# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1863_S87 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 87 ihrem tiefsten Verfalle noch einen Zug vom Vater zum Sohne behalten, der sie specifisch von jedem Heidenthume schied. Das Evangelium Luthers erschallte nicht unter den grünen Bäumen des Heidenthums, sondern im Tempel Gottes. Darum drang die evangelische Botschaft, wie sie Luther in solcher Kraft verkündete, wie sie die Kirche noch nie gehört hatte, hindurch durch den ganzen Tempel: den Einen ein Geruch des Lebens zum Leben, den Andern ein Geruch des Todes zum Tode. Wie dies eine geschichtliche Wahrheit ist, die nicht vergessen werden darf, wenn von der Wirksamkeit der Predigt Luthers gehandelt wird, so ist es auch zugleich ein Trost für die Kirche zu allen Zeiten: ein Mann, der die Bildung der Zeit in sich aufgenommen, in Christi Tod und Auferstehung gestorben und auferstanden ist, lebend in lauterer, gesunder Lehre, ausgerüstet mit dem Geiste aus der Höhe, — wenn er zur rechten Stunde erscheint und am rechten Orte, wer kann sagen, es sei unmöglich, daß er auch heute in der Kirche, die noch mehr Wahrheit behalten, als die zu Luthers Zeiten besaß, so Großes vollbringen könne, wie Luther damals! Die Weltbildung und die Macht des Weltgeistes mit ihrer scheinbaren Omnipotenz ruhen vor Gott auf thönernen Füßen: wenn er sie anhaucht, so sinken sie dahin. Luthers und seiner Freunde, namentlich derjenigen, die mit ihm und gleich nach ihm lebten, Predigtweise war offenbar einer von den Hebeln, durch den sie den Schutt in der alten Kirche hinwegschafften und die ewige Wahrheit des Evangeliums wieder ans Licht brachten. Das Wort Gottes hat die Kirche erneuert, das ist unumstößlich gewiß: aber daß Luther und seine Freunde aller Orten in ihren Predigten die Schrift so in den Vordergrund treten ließen und selbst dahinter verschwanden, wie dies wirklich der Fall ist, das war das schöpferisch Große in diesen ihren Predigten. Man lese die Haus⸗ und die Kirchenpostille, man vergleiche die mit Luther ganz verwandte Weise zu predigen bei Urbanus Regius, bei Brentz, bei Cölius, bei Corvinus, Veit Dieterich, Matthesius u. a. m., sie alle predigten nicht nur Gottes Wort, sondern sie predigten es so, daß lediglich das Wort die Hauptsache, die Kunst des Predigens die Nebensache war. Luther mit allen diesen genannten und vielen anderen Freunden waren so von dem Worte Gottes hingenommen, daß die Form der Predigt fast gleichgültig erscheint, damit nur ja der ganze Inhalt des Wortes zur vollen und ungeschminkten Erscheinung komme. Wenn die Reformatoren so im Allgemeinen Gottes Wort gepredigt hätten wie Basilius, Gregor von Nyssa und wie Chrysostomus, abgesehen von deren rationalisirenden Weltanschauung, wenn sie nur etwa das apostolische Glaubensbekenntniß als Ueberschrift zu ihren Predigten genommen hätten, wie die griechischen Väter, übrigens aber rhetorisirt hätten wie alle Rhetoren Griechenlands und Roms: niemals wäre die Reformation zu Stande gekommen. Wer will den griechischen Vätern abstreiten, daß sie von der Wahrheit des Evangeliums überzeugt waren, aber welcher evangelische Christ wird sie jemals zur Glaubenserweckung und Glaubensförderung lesen wollen! Die Kunstform, der rhetorische Fluß, die weltliche Beredtsamkeit ist