# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 02_S142 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) waren auch von Gott gebotene äußerliche Hand⸗ lungen, mit denen Gott Gnadenverheißungen ver⸗ bunden hatte, welche, im Glauben ergriffen, den Menſchen gerecht und ſelig machten. So war z. B. mit der Beſchneidung die Verheißung ver⸗ bunden: „Ich will dein Gott ſein“ (1 Moſ. 17, 7.); wer daher dieſe dem Bunde der Beſchneidung angehängte Verheißung im Glauben erfaßte, der wurde in der Zeit des Alten Teſtaments durch die Beſchneidung ebenſowohl ſelig, wie der Chriſt durch ſeine Taufe, welche der erſteren entſpricht und daher die Beſchneidung ohne Hände genannt wird, Col. 2, 11. Ein großer Unterſchied aber findet ſtatt zwiſchen den Sacramenten des Alten und denen des Neuen Teſtamentes rückſichtlich des Weſens, des Inhaltes derſelben. Die altteſtamentlichen hatten nemlich nur das Vorbild, die neuteſtamentlichen haben nun das Weſen, jene hatten den Schatten, dieſe haben nun den Körper ſelbſt. Denn ſo beſchreibt die heilige Schrift den Unterſchied, der zwiſchen beiden Teſtamenten ſtatt⸗ findet. Col. 2, 16. 17. heißt es: „So laſſet nun Niemand euch Gewiſſen machen über (die im Alten Teſtament verbotene) Speiſe, oder über Trank, oder über beſtimmte Feiertage, oder Neu⸗ monden, oder Sabbather; welches iſt der Schat— ten von dem, das zukünftig war (das der Zeit des Neuen Teſtaments vorbehalten war), aber der Körper ſelbſt iſt in Chriſto.“ Ferner heißt es Ebr. 10, 1.: „Das Geſetz (das Alte Teſtament) hat den Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das Weſen der Güter ſelbſt.“ Ferner heißt es von den Prieſtern des Alten Teſtaments Ebr. 8, 5.: „Welche dienen dem Vorbilde, und dem Schatten der himmliſchen Güter.“ Hieraus iſt es klar, daß diejenigen, welche die Einſetzungsworte des neuteſtamentlichen Sacra— mentes bildlich verſtehen, aus dem Neuen Teſta— mente wieder in das Alte zurückführen, aus dem chriſtlichen Abendmahl wieder ein jüdiſches Paſſah⸗ mahl, aus der Erfüllung die bloße Verheißung, aus Chriſto einen Moſes, aus ihm, dem Pfle⸗ ger der heiligen Güter und der wahrhaftigen Hütte (Ebr. 8, 2.), einen Diener der Vorbilder und Schatten, und alſo auch aus Chriſten Juden machen. Nein, ſo gewiß der Neue Bund über⸗ haupt das Weſen der altieſtamentlichen Vorbil— der enthält, ſo gewiß enthält inſonderheit das heilige Abendmahl nicht wieder ein Bild, eine Figur, ſondern den weſentlichen Leib und das weſentliche Blut IEſu Chriſti, des rechten Oſter⸗ lamms ſelbſt, welches in dem altteſtamentlichen Paſſahmahl nur im Bilde gegenwärtig war. 3. Ein dritter Grund, der uns nöthigt, die Einſetzungsworte eigentlich zu nehmen, iſt, weil es ſonſt gar keine gewiſſe Lehre vom heiligen Abendmahle gäbe. Ganz wahr ſagt Auguſtinus: „Nichts, was den Glauben und die Sitten be— trifft, iſt dunkel in der heiligen Schrift ausge⸗ ſprochen, was nicht in andern Stellen auf das klarſte ausgeſprochen ſein ſollte.