnade ſtand und ſteht es aber alſo, daß ich auch perſönlich und nicht blos ſächlich das Zuſammenſtehen mit begabtern, erfahrenern und gereiftern Amtsbrüdern deshalb herzlich ſuche und liebe, weil ich lieber lerne als lehre, lieber mich leiten laſſe als ſelber leite.*) Auch kann ich Hermn H. als vor Gott verſichern, daß ich den HErm ſchon vielfach angefleht habe und noch anflehe, daß Er mich lieber in die größte äußerliche Schmach (natürlich nicht um meiner Sünde wil— len) oder in ſtarke innerliche Anfechtung hinein⸗ ſtecke, als daß ich entweder in Trägheit und Sicherbeit zurückſänke, oder mein Herz ſich auch nur innerlich wider ihn erhübe und darnach auch in Wort und Wandel ſich hoffärtig erzeigte. Das aber kann und will ich nicht leugnen, daß mein Verhalten nach Außen bei gemeinſamen Verhandlungen hie und da auf dieſe und jene den Eindruck des Hoffärtigen und Herrſchſüchti⸗ gen macken könne; denn wo Leute vorhanden ſind, die, wie z. B. der vormalige Herausgeber der lutheriſchen K.Z. (wahrſcheinlich die eine Quelle, daraus Herr H. ſein Urtheil über mich *) Anmerkung der Redaktion. — Wir würden es unter anderen Umſtänden für die größte Schande achten, obige Aeußerungen des theuren Sihler, mit welchen er und hier im Weſten vor aller Welt die Füße wäſcht, drucken zu laſſen. Mögen aber jene Aeußerungen, nach dem ihm öf fentlich gemachten Vorwurf, daß er „ein ſehr herrſchſüchtiger Mann“ ſei, ſtehen bleiben, zur Beſchämung des giftigen Verleumders und zu des Gottes Ehre, der unſeren Sihler, wie jeder mit ihm Vertrautgewordene weiß, gerade mit der bewunderungswürdigſten Demuth geſchmückt hat, ſo daß derſelbe für ſeine Gaben gar kein Auge hat, aber die Anderer nicht nur ſieht, ſondern in ſeiner Demuth und Liebe auch immer größer anſieht, als ſie ſind.