# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 05 02_S140 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wegen vorhalten, ſie hätten eine von Allen ver⸗ ſchiedene Religion. Unter denen, welche damals vom Irrthum zu Erkenntniß der Wahrheit durchdrangen, tritt dieſer erfreuliche Fortſchritt beſonders deutlich bei Bucer hervor, dem immer lebendigen Friedensvermittler, wie Dr. Rudelbach ihn treffend nennt. Derſelbe kam im Auftrage der Stadt Straßburg mit Ca⸗ pito nach Augsburg und hatte zunächſt mit Bren⸗ tius eine Unterredung, deren Inhalt dieſer dem Melanchthon mittheilte. „Ihr ſollt gewißlich da⸗ für halten“, ſchrieb Melanchthon darauf an Bueer, „wenn ich etwa eure Lehre nicht allerdinge für recht halte, daß ich gleichwohl ohne alle Verbitterung und ohne Haß anderer Meinung bin. Mich dünkt, es ſei weder dem gemeinen Beſten zuträg⸗ lich, noch meinem Gewiſſen zu rathen, daß ich unſere Fürſten mit eurer verhaßten Lehre beladen ſoll, die ich weder mir ſelbſt noch Andern für recht und wahrhaftig darthun kann, als die wider der ganzen Kirche Zeugniß iſt. Zwingli hät ein Be⸗ kenntniß hergeſandt, darin er wahrlich nicht will angeſehen ſein, daß er allein mit Worten anders lehre, denn wir. So rumoret er ohne Noth auch in andern Artikeln. Es ſcheinet, daß mehr ein Schweizeriſcher, denn ein chriſtlicher Geiſt ſei, der ihn ein ſolches trotziges Bekennt⸗ niß zu ſchreiben angetrieben hat. Ich wollte ſehr gerne, daß der Streit von des HErren Abend⸗ mahle könnte beigelegt und geſtillet werden.“ Bu⸗ cer erwiederte: „Wir haben allhier, wie Jeder⸗ mann weiß, mit Zwingli nichts zu thun.. Sonſt rufen wir unſeren Seligmacher zum Zeugen an, daß wir zwiſchen der Gegenwart, wovon Zwingli ſchreibt, und eurer weſentlichen und doch nicht räumlichen Gegenwart gar keinen Unterſchied ſe⸗ hen können, oder doch nur einen ſo geringen, daß er ſofort verſchwindet, inden man danach forſchet.“ Dieſe Anſicht, daß der Streit zwiſchen Luther und Zwingli nur ein Wortſtreit ſei, ſprach Bucer auch gegen den kurſächſiſchen Canzler, Gregorius Brück, aus, welchem er nenn Artikel als Grund⸗ lage der Einigung überſandte. Zugleich bekennt er jedoch, daß die Worte: das iſt mein Leib; nicht buchſtäblich veiſtanden werden müßten, ſondern verblümt ſeien, daß der Leib und das Blut Chriſti im Abendmahle gegenwärtig ſeien, aber nur durch die Betrachtung des Glaubens, und daß die Gottloſen den Leib des HErrn nicht genöſſen. Es geht hieraus hervor, in welcher argen Selbſt⸗ täuſchung Bucer damals befangen war, indem er die wirkliche Gegenwart, welche unabhängig von menſchlicher Anſchauung und menſchlichen Ge— danken Statt findet, mit der Erhebung des Ge⸗ müthes zu dem nicht Gegenwärtigen verwechſelte, als ob nämlich dieſe jene hervorzubringen ver— möchte. Melanchthon urtheilte daher ſehr geſund, wenn er ſagte: „Bucer betrügt ſich und Andere mit dieſer Imagination.. Sie machen den Leuten nur einen blauen Dunſt vor die Augen, damit, daß ſie ſagen, Chriſtus ſei wahrhaftig zugegen. Und ſetzen gleichwohl