“ (De doctr. Christ. lib. II, c. 6.) Bildliche Redeweiſen die⸗ nen nemlich wohl dazu, eine bereits klar offen⸗ barte Lehre lieblich und anſchaulich zu machen, aber keine Lehre kann als klar offenbart erwieſen 142 werden, für welche man ſich auf nichts, als auf bildliche, uneigentliche Ausdrücke berufen kann. Nur ſolche Lehren können daher für ausgemachte Artikel des chriſtlichen Glaubens angeſehen wer— den, welche wenigſtens in Einer Stelle der hei⸗ ligen Schrift mit klaren, unverblümten, eigent⸗ lichen Worten ausgeſprochen ſind. Hätten wir z. B. zum Beweiſe für die Lehre von der Erlö— ſung allein die Stelle: „Ich will Feindſchaft ſetzen zwiſchen dir und dem Weibe, und zwiſchen deinem Saamen und ihrem Saamen; derſelbe ſoll dir den Kopf zertreten, und du wirſt ihn in die Ferſe ſtechen“ (1 Moſ. 3, 15.): wie mißlich ſähe es dann um die Begründung der Lehre von der Erlöſung aus! Aber, Gott Lob! dieſe Lehre finden wir an unzähligen andern Stellen der Schrift mit unverblümten, eigentlichen Worten dargelegt. Wie mißlich ſtünde es ferner um die Lehre von der Rechtfertigung, wenn wir dafür nicht mehr hätten, als die bildliche Darſtellung derſelben durch die Heilung derjenigen, welche die eherne Schlange im Glauben anſchauten! Joh. 3, 14. 15. Was würden wir endlich wiſſen von der nöthigen Selbſtverleugnung, wenn wir dar⸗ über nichts wüßten, als was Chriſtus Matth. 5, 29. 30. ſagt: „Aergert dich aber dein rechtes Auge; ſo reiß es aus, und wirf es von dir. Aer⸗ gert dich deine rechte Hand; ſo haue ſie ab, und wirf ſie von dir“? ö Es iſt kein Zweifel, die Schrift wäre jenen heidniſchen Orakeln gleich, welche nur zweideu— tige, räthſelhafte Antworten gaben, wenn uns darin die Glaubenslehren, oder auch nur eine derſelben, in verblümten Worten vorgelegt würde. Dann wäre keine Gewißheit des Glaubens mög⸗ lich. Dann könnten wir uns nicht auf die Schrift ſelbſt, ſondern wir müßten uns auf die menſch⸗ lichen Auslegungen derſelben verlaſſen. Aber St. Petrus ſagt nicht nur klar und deutlich: „Und das ſollt ihr aufs erſte wiſſen, daß keine Weiſſagung in der Schrift geſchieht aus eigener Auslegung“ (II, 1, 20.) ſondern die Schrift iſt auch ſo beſchaffen, und ſie kann als eine gött— liche Offenbarung nicht anders beſchaffen ſein, als daß ſie der menſchlichen Auslegung nicht bedarf. Es werden darin wohl viele Leh—⸗ ren hie und da unter Bildern, Gleichniſſen und Geheimreden dargeſtellt, aber es giebt keinen Glaubensartikel, der nicht wenigſtens in Einer Schriftſtelle mit einfältigen, unzweideutigen, eigentlichen Worten aus- und dargelegt wäre. Wenden wir nun dies auf die Lehre vom heili— gen Abendmahle an. Dieſelbe wird offenbar eigens (ex professo) in folgenden fünf Stellen abge— handelt: Matth. 26, 26—28. Marc. 14, 22— 24. Luc. 22, 19. 20. 1 Cor. 10, 15—21. 11, 23—34. Vergleichen wir nun dieſe sedes doctrinae, das heißt, dieſe Hauptſtellen, in denen der Artikel vom heiligen Abendmahle ſeinen eigent⸗ lichen Sitz hat: finden wir unter ihnen auch nur Eine, in welcher die angeblich mit uneigentlichen Worten beſchriebene Abendmahlslehre mit andern eigentlichen vorgetragen würde? Nein; wo im— mer wir die heilige Schrift um dieſe Lehre fragen, da erhalten wir ſtets dieſelbe Antwort: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, oder, was das⸗ ſelbe iſt: „Das iſt die Gemeinſchaft des Leibes und Blutes Chriſti, das iſt der Kelch, das neue Teſtament in meinem Blut.