# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S110 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 110 Luther als Prediger. analytische Weise Luthers, Vers für Vers zu erklären, ohne große, den ganzen Text zu einem Ganzen verknüpfende Conception trocken und kirchlich unpassend wäre. Aber die Trockenheit liegt eben weder im Verse, noch in seiner Erklärung, sondern jedesmal in dem, der darüber predigt. Wir haben Predigten gehört, z. B. die des alten Goßner in Berlin, die denen Luthers in ihrer analytischen Versauslegung sehr ähnlich waren, und denen man alles hätte vorwerfen können, aber keineswegs, daß sie trocken gewesen. Im Gegentheil: wo der Prediger so in Gottes Wort gegründet steht wie Luther, so genau weiß, daß der Gemeinde nur durch Auslegung des Wortes gedient ist und fest daran hält, daß die große Einheit aller Texte und aller Predigten in dem großen Thema vom Glauben und von der Liebe besteht, da ist nicht zu fürchten, weder daß die Einheit der Predigt fehlt, noch daß sie in sterile Exegesen hinabsinken und in Trockenheit aussterben werde. Wie Paulus dem Timotheus aufträgt, 2 Tim. 1, 18., er solle halten an dem Vorbilde der heilsamen Worte, die er von ihm gehört, und wie Paulus diese heilsamen Worte näher beschreibt „vom Glauben und von der Liebe in Christo Jesu“, wie Joh. 1 Epist. 3, 23. das Gebot des Herrn dahin definirt: „daß wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesu Christi und lieben uns unter einander“, so war auch Glaube und Liebe das große Thema bei Luther. Wie auch die ganze Bibel nur aus einzelnen Versen besteht, die aber zusammengehalten werden durch den heiligen Geist, der da nichts wirket als Glauben und Liebe, so sind die Predigten Luthers nur Versauslegungen, die aber ihre Einheit finden in dem unerschöpflichen Thema vom Glauben und von der Liebe. Luther hat auch an diese analytische Auslegung sich freilich nicht gebunden; er hat auch Predigten z. B. am 16. n. Tr. über Luc. 7, 11—17. K. P., wo er gar keinen Vers auslegt, sondern ganz frei seine Gedanken in einem ungestörten Flusse an den Text anknüpft. Aber seine Regel ist: analytisch Vers für Vers auszulegen und um alles das Band zu knüpfen, das der Glaube und die Liebe in sich tragen. Luther wollte nichts predigen als diese zwei Worte; er sagt: „habe Glauben und Liebe, bleibe darinnen, so hast du und kannst es alles“ — und: „unser Leben und ein christlich Wesen steht in zweien Stücken, im Glauben und in der Liebe.“ Dies lehrte Luther in allen seinen Predigten. Nehmt eine Perlenschnur: ohne Schnur sind die Perlen, obschon sie Perlen sind, nur Atome: die Schnur erst verbindet sie zum Schmuck. Luthers Predigten würden völlig auseinanderfallen ohne diese Schnur des Glaubens und der Liebe; wenn seine Texterklärungen nichts wären als Expositionen der einzelnen Verse, ohne die Verknüpfung durch die große Schrift⸗ und Kirchencopula des Glaubens und der Liebe zusammengehalten, dann möchten sie immerhin Perlen sein, wie es seine Randglossen sind, aber nimmermehr wären sie Predigten! Die Gewißheit des Glaubens an die Gerechtigkeit vor Gott durch Jesum Christum, die stete Aufforderung zur Liebe gegen den Nächsten, das waren die