dazu: durch Anſchauung des Glaubens, das iſt, in Gedanken, damit ſie wieder leugnen die weſentliche Gegenwart. Wir Büchlein an Luther, worin er erklärte: er und —140 lehren, daß der Leib Chriſti wahrhaftig und we⸗ ſentlich gegenwärtig ſei mit dem Brode oder im Brode; uns dünket aber, daß Bucer hiemit hin⸗ terliſtig handelt, wenn er ſagt, wir ſeien in die⸗ ſem Artikel mit einander eins, weil wir die Trans⸗ ſubſtantiation oder Verwandlung des Brodes ſämmtlich verwerfen.“ Bucer ſuchte ſich zwar gegen dieſe Vorwürfe zu rechtfertigen, allein er bewies nur immer deut⸗ licher, daß er noch ganz im Irrthum war, indem er dem Melanchthon geradezu geſtand: Chriſtus könne leiblich nur an einem Orte ſein und nicht an mehreren zugleich. Im heiligen Abendmahle ſei er nur der Seele gegenwärtig und dem reinen Herzen, das durch den Glauben in den Himmel erhaben iſt. Es zeigt ſich hier klar, daß Bucer damals, wie Calvin ſpäter, bemüht war, eine Mittelmeinung zwiſchen Luther und Zwingli aufzuſtellen. In⸗ deſſen hat Zwingli ſelber den Bucer von der ver⸗ geblichen Arbeit, ihn mit Luther zu vergleichen, abgemahnt. Wie weit übrigens Melanchthon entfernt war, dieſes Vorhaben zu begünſtigen, be⸗ weiſ't folgende entſchiedene Erklärung, welche er gerade damals gab. „Was die Zwingliſche Rotte belangt“, ſchrieb er an einen Freund, ſollet ihr gu⸗ tes Muthes ſein: ich habe ſelbſt erfahren, da ihre vornehmſten Rädelsführer in Marburg zuſam— men geweſen, daß ſie keine chriſtliche Lehre haben, ſondern allein kindiſch und lächerlich philoſophiren und gaukeln. Wenn ſie gleich ſechshundert Jahre disputiren, ſo bringen ſie mehr nicht, denn allein dieſes: das Fleiſch iſt kein nütze. Und dieſe Worte ziehen ſie mit Gewalt auf das Fleiſch Chriſti. Ich wollte lieber ſterben, denn es mit ihnen halten und ſagen: der Leib Chriſti müſſe und könne nur an einem Ort ſſein.“ Da indeß Bucer darauf beſtand, daß er mit Luther einig ſei, ſo wurde ihm gerathen, ſich gegen ihn ſelbſt deutlich zu erklären. Demnach reiste er noch während des Reichstages nach Co⸗ burg, wo Luther ſich damals aufhielt. Bei ihrer Unterredung wurden damals alle Streitpunkte auf das Fleißigſte erwogen. Luther hielt dem Bucer ernſtlich vor, daß eine Vereinigung nur auf dem Grunde der Wahrheit geſchloſſen werden könnte, wenn nicht ein größeres Uebel daraus entſtehen ſollte, und Bucer that manche Aeußerun⸗ gen, welche Luther erfreuten. „Ihr könnt mir glauben“, ſprach er zu Bucer, „daß ich dieſe Miß⸗ helligkeit zu beruhigen und zu ſtillen wünſche und ſollte ich auch mein Leben dreimal dran— ſetzen. Denn ich habe geſehen, wie nöthig uns eure Geſellſchaft ſei, was ſie dem Evangelio für Ungemach bisher gebracht und noch bringe, ſo daß ich gewiß bin, daß alle Pforten der Hölle, das ganze Pabſtthum, der ganze Türke, die ganze Welt, das ganze Fleiſch und was überall Böſes iſt, dem Evangelio nicht ſo viel hätte ſchaden kön— nen, wenn wir einig wären.