# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1863_S86 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 86 Luther als Prediger. der Anrufung, was sie von den Poeten entlehnt haben; dann nehmen sie, wenn sie von der Liebe reden wollen, ihren Anfang von dem Flusse Nil in Aegypten; oder wenn sie das Geheimniß des Kreuzes erzählen wollen, heben sie von dem Drachen Bel zu Babel an; oder wenn sie vom Fasten reden wollen, gehen sie aus von den zwölf Zeichen des Thierkreises; oder wenn sie vom Glauben predigen wollen, halten sie einen langen Prolog von des Zirkels Vierecken. Dr. Fleck, erzählt Luther, fing seine Predigt an mit Singen und Jauchzen und Schreien u. s. w. Münzer mit Singen: es fuhr ein Bauer ins Holz; Mag. Dietrich: gestern waren wir alle voll u. s. w. Ein Prediger rief, um das Volk zu amüsiren, „wie ein Kukuk,“ ein anderer „schnatterte wie eine Gans,“ s. Beste, die bedeutendsten Kanzelredner, I, S. 5. 6. Solchem Unwesen gegenüber lautete freilich der Klang anders, der plötzlich der erstaunten Welt von Wittenberg aus ins Herz drang. Der ernste Ruf: thut Buße und glaubet an das Evangelium, die schier vergessene Botschaft von dem Heile in Christo, von dem Glauben an ihn und der Liebe zu den Brüdern drang als eine neue unerhörte Freude der Kirche in die Seele. Dazu kömmt noch der ernste Charakter der Reformatoren und besonders Luthers. Ein Erasmus und ein Eck würden solche Wirkungen nicht hervorgebracht haben, auch wenn sie dieselbe Lehre gelehrt hätten, die Luther und die Seinigen lehrten. Daß Luther so lebte, wie er lehrte, daß sein ganzer Charakter in dem Evangelium wurzelt und er sich und Alles in jedem Augenblick für die Wahrheit seiner Lehre einsetzte, daß er all sein Thun und Treiben von dem Glauben an Christum durchwaltet sein ließ, das gehörte mit zu dem Zündenden in seiner evangelischen Predigt. Aber auch an noch eins muß erinnert werden, wenn man verstehen will, wie es möglich war, daß Luthers Predigt so weit und tief wirkte. Während die Apostel verkommenen Heiden predigten, an denen keine Gnadenwirkung sich erwiesen hatte, redete Luther und die Seinigen mitten in der Kirche. Mochte diese Kirche auch noch so verfallen, verheidnischt und judaisirt sein: immerhin war sie noch eine Stätte des Geistes Gottes. Taufe und Perikopen hatten Tausende von Lichtstrahlen in der katholischen Kirche verbreitet; weil diese Kirche noch immer eine Kirche war, in der der heil. Geist seine Stätten hatte, darum war sie auch vom Glauben und von der Sehnsucht dennoch nicht so verlassen, wie manche es der Geschichte zuwider darstellen möchten. Es kann dieser Punkt nicht genug hervorgehoben werden, wenn man von der Macht der Reformation und ihrem schnellen Fortschritte redet. Wo hat jemals unter Heiden das Evangelium solche rasche und mächtige Siege gefeiert, wie sie zur Zeit der Reformation gefeiert wurden? Wie zur Zeit Christi die „Aufsätze der Aeltesten“ das Volk regierten und des „Dings viel war, das sie zu halten hatten angenommen“ (Marc. 7, 3. 4.), gerade so war es zur Zeit Luthers. Des Dings war hier wieder viel geworden, das sie hatten angenommen, — aber unter dem Schutt waren getaufte Herzen, und mehr noch des Bundes Kinder als damals, da der Herr im alten Bunde auftrat. Aus ihrer Jahrhunderte langen Geschichte hatte die Kirche auch in