# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1863_S109 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 109 sachen eine ist, daß wir die Episteln und Evangelien, wie sie in den Postillen geordnet stehen, beibehalten, daß der geistreichen Prediger wenige sind, die einen ganzen Evangelisten oder ander Buch gewaltiglich und nützlich handeln mögen.“ Dabei darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß Luther auch Predigten gehalten hat, die weder eine Perikope, noch irgend einen Bibeltext zum Grunde hatten. So sind die außerordentlich wirksamen acht Predigten wider Karlstadt ganz frei und ohne Anschluß an irgend einen Text gehalten. Man sieht daraus, daß Luther sich eben nicht sclavisch für seine Predigten gebunden erachtete. Es war das eine Predigtweise, wie sie in der Kirche keineswegs unbekannt war. So hatte Chrysostomus z. B. ebenfalls Predigten gehalten über gar keinen Text und dann wieder über irgend einen Vers, den er als Ueberschrift für seine Predigten gebrauchte. Man vergleiche z. B. die 21 Predigten des Chrysostomus über die Bildsäulen, denen allen nur der eine Spruch des Apostels, 1 Tim. 5, 23.: trink ein wenig Weins um deines schwachen Magens willen. gleichsam als Etiquette voransteht. Diese Freiheit wird sich das Predigtamt auch bewahren müssen. Wenn nur das Bekenntniß der Kirche da ist, dann wird einer Predigt bei besonderer Veranlassung, so wie etwa einer Casualrede, ihre Würde deshalb noch nicht entzogen werden können, wenn der Text aus dem Worte Gottes fehlt oder aber weder Vers für Vers durchgegangen, noch auch nur in seinen Hauptartikeln erklärt wird. Letzteres kann der Fall sein und die Predigt hat keine Wirkung, während Predigten ohne Text dennoch aus der Tiefe der Schrift kommen und Großes wirken können. Warum sollte eine Missionspredigt z. B., auch wenn sie keinen speziellen Text hätte, nicht wenigstens annähernd so groß sein können in ihrer Wirkung, wie des Chrysostomus Predigten über die Bildsäulen oder Luthers Predigten wider Karlstadt, die beide, Luther und Chrysostomus, durch diese Predigten eine Revolution theils zu Boden warfen, theils beschwichtigten, obschon sie diesen Predigten keinen Text zu Grunde legten. Das Reden, als habe sich die lutherische Kirche sclavisch an die Perikopen gebunden zum großen Nachtheile für die Auslegung des ganzen Wortes Gottes, sollte demnach beschämt verstummen vor solcher Freiheit Luthers, der nöthigenfalls predigt ohne allen Text. Daß wir aber heut zu Tage es wie eine Sünde betrachten, wenn einer auch einmal ohne Text predigt, daran ist lediglich unsere Unfreiheit Schuld. Die Perikopen gelten für die täglichen Sonntage und da sind sie von der allergrößten Bedeutung: übrigens aber ist Niemand gebunden. Nur daß keiner gegen die Schrift predigt! Aber daß jedesmal der Text vor der Predigt stehen und jedesmal „erschöpft“ werden müßte, wie die Kunstverständigen es nennen, dagegen wird man sich doch verwahren müssen. Luthers Weise aber, über die Perikopen zu predigen, bestand darin, daß er analytisch Vers für Vers auslegt und auf die Gemeinde anwendet. Die eigentliche Homilie war den reformatorischen Predigten so fern wie die synthetische Predigtweise, obschon beide Formen dem Keime nach vereinzelt bei den einen oder andern vorkommen. Es könnte aber scheinen, als ob die