# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S117 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 117 digtweise. Jenisch in der Leichenpredigt auf Polycarpus Leyser sagt: „sehr übel konnte der sel. Mann leiden, da ein Prediger sich der neuen, fremden, ungewöhnlichen Art zu predigen befliß, da man distinctionum distinctiones, partium particulas, particularum membra et scrupula wider Lutheri, Pomerani, Brentii, Eberi, Chemnitii und anderer reiner, guter und zum Himmelreich gelehrter Prediger Gewohnheit einführte. Aber die neue Welt will auch neue Art zu predigen haben und könnte mancher leiden, daß neue Bibel, neue Worte, neue Prediger aufkämen, inmaßen auch D. Selnecker geklagt, es werde bei der neuen Art zu predigen das reine Wort Gottes harten Stoß leiden," s. Beste II, XX. Wenn man heut zu Tage auch die besten Predigten oder Predigtdispositionen ansieht (wir ziehen es aus Gründen vor, Namen nicht zu nennen) und sie mit der Predigtweise Luthers und der Reformationsperiode vergleicht, so sieht man auf den ersten Blick, daß ein großer Unterschied zwischen heut und damals in der Predigt stattfindet. Was für abstracte Themate und was für abstracte Abtheilungen sieht man heut zu Tage! Wir wollen aber hier nicht ohne Weiteres den Stab brechen über die synthetische Art zu predigen mit ihrem oft so erkünstelten Thema und ihren erzwungenen Abtheilungen, willkürlichen Unterabtheilungen und ihrem überhaupt mehr von außen an den Text herankommenden rhetorischen Gedankengang; aber soviel ist ganz gewiß: altlutherisch ist diese dermalen fast allein gangbare Predigtweise nicht. Ein Prediger, der blos synthetisch predigt, der immer in Gefahr ist, neben dem Texte herzugehen, seine Gedanken in den Text hineinzulegen und oratorisch-kunstvoll aufzutreten, — ein solcher Prediger mag noch so viel Schönes zu Gunsten seiner Predigtweise anzuführen wissen, eins ist gewiß: es ist nicht die Weise der alten Kirche. Aber es ist auch nicht einmal die Weise der Welt. Wo hält heut zu Tage ein weltlicher Redner in irgend einem Parlamente eine solche Rede, in der er die äußere Anlage, das Gerippe seiner Rede: Einleitung, Uebergang zum Thema, Thema, feierliche Ankündigung von Theilen u. s. w., so zur Schau trägt, wie man's in der Kirche ohne das geringste Bedenken fast immer thut? Man findet solche Reden weder in der alten Kirche, noch in der Reformationszeit — noch in den Reden der Welt. Weder Cicero noch Demosthenes, weder die englischen noch die deutschen großen Parlamentsredner, z. B. Stahl, halten die Form dem Hörer so steril vor die Augen hin, wie unsere synthetischen Prediger es thun. Es ist wirklich, als ob dieselben neben dem Inhalte ihrer Predigten zugleich auch ein Compliment für ihre so stark hervortretende, große Kunstfertigkeit noch extra verlangten; man hat den Eindruck, daß das arme Wort der Schrift erst zur Bedeutung kommen soll durch die schöne Form der Kunst, während doch in der That eine Predigt mit so vieler Form nur solchen Thieren gleicht, die durch Hunger ungewöhnlich mager geworden sind und keineswegs zum Lobe ihrer Schön⸗