“ So gewiß nun jeder Artikel des chriſtlichen Glaubens in ſeinen Hauptſtellen mit klaren, deutlichen, einfältigen, unzweideutigen, eigentlichen Worten offenbart iſt, ſo gewiß redet die Schrift auch in jenen Stellen vom heiligen Abendmahle mit unverblümten Wor⸗ ten und ſo gewiß haben wir daher auch nur dann das rechte Verſtändniß jener Einſetzungsworte, wenn wir dieſelben in ihrem eigentlichen Ver⸗ ſtande, wie ſie lauten, verſtehen. Es bleibt uns nichts übrig: entweder müſſen wir geſtehen, es giebt gar keine gewiſſe Lehre der Schrift vom heiligen Abendmahle, oder wir müſſen diejenige annehmen, die der eigentliche Sinn der Worte der Einſetzung derſelben uns giebt. Hat es nicht auch die Geſchichte mehr als ge⸗ nugſam beſtätigt, daß da, wo man von dem eigentlichen Sinn dieſer Worte abgeht, alle Ge— wißheit und Einigkeit aufhören muß? So einig E z. B. alle Reformirten darin ſind, daß Chriſti Leib und Blut nicht wahrhaftig und weſentlich im heiligen Abendmahle ſei, ſo uneinig ſind ſie darin, welches denn der wahre Sinn der Worte Chriſti: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, ſei. Anders legte ſie Carlſtadt, anders Schwenk⸗ feld, anders Zwingli, anders Oekolampad, anders Calvin aus; und noch jetzt findet man unter den Reformirtgeſinnten kaum zwei, die hierin einig ſind. Es iſt auch nicht anders möglich; wo man von Gottes klarem Worte abgehet, da muß eine babyloniſche Verwirrung erfolgen; da wird man hinausgetrieben auf das weite wogende Meer der Ungewißheit und iſt dahingegeben jeg⸗ lichem Winde menſchlicher Gedanken, die den einen dahin, den andern dorthin verſchlagen. Mag man ſich aber bei ſolcher Untreue gegen Menſchen und außer der Anfechtung gewiß und muthig ſtellen, vor Gott und in der Anfechtung kann man dabei nicht beſtehen. Gar recht! ſchreibt Melanchthon: „Ich finde keine Urſache‚! warum wir von dieſer Meinung, nemlich daß Chriſtus im heiligen Abendmahl mit ſeinem Leib und Blut gegenwärtig ſei, abweichen ſollten. Es kann ſein, daß eine ſolche Meinung einem mü⸗ ßigen Gemüthe angenehmer ſei, die der menſch- lichen Vernunft gemäßer iſt, inſonderheit wenn ſie mit ſpitzig erfundenen Gründen geziert und ausgeſchmückt iſt, aber wie wird es in der An⸗ fechtung beſtehen, wenn das Gewiſſen dis⸗ putiren wird, was er für Urſach gehabt, von der gewöhnlichen Meinung der Kirchen abzuweichen? Dann werden dieſe Worte: „„Das iſt mein Leib““, lauter Donnerkeile ſein. Was wird dann ein erſchrecktes Gemüth entgegen ſetzen? mit welcher Schrift und mit welchem Wort Gottes wird es ſich ſchützen und ſich überreden, daß Chriſti Worte verblümter Weiſe anzunehmen ſind?“ Wohl denen daher, die an Gottes Wort ſich feſthalten! Bei ihnen iſt Einigkeit. Da findet man keinen Unterſchied des Glaubens, ob man den tiefſinnigſten Gelehrten oder das einfältigſte Schulkind fragt; denn die Worte: „Das iſt mein Leib; das iſt mein Blut“, einfältig, wie ſie lau⸗ ten, genommen, müſſen dieſelbe Vorſtellung in dem Herzen des unmündigen Kindes wecken, wie in dem Herzen des hochgelehrteſten Doctors der heiligen Schrift. Und was das Herrlichſte iſt, die