# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1863_S151 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Dr. Tholuck über die neueste Zeitströmung der Theologie. 151 Gebiete nicht von einem bangen ahnungsvollen Gefühle, wie vor einer her- annahenden Catastrophe, ergriffen wären. Auf solche weisen uns auch schon die ewig waltenden Gesetze des Aufblühens und Herabsinkens hin, die in der Natur wie in der Geschichte ihre Geltung haben. So ist die mächtige Strömung des Rationalismus, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht hatte, vor allem durch die Zeit der Noth, welche Fürsten und Völker wieder beten lehrte, gebrochen und hat einer gläubigen Wissenschaft weichen müssen. Doch die gläubige Christenheit wollte nicht in der Kürbishütte auf dem Felde wohnen; sie suchte ein Haus. Indem sie sich erinnerte, daß der Väter Segen den Kindern Häuser baut, gedachte sie daran, daß das ihrige von ihren Vätern gebaut war; sie wandte sich zur Kirche der Reformation zurück, und christliches Leben und christliche Wissenschaft begannen kirchlich zu werden. Eine zweite Periode der Noth brachte über uns das Nothjahr 1848 — auch dieses mit entscheidendem Einfluß auf Kirche und Wissenschaft. — Indeß haben die Vertreter dieser Richtung ihr Werk fast wieder untergehen sehen. Auch die Vertreter der vornehmsten unter den confessionellen Facultäten erklären, daß es nicht eine repristinirte, sondern eine regenerirte Wissenschaft ist, die sie erstreben. Eine solche freiere Wissenschaft entwickelt bis auf diese Stunde eine eifrige Thätigkeit. Dünkt es uns aber nicht, daß wir auch hier die Zeichen einer herannahenden Catastrophe sehen? Erinnern wir daran, wie wir eine Zeit hatten, wo die Vertreter aller andern Wissenschaften es sich zur Ehre anrechneten, mit uns Theologen für eine Sache zu kämpfen. Wo ist der fröhliche, kräftige Nachwuchs, während die alten Baumeister allmälig absterben? Wo stehen gegenwärtig Philosophen auf, wie einst Schelling, Hegel — denn auch ihn haben wir hierher zu rechnen (?) — die ihre Ehre darein setzten, Christen zu sein; fromme Naturforscher, wie Steffens, Schubert, Carl von Raumer; Aerzte wie Ennemoser? Dies ganze in der Zeit der Befreiungskriege aufgestandene Geschlecht — es ist dahin, und wer ist an seine Stelle getreten? Die Vertreter eines erdgebornen Empirismus, eines aus der Unterwelt erzeugten Materialismus. Während wir uns in Preußen noch sicher fühlen, rüsten sich die Kirchen im westlichen Deutschland, den Rationalismus sammt seinem Alliirten, der Demokratie, in ihre Mauern einziehen zu lassen, und in einem sächsischen Herzogthume steht der Tag bevor, wo jenes Vorbild seine Nachahmung finden soll. In einem Schweizer-Canton hat „die neue Religion der Zukunft“ alle historischen Grundlagen bei Seite geworfen, und nach dem protestantischen Frankreich, nach Holland, selbst auf den Boden des glaubenstreuen England ist die radikale Weisheit Deutschlands, die hier noch in die engen Mauern der freien Gemeinden eingeschlossen ist, verpflanzt. Hören wir da nicht die Füße der Todtengräber, welche unsere Theologie und Kirche zu Grabe zu tragen bereit sind? — Es ist nicht Kleinglaube, zu fürchten, daß eine Gnadenperiode in der Kirche abgelaufen sei; Kleinglaube wäre nur zu zweifeln, daß der erstorbene