# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S111 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 111 Angeln, in denen sich Luthers Leben bewegte. Und diese zwei Worte sind der feste Kitt, der seine Predigten zusammenhält, der macht, daß aus der Erklärung der einzelnen Verse ein Bau wird, der die Kirche sammelte und schützte. Ohne diese Auffassung sind die lutherischen Predigten, einzelne Ausnahmen vielleicht abgerechnet, in ihrer Formlosigkeit gar nicht zu verstehen. Denn ihre bloße äußere Form angesehen, sind sie nichts als kunstlose Produkte. Er hat sehr lange Einleitungen und wieder gar keine; ohne jegliche Vermittlung steht der Text da und seine Erklärung beginnt mit ein paar Worten, etwa: „wollen nun den Text insonderheit bewegen“, oder: „so lehret die Epistel zwei Stück abermal: glauben und lieben.“ Die Predigt beginnt: „Diese Epistel ist leicht, wollen sie kurz überlaufen.“ Ja er hat Einleitungen, die nach der Erlanger Ausgabe 14 Seiten lang sind, aber freilich ist die darauf folgende Predigt auch 31 Seiten lang. Und so kunstlos wie die Einleitungen, sind die Predigten überhaupt. Wenn er genug von einem Verse gesprochen, geht er auf den andern über, und wenn es ihm genug scheint — hört er plötzlich auf und sagt etwa: „dies sei diesmal genug spatziert“, oder: „es wird uns jetzt zu viel, haben nicht Zeit dazu“, oder: „was sonst noch zu sagen, wollen wir den Hochgelehrten und Müßigen lassen befohlen sein, genug, daß wir die Summe des Evangelii haben.“ Dazu kömmt noch manches andere, was unserm Geschmacke nicht zusagt, z. B. seine heimliche Deutung, und wenn er bisweilen plattdeutsch spricht, was er aber nur thut, wenn er ordinäre Leute redend einführt, z. B. in der Hauspostille, wo die Ungläubigen sagen: „wat Himmel, hätt' ick hie Mehl“, oder wo er die versoffenen Bürger und Bauern einführt: „so, wat frege ick nah Gott, wat frege ick nah dem Tod? wat, schol ick dem Papen thohören? Beer her, lat uns supen, ick heb ock no twe Pennig to verteren“, oder wenn er lateinisch redet und griechische Worte anführt. Lateinisch aber, abgesehen von dem großen Gebrauche des Lateinischen zu der damaligen Zeit, spricht er nur, wie die griechischen Tragiker dorische Formen in solchem Falle gebrauchen, wenn er feierlich wird, d. h. von Königen und Fürsten spricht, oder von der Höhe der Glaubensmysterien, oder den Tiefen des Sittengesetzes redet. Wenn man dies und Aehnliches zusammennimmt und es unter die homiletische Lupe legt, so würde Luther vor keinem homiletischen Richterstuhle heut zu Tage Gnade finden; das günstigste Urtheil wird dahin lauten: nun ja, das war für jene Zeit! Wir wollen das für jetzt dahingestellt sein lassen; zunächst kam es uns darauf an, Luther zu zeigen, wie er predigt. Und da müssen wir sagen: er war ein ganzer Mann als Prediger; was er war als Prediger, das war er selbst und war es ganz. Homiletik hatte er freilich nicht gehört, wie auch seine Freunde keine hören konnten, da es keine Professoren der sogenannten praktischen Theologie gab, vielleicht, weil die Zeit und ihre Männer alle praktisch waren. Von dem homiletischen Schmelz, der uns heut zu Tage von den Theoretikern unter den „praktischen“ Professoren im letzten Semester eingehaucht wird, konnte bei Luther keine Rede sein. Er war wie ein Baum, der in der