# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 04 18_S134 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) kampfreiche und bedrohliche Geſchick ſeiner Kirche und unſeres Volkes, ſo daß allein von dieſer Seite aus unſere Zeit ſich zum Einblick in dieſe Schrif⸗ ten getrieben fühlen ſollte. Die aber ſprechen: Wenn Luther zu unſerer Zeit gelebt hätte, wie würde er anders geſchrieben haben! und meinen hiermit nicht die Form, ſon⸗ dern die Sache, und wollen hiernach über den Werth erneuter Bekanntſchaft mit Luther's Schrif⸗ ten urtheilen, denen halten wir entgegen jenes wohlbekannte Wort des Reformators, da er ſchrieb: „Und ob jemand nach meinem Tode würde ſagen, wo der Luther jetzt lebte, würde er dieſen oder jenen Artikel anders lehren und hal⸗ ten, denn er hat ihn nicht genugſam bedacht u. ſ. w.: dawider ſage ich jetzt als dann, und dann als jetzt, daß ich von Gottes Gnaden alle dieſe Artikel habe auf's Fleißigſte bedacht, durch die Schrift und wieder herdurch oftmals gezogen, und ſo gewiß dieſelbigen wollte verfechten, als ich jetzt habe das Sacrament des Altars verfochten. Ich bin jetzt nicht trunken noch unbedacht; ich weiß, was ich rede, fühle auch wohl, was mir's gilt auf des HErrn JEſu Chriſti Zukunft am jüngſten Gerichte. Darum ſoll mir niemand Scherz oder loſe Deutung draus machen, es iſt mir Ernſt.“ Solchem Ernſt gegenüber wird es ſich ja wohl ziemen, daß ſelbſt diejenigen, welche Gegner Luthers ſind oder ſich ſeine Gegner wäh⸗ nen, mit ihm nicht abſchließen, indem ſie die Au⸗ gen vor ihm zudrücken, ſondern männlich und ehr⸗ lich in's Auge ihm ſehen und ſeine Worte erforſchen und erwägen, ob es denn wirklich in Erfüllung gehe, was Luther in Bezug auf ſeine Widerſacher geſagt hat: „Lebe ich, ſo ſollt ihr vor mir keinen Frieden haben; tödtet ihr mich, ſo ſollt ihr zehn⸗ mal weniger Frieden haben, und will euch ſein ein Bär am Wege und ein Löwe auf den Gaſſen, wie Hoſeas ſpricht. Wie ihr mit mir fahret, ſollt ihr euern Willen nicht haben, bis daß eure eiſerne Stirn und eherner Hals entweder mit Gnaden oder mit Ungnaden gebrochen werde. Beſſert ihr euch nicht, wie ich gern wollte, ſo bleibe es dabei, daß ihr feindlich zürnet und ich nichts darauf gebe. Gott gebe, daß ihr euch erkennet. Amen.“ Blicken wir aber vom Inhalt auf die Form: welche Schriften reden volksmäßiger und geſun⸗ der nach Sprache und Gedanken, als die unſeres Reformators? Aus dieſem Born verjüngender Sprachfriſche haben eingeſtandnermaßen jene Männer getrunken, welchen wir die Wiederher⸗ ſtellung des deutſchen Schriftthums danken. An dieſen geſunden, urkräftigen Tönen hat ſich er— quickt, wer nur immer mit deutſchem Herzen die Schönheit deutſcher Sprache zu fühlen verſtand. Kein Volk der neuern Welt hat Schriften wie dieſe, die in den verſchiedenſten Zeiten wie die kräftigende Fluth der Meereswogen alternde Ge⸗ danken und Redeweiſen zu jugendlichem Auf— blühen gekräftigt hätten. Und wahrlich auch un— ſerer Zeit mit ihrer Bewunderung galliſcher Glätte und geleckter Formvollendung wird eine Auf⸗ friſchung aus dieſem Quell urſprünglicher Sprach⸗ meiſterſchaft zu mehr denn blos äußerlichem Se⸗ gen gereichen. — 134 Denn in dieſen Schriften iſt Leben wie aus einem Guß; es ſind Zeugniſſe eines, der Chriſt durch und durch, der Deutſcher nach ſeinem gan⸗ zen Weſen, und der die lauterſte, durchſichtigſte Natur iſt. Seine Fehler liegen offen wie die Ga⸗ ben und Gnaden, deren Gott ihn gewürdigt hat. So werden die Fehler wie die Trefflichkeiten in doppelter Weiſe zum lehrreichſten Vorbilde. Da iſt nichts vom Buhlen um den Schein, welcher einen künſtlichen Deckmantel für die Blößen ab⸗ geben ſoll, nichts von der Manier und dem Ge⸗ klingel ſtehender Phraſen, in welche ſich wie in die Röcke klöſterlicher Orden die moderne, gemachte Frömmigkeit kleidet, ſondern man fühlt jedem Wort ab, daß es aus dem Herzen kommt, aus einem Herzen, das nicht gelernt hat, die Sprache zur Verſchleierung der eigentlichen Gedanken zu mißbrauchen, ſondern zu gebrauchen als den He⸗ rold, den Gott uns gegeben hat, die Gedanken der göttlichen Wahrheit frank und frei von den Dächern zu predigen. Und welche Schriften, wie die Luther's, ſind ſo ein Nationalheiligthum des proteſtantiſchen Volks geworden? Wehe denen, welche ſolche Heiligthümer antaſten, ohne an ihre Stelle beſſere und gegründete Wahrheit zu ſetzen. Die völker⸗ geſchichtliche Bedeutung einer Nation ſteht oder fällt mit ſolchen Volks⸗Heiligthümern. Entweder war ihre Annahme eine Verkehrtheit, und dann ſtürzt die Herrlichkeit unſers proteſtantiſchen Volks durch Schuld ihrer Ahnen; oder ihre Verwerfung iſt Thorheit und Leichtſinn, und dann tragen wir die Enkel die Schuld des Verraths an unſern theuerſten Kleinodien. Wir aber, die wir deutſch und fromm bleiben wollen, wie Luther es war, ſehen in ſeinen Schriften die Manifeſte an unſer Volk, die es zu neuen Schlachten und neuen Siegen unter dem Panier der alten Wahrheit begeiſtern ſollen. Unzufriedenheit mit ſeinem Beruf und Stand. (Siehe: Luthers Kirchenpoſtille über das Evangelium am Tage St. Johannis des Evangeliſten.) „Wie gehet es zu, daß ihm niemand an ſeinem Weſen begnügen laſſet, ein jeglicher meinet, des andern Weſen ſei beſſer, denn ſeines? Wer ein Kaufmann iſt, der lobet den Handwerksmann, daß er ſtill in Ruhe ſitze, ſo er muß im Lande irre wandeln; wiederum der Handwerksmann lo⸗ bet den Kaufmann, daß er reich und unter den Leuten ſei, und ſo fortan; ein jeglicher iſt ſeines Weſens überdrüſſüg, und ſeufzet nach (dem) eines andern. Iſt er ehelich, ſo lobet er den, der kein Weib hat; hat er keines, ſo lobet er ehelichen Stand; iſt er geiſtlich, ſo gefället ihm der weltliche Stand; wiederum, iſt er weltlich, ſo gerället ihm der geiſtliche. Und kann Gott nicