# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S112 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 112 Luther als Prediger. Erde steht: Erde und Knorren fehlten ihm freilich nicht; aber er war ein wirklich gewachsener Baum und nicht ein gemachter. Seine heroische Unordnung, wie man es genannt hat, sein sich oft wirklich zu sehr Gehenlassen — das wollen wir weder vertheidigen, noch empfehlen — aber dennoch, daß Luther ein ganzer Mann und ein ganzer Christ und, wie wir weiter unten sehen werden, ein ganzer Theolog auch auf der Kanzel war, und daß er überall sich als solchen wußte und auch auf der Kanzel kein anderer sein wollte, als wie er im gewöhnlichen Leben war, daß er aus seiner natürlichen Begabung, aus seinem zum eigensten Eigenthum ihm gewordenen Wissen frei und kühn herausredete ohne viele Reflexe, und nur den einzigen Wunsch hegte, von dem Hänschen und Gretchen hinter der Thür verstanden zu werden, auch auf die Gefahr hin, daß er den 40 Magistern, die er zu Zuhörern hatte, die Thür hätte weisen müssen; dies machte ihn zu so einem bedeutenden und populären Prediger. Wenn er sich in seinen schwächern Partien gehen ließ, so kam es eben daher, daß er eben in seinen stärkern Partien sich auch gab, wie er war. Deshalb war er doch eine geheiligte Persönlichkeit auch als Prediger, wenn auch die schwachen Seiten seines Wesens sich nicht verbargen. Wer die Natur gar zu sehr beschneidet, kömmt in Gefahr, alle Eigenthümlichkeit zu verlieren. Und heilige Natürlichkeit — das war gewiß auch der Propheten und Apostel großes Characteristicum, so wie es die Aufgabe aller christlichen Erziehung und Bildung ist, die Natur nicht zu zerbrechen, sondern zu verklären, damit ihre Kräfte frei werden von dem Banne des Fleisches: Gott zur Ehre, dem Nächsten zum Dienste. Und diese geheiligte Natur hatte Luther als Christ und Theolog und als Prediger, mochte auch bei ihm überall der dunkle Grund sich zeigen, an dem der heil. Geist bei jedem Christen, Theologen und Prediger zu arbeiten hat, so lange er lebt. So wollen wir auch den Prediger Luther nehmen, wie er ist, und sagen, seine verklärte und geheiligte Natur war seine Macht als Prediger. Sie läßt er gewähren in seinen Predigten. Höret ihm zu, wenn er vom Glauben spricht, der vor Gott gerecht macht, wenn er die Liebe preist, die in Gottes Herzen wohnt, wenn er von der Liebe redet, die Christ gegen Christ haben soll: wie ruhig und klar redet er und läßt sich darin oft gehen und treiben, als wäre das ein Thema, das er nicht wieder abbrechen möchte. Wie ein Adler derselbe ist, er sitze oder fliege, so ist Luthers Beredtsamkeit dieselbe, mag sie vom Papste reden und den Dorfrülzen, die auf der Erde kriechen, oder mag er sich zum Himmel schwingen und von der großen Liebe Gottes reden. Ein Vers wird da oft wie ein großes Meer göttlicher Liebesgedanken und er spricht und spricht und macht aus dieser einen Blume, wie er selbst sagt, eine ganze Wiese. Und gerade diese Breite, diese originelle Wiederholung, dieses von den verschiedensten Seiten aus die Sache darstellen, möchte am meisten mit zur Popularität der Predigten Luthers beigetragen haben. Wie wenig wirken doch die knapp zugeschnittenen synthetischen Kunstfiguren von heut zu Tage oft gerade deshalb, weil sie so knapp und kunstgehalten ausgedacht und ausgearbeitet sind! Wer aber weiß, wie oft einem natür-