# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1863_S90 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 90 Luther als Prediger. freilich Luther sich nicht immer so auf seine Predigten wird haben vorbereiten können, wie es ein in ruhigen Verhältnissen lebender Pastor kann, das ist gewiß. Aber das ist auch andern vielbeschäftigten Predigern so gegangen — Chrysostomus hat viele Predigten gehalten, auf die er sich gar nicht vorbereitet, und Schleiermacher hat sich anders vorbereitet als Reinhard und Theremin; so hat auch Luther sich auf seine Predigt gewiß vorbereitet, nur eben auf seine Weise und nach Zeit und Umständen. Daß er seine Predigten freilich nicht alle so aufgeschrieben hat, wie den ersten Theil der Kirchenpostille, das ist gewiß. Wenn er am Abend in eine Stadt kam und am Morgen darauf predigte, so ist's klar, daß er seine Predigt nicht wird aufgeschrieben haben, aber concipirt hat er alle seine Predigten, nur, wie gesagt, auf seine Weise. Er sagt selbst in den Tischreden, daß er sich oft nach einer Predigt „angespien“ habe, daß er kein Concept gehalten, und setzt hinzu: „eben dieselbe Predigt haben die Leute aufs Höchste gelobt“ und hinzugesetzt, daß „er in langer Zeit nicht eine so gute, schöne Predigt gethan hätte.“ „Wenn ich, fährt er fort, hinunter vom Predigtstuhl gestiegen bin, so habe ich mich besonnen und befunden, daß ich nichts oder gar wenig davon gepredigt habe, das ich bei mir concipirt und bedacht hatte. Daß ich's gewiß dafür halte, es sei viel ein ander Ding zu predigen, denn wir's achten; denn unser Herr Gott gibt Einem oft etwas anderes ein; es predigt einer viel anders, wenn er hinauf kommt, denn wie er's hat vorgehabt, oder bei sich bedacht. Es ist alles gut, wenn einer nur recht predigt, das dem Glauben ähnlich und der heiligen Schrift gemäß ist.“ Freilich wollen wir damit nicht gesagt haben, als ob das Große in der Predigt Luthers darin bestanden habe, daß er, vielleicht ähnlich wie Schleiermacher, die Gedanken der Predigt concipirt, d. h. „bedacht“ habe und als sei das das Ideal, dem nachzustreben sei; wir müssen vielmehr mit dem alten Eberlen bei Löhe, ev. Geistl. Bd. 2 S. 30, sagen: „wirst du vorhin von Gott, mit obgemeldten Lehrern, in die Hölle der Anfechtung geführt und wieder heraus gen Himmel, daß die Welt, auch der Teufel befinde Gottes Kraft in dir, dann magst du geberden wie Luther und andere.“ In solchen Aeußerlichkeiten steckt die Kraft nicht; da soll jeder thun, nach gewissenhafter Taxation seiner Gaben und Kräfte, was ihm ziemt und der Gemeinde gut ist, der er das Wort Gottes predigt. Solche Nachahmer Luthers, die sich einbilden, Luthers Freiheit und Größe sei nachzumachen wie eine Handwerksgriff und die nun frei predigen zu können meinen, nicht concipiren zu dürfen, oder die das Concipiren ebenfalls lediglich auf das „Bedenken“ beschränken, weil Luther und andere Heroen es nur so concipirt haben, die sind nichts als Schwätzer und Carricaturen der Helden. Man muß, wie Luther sagt, kein Gebot aus der Freiheit machen. (Fortsetzung folgt.)