# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1863_S157 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 157 tage zuzugestehen gewillt sind. Aber ebenso gewiß ist es auch, daß sie eine Fülle schriftgeborener, tiefer und originaler Ideen enthält, die theils bei ihrem Urheber selbst nur angedeutet sind, bald schwächer, bald stärker, theils in der Kirchenlehre noch nicht die verdiente Beachtung oder Verarbeitung erfahren haben. Die neue Theologie vollends hat keine Ursache, Luther bloß einen hervorragenden Ehrenplatz in der Geschichte anzuweisen. Wer sich eingehender mit ihm beschäftigt, wird bald erkennen, daß hier noch ein Schatz echt theologischer, fruchtbarer Gedanken zu heben ist, der unserm Kirchenvater noch eine Zukunft auch in der Theologie sichert, und dem nachzugraben sich wohl der Mühe verlohnt.“ Revision der Luthersbibel. Hierüber spricht sich selbst das unirte Theolog. Literaturblatt von Dr. K. Zimmermann unter dem 21. Jan. wie folgt aus: „Indeß sind uns bei dieser Probe (einer in der Schweiz veröffentlichten) abermals große Zweifel darüber aufgestiegen, ob die Luther'sche Bibelübersetzung sich überhaupt revidiren läßt, ob durch die verschiedenen Revisionen nicht eine Verwirrung entstehe, die mindestens ebenso große Nachtheile mit sich führe, als die nicht zu leugnenden Mängel und Unrichtigkeiten der Lutherschen Uebersetzung, und ob es nicht an der Zeit sei, mit Ernst eine neue Uebersetzung in Angriff zu nehmen. Ein solches Werk wird freilich nicht wohl durch eine Commission geschlossen werden können. Nur eine von der Idee eines solchen Werkes erfüllte und mit der nöthigen wissenschaftlichen Begabung ausgerüstete Persönlichkeit, wie sie der selige Bunsen (?!!) war, wird im Stande sein, diesen Dienst der christlichen Gemeinde zu liefern, und somit ist dieses Werk im letzten Grunde ein Werk Gottes, der allein die Propheten sendet, wenn es Zeit ist.“ So wunderlich es ist, daß hiernach der Schreiber einen Mann wie Bunsen für den rechten Mann zu einer völlig neuen Bibelübersetzung ansieht, so richtig ist der Gedanke, daß nur Ein Mann und zwar ein von Gott dazu erweckter und ausgerüsteter, und wir setzen hinzu, als ein solcher besiegelter und von der ganzen deutschen Christenheit anerkannter diese Aufgabe ohne Gleichen lösen könnte; wiewohl wir der festen Ueberzeugung sind, daß unsere Zeit eines solchen Mannes zu diesem Werke am wenigsten bedarf. Chiliasmus. Auf dem letzten Kirchentag in Brandenburg sprach Dr. Wichern von dem Kampf gegen die widerchristlichen Mächte dieser Zeit, und nachdem er gezeigt hatte, daß der Pietismus hier nicht zum Siege führe, setzte er hinzu: „Eine gleiche oder verwandte Stellung zu diesen Gegnern (des Christenthums) nimmt der Chiliasmus ein. Er ist nicht mehr auf der Flucht, sondern ist schon gänzlich entflohen.“ Dies nahmen die Chiliasten Dr. Wichern natürlich höchlich übel. Der Neuendettelsauer Freimund schreibt darüber: „So sprach Dr. Wichern auf dem letzten Kirchentag. Wir aber nehmen an dieser Aeußerung um so größeres Interesse, als es unter unsern Lesern gewiß auch solche gibt, die „„Chiliasten““ sind. Wenn nun solche diesen Vorwurf hören, müssen sie nicht an der Hoffnung der Propheten und Apostel irre werden? Oder sollte Gottes Wort das lehren, was zum Kampfe gegen die Widersacher des Christenthums untüchtig macht? — Eine andere Sache wäre es noch, wenn Dr. Wichern von Chiliasten gesprochen hätte; aber wie er nicht die Pietisten nannte, sondern den Pietismus, so auch nicht die Chiliasten, sondern den Chiliasmus. Also Chiliasmus selber, nicht etwa der Mißbrauch dieser Lehre, macht nach seiner Anschauung den Christen unfähig zum Eintritt in den heiligen Kampf. Vom Chiliasmus sagt er: Er ist nicht mehr auf der Flucht, sondern er ist schon gänzlich entflohen. Woher nun diese Erscheinung kommen solle, sagt Dr. Wichern nicht, aber es läßt sich denken. Der Chiliasmus besteht ja wesentlich in zwei Stücken. Erstlich lehrt er, daß die Welt schließlich wider Christum und seine Kirche sich vereinen werde, um die Kirche von der Erde wegzutilgen, dagegen das Reich des Satans durch den Antichristus, den Stellvertreter Satans, aufzurichten. Zweitens bekennt er, daß, wenn diese Noth aufs höchste gestiegen, Christus, unser Herr, sein Volk Israel sammeln und in das heilige Land zurückführen, dann selbst erscheinen, die Feinde, die vor die heilige Stadt ziehen, vernichten, zugleich aber die Märtyrer vom Tode erwecken und ein Reich des Friedens und der Herrlichkeit aufrichten werde, für welches Israel der Mittelpunkt sein wird; an dessen Segnungen aber die gesammte Völkerwelt Theil nehmen soll.