# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S116 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 116 Luther als Prediger. so finden wir, daß alle sich an die Predigtweise Luthers mehr oder weniger anschlossen. Es ist auch von vornherein undenkbar, daß in dieser Zeit der Geistesheimsuchung solche synthetisch⸗abstracte Predigten hätten gehalten werden können, wie man sie heut zu Tage etwa hört. Da, wo alles auf die Schrift gestellt wurde, wo alle nur um sie sich bewegten, da mußte es allen darauf ankommen, daß sie gerade erkannt würde. Nur das Wort wollten sie predigen, — damit sie es recht thäten, predigten sie über die Bibel biblisch. Wir wollen hier nicht an die hundert Predigtmethoden denken, zu denen es endlich Carpzov gebracht hatte, wir wollen hier nur an die Predigtmethoden erinnern, die gleich nach Luthers Zeit hervortraten. Man vergleiche dazu das Buch von Beste, die bedeutendsten Kanzelredner der lutherischen Kirche des Reformationszeitalters in zwei Bänden. Da stehen von den verschiede⸗ nen Freunden Luthers in der Reformationsperiode neben den kurzen Lebens⸗ beschreibungen derselben und einer Charakteristik ihrer Predigtweise zugleich immer einige Predigten derselben. Da diese Predigten selten zu bekommen sind, so ist es sehr interessant, sie hier kennen zu lernen. Man sieht, wie die Männer dieser großen Periode damals gepredigt haben. Aber nicht, wie man heute predigt, haben sie gepredigt, sondern ganz im Anschluß an Luther, das ist das kurze Resultat. Man vergleiche neben der Charakteristik eines jeden Predigers im I. Bd. besonders die Vorrede zum II. Bd. des Buches von Beste S. XIV, XV, XVI; da lernt man die verschiedenen Predigtweisen dieser Männer kennen. Es gab eine locale Predigtart, die ohne Thema einzelne Lehrartikel abhandelte, eine paraphrastische, die mit der localen sonst ganz verwandt, nur darin sich unterschied, daß sie den ganzen Gedan⸗ kengang des Textes explicirte und gliederte. Nach der paraphrastischen Art wird der Text in die einzelnen Gruppen zerlegt, aus denen er eigentlich be⸗ steht. Neben der analytischen Predigtweise Luthers, die in der ersten Pe⸗ riode fast durchgängig im Gebrauche war, finden wir in der zweiten Periode also die locale oder articulirte (loci, articuli behandelnd), die paraphrastische, und freilich schließlich auch hier schon die Anfänge der nachherigen syntheti⸗ schen, die durch Andreas Pancratius, Superintendenten in Hof, eingeführt wurde.*) Derselbe verlangt schulgerecht ein exordium, doctrina, applicatio und conclusio mit entsprechender captatio benevolentiae, antithesis und con- cessio, refutatio und propositio, partium repetitio, affectuum commotio et voti additio. Was will man mehr? Neben den biblisch-einfachen Predig⸗ ten dieser Periode, die sich in die Schrift versenken und sie erklären und dem Volke auslegen, die die Gemeinde auf- und ausbauen mit dem lautern Worte Gottes ohne den reflectirenden Doctrinarismus der schulgerechten Composition, finden wir also hier schon den Beginn des Verfalls der Pre⸗ *) Ob die synthetische Predigtweise wirklich auf Melanchthon zurückzuführen ist, was nach den Beispielen der Prediger aus Melanchthons Schule zu schließen nicht angeht, das ist uns hier gleichgültig. Es ist aber schon ein Zeichen gegen die synthet. Predigtweise mit ihrer Schulform, daß man überhaupt geglaubt hat, sie auf Melanchthon, der nie gepredigt hat, zurückführen zu müssen.