# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1863_S88 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 88 Luther als Prediger. bei den griechischen Bischöfen, die vorher, ehe sie Christen wurden, Rhetoren und Advokaten waren, und nach ihrer Bekehrung Rhetoren blieben, allezeit die Hauptsache geblieben. Die Rhetorik aber und nebenbei das apostolische Symbolum hätten keine Reformation hervorgebracht. Ja, wenn Luther und seine Freunde in der späteren synthetischen Kunstweise gepredigt hätten, wie sie, seit dem Verfall der ursprünglichen lutherischen Predigtweise, in der lutherischen Kirche Sitte wurde, wo die Production verschwunden war und die Kunstform das Regiment führte, wie würde die Predigt das Herz des Volkes getroffen haben, wie die reformatorische Predigt es that. Reinhard erklärt in seinen Geständnissen, er hätte, wenn er eine Predigt hielte, die nächst folgende immer schon fertig im Pulte liegen. Marezoll arbeitete seine Predigten sogar Monate lang voraus. So sich die Reformatoren als Prediger zu denken, ist schier unmöglich. Ihre Art zu predigen war eine ganz andere; fast scheint es, als sei sie heut zu Tage in Vergessenheit gerathen. Die Reformatoren und namentlich Luther waren durch nichts zum Frieden ihrer Seele gekommen, als durch das Wort Gottes. Kein Kloster und kein Bischof, keine Einöde und keine Kirche wie in der alten Zeit, keine Formel der Kirche oder der Welt, wie in der neueren Zeit, hatte ihnen den Frieden der Seele gegeben. Gottes ganzes Wort allein hatte sie zum Frieden geführt und erneuert. Darum lebten sie auch in nichts anderem, als in diesem Worte. Aus diesem kam ihnen aller Trost und alle Theologie. Wenn Luther redete bei Tisch oder auf der Kanzel, mit Freunden oder Feinden, so redet er aus dem Leben heraus, das Gottes Wort in ihn gepflanzt. Ich nichts, das Wort alles, das war der Inhalt seines Lebens. Darum sind seine Predigten auch so componirt, daß keine Form ihn bindet, nur darauf sieht er, daß nichts verloren gehe von dem Worte und daß die Gemeinde das Wort bekomme in seiner unmittelbar aus der Schrift herausquellenden Wahrheit und Wirkung. Von dem ganzen homiletischen Schaugepränge der späteren Zeit ist bei ihm und seinen Freunden nichts zu finden. Man lege einmal die Anforderungen der Kunstform, wie sie die Homiletiker unserer und früherer Zeiten an die Prediger gestellt haben, an Luther, man vergleiche irgend eine bedeutende Predigt Luthers mit einem homiletischen Kunstproducte, wie sie heut zu Tage in der Regel geliefert werden: man sehe die wohl durchdachte Einleitung einer unserer Normalpredigten, wie sie von irgend einem Punkte der heiligen oder Profangeschichte, einer Abstraction des Sittengesetzes oder einem zufälligen Gedanken sich schulgerecht zum Texte hindurcharbeitet, man betrachte einer solchen Predigt kunstvoll gestelltes Thema mit den verschiedenen Abtheilungen und Unterabtheilungen, man betrachte die reflectirende Rede, die sich in der Predigt fortwährend kunstgerecht, fern von dem Bibelworte in eigenen Gedankenreihen bewegt und nur wenn sie sich erschöpft fühlt, wieder durch eine glückliche Wendung zu irgend einem Worte des Textes zurückschwingt und vergleiche damit die Predigtweise Luthers und seiner Freunde: man wird wirklich den Eindruck bekommen, daß man es hier mit einer total verschiedenen Predigtweise zu thun hat.