# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S115 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 115 theologische Selbstsucht und Arbeit im Studiren und Meditiren nicht scheut und anhält am Gebet, daß ihm wie dem Apostel „gegeben werde das Wort“ Eph. 6, 19., der wird wohl auch originell und daher populär predi⸗ gen lernen. Daß ein solcher natürlich auch seine Gemeinde ansieht und ihre Bedürfnisse kennen lernt und ihre geistige Situation mit beachtet, das versteht sich von selbst. Aber darauf ist viel weniger zu geben! Denn was hilft es, wenn einer auch noch so viel das Volk belauschen wollte, um es ihm abzulernen, wie es sich geistig ausdrückt! Das wäre doch wieder nichts als eitel Nachahmerei. So wenig einer das Plattdeutschpredigen nachahmen kann, so wenig kann er das Volk in seinem ganzen Sein und Reden über⸗ haupt nachahmen. Paulus kam zu den verschiedensten Nationalitäten und wurde als ein populärer Mann überall verstanden, weil der heilige Geist in ihm lebte und seine Natur als ein Organon durchgeistet hatte, daß es harfete und posaunte (1 Cor. 14, 7. 8;) in einer Sprache, die jedem Hörer ins Herz drang. Was war das Pfingstwunder mit den „neuen Zungen?“ Waren es blos die fremden Idiome, die die Fremdlinge in Jerusalem am Pfingstfeste hörten? Dann hätten die Apostel schwerlich solche Erfolge gehabt. Sie lernten durch den heil. Geist populär reden dadurch, daß ihre ganze Natur neu wurde und geschickt, wieder zu geben, was sie empfangen hatte. — Es kann oft rechte Traurigkeit ins Herz kommen, wenn man heut zu Tage so manche Prediger sieht, die wie Kinder bald den, bald jenen Prediger anschauen und es nun ebenso machen wollen, wie diese ihre Vorbilder. Da geschieht es dann oft, daß grade das Verkehrte nachgeahmt wird; und nun das Verkehrte noch nachahmen — und obendrein auf der Kanzel, welche Carricatur! Man sollte es kaum glauben, wie weit diese Anbeterei oft geht! Wirklich oft bis auf das homiletische Räuspern und Spucken. Dagegen sollte sich jeder auf sich selbst besinnen, seine Gaben kennen lernen, sie üben und Gott um Licht und Erkenntniß dazu bitten, sich selbst recht üben in der Gottseligkeit, die eigne Seele selig machen und tüchtig studiren, wie es eines Theologen einfache Pflicht und Schuldigkeit ist, — dann würden die rechten Posaunen⸗ stöße oder Harfentöne, je nachdem es nöthig ist, schon von selbst kommen. Und so ein eigner Prediger, dem man es abfühlt, daß er von Gottes Gnaden alles ist, weil wirklich, was er hat, ihm von Oben gegebenes und treu er⸗ kämpftes und erworbenes Eigenthum ist, ist, auch wenn er wenig Gaben hätte ein wahres Labsal so vielen gegenüber, die von Jugend auf sich eine Methode von andern abgelauscht haben und darin sich und ihre Gemeinde verderben. Ein selbständiger Prediger wird immer popu⸗ lär sein — die Erfolge sind nicht seine Sache, die stehen in des Herrn Hand, die gehören nicht zur Popularität. Gehen wir aber, indem wir an die obige Bemerkung, daß Luther ana⸗ lytisch predigte, anknüpfen, noch einen Schritt weiter und betrachten wir seine Freunde und Schüler, die mit ihm das große Reformationswerk trieben,