“ Luther wagte aber⸗ mals eine große und fröhliche Hoffnung zu faſſen. — ö ö Im Jahre 1531 ſandte Bucer ein Bekenntniß⸗ die Seinen glaubten mit ihm, der Leib und das Blut unſeres HErrn ſei gegenwärtig im Sacra⸗ ment, und werde mit den Worten dargereicht der Seelen zur Speiſe oder Stärkung des Glaubens. Die Unſrigen nehmen dieſes freundlich an und hören es von Herzen gerne. Luther erwiederte Bucern: „Wir danken Gott, daß wir doch ſo weit einig ſind. Wenn wir denn bekennen, daß der Leib Chriſti der Seelen wahrhaftig zur Speiſe gegeben werde, und keine Urſache da iſt, warum nicht auch zu ſagen, daß er einer gottloſen Seelt ſo gereichet werde, ob ſie ihn ſchon nicht annimmt, gleichwie das Sonnenlicht ſowohl dem Sehenden, als dem Blinden angeboten wird: ſo wunden mich, warum ihr euch noch bedenkt, zu bekennen, daß er auch mit dem Brod dem Munde ſowohl der Frommen, als der Gottloſen von außen an⸗ geboten werde. Wenn aber dieſe Meinung bei euch noch nicht zur Reife gekommen iſt, ſo halte ich, man müſſe die Sache verſchieben und weiter auf die göttliche Gnade warten.“ zur größten Seelengefahr führen müſſe. „Ich machte mir“, ſchließt er, „nach unſerer Coburgiſchen Unterredung gute Hoffnung, aber ſolche Hoffnung iſt noch nicht feſte; der HErr IEſus erleuchte uns und mache uns vollkommen einig! das bitte ich, das jammere ich, danach ſeufze ich.“ Eben ſo ſprach ſich Luther darüber auch gegen den Kurfürſten Johannes aus: „Ich kann für⸗ wahr nicht weiter weichen oder nachgeben. Lieber Gott, ſoll das ſo ſchwer Ding ſein, daß man glaͤube, ein Gottloſer möge den Leib Chriſti im Brod empfahen, ſo ſie doch müſſen gläuben, daß der Teufel Chriſtum leiblich führete auf den Tem⸗ pel und hohen Berg und hernach die Juden ihn leiblich griffen und kreuzigten. So müſſen ſie ja auch bekennen, daß ein Gottloſer das rechte Wort Gottes höret. Und wo es nicht das rechte Gottes Woit wäre, ſo würde er nicht verdammet, daß er nicht daran gläubet, ſondern thäte recht, daß er nicht gläubt an ein gleißend oder falſch Gottes⸗ Wort. Eben ſo iſt auch von Gottes Namen, Taufe und Sacrament zu reden. Es muß alles recht und wahrhaftig Gottes Name, Wort und Werk ſein, dadurch er mit uns handelt.“ Darauf ſprach Bucer den überaus ſanftmü⸗ thigen Herzog Ernſt von Lüneb urg um ſeine Vermittlung an. Allein die Sache wurde dadurch nicht weiter gefördert. Luther erwiederte dieſem Fürſten, er habe Bucern bereits auf das aller⸗ freundlichſte geantwortet, aber in ſeine Meinung zu willigen, habe er ihm auf das Glimpflichſte abgeſchlagen. Wenn derſelbe aber behaupte, der Hader beſtehe blos in Worten, ſo ſei das ein eit⸗ les Vorgeben; „da wollte ich gerne drum ſterben“, ſagt er, „wenn es ſo wäre, es ſollte ſolcher Spahn ſich nicht lange erhalten, auch noch nie angefan⸗ gen haben.“ Zugleich macht er auf die Seelen⸗ gefahr aufmerkſam, wenn zwei Glauben in einer Kirche wären, und ſchließt, indem er ſein großes Verlangen nach Frieden betheuert: „E. F. G. ſollen glauben, daß mir nächſt Chriſto, Zur völligen Eintracht könne er ſich noch nicht verſtehen, weil X' zweierlei Glaube und Bekenntniß in einer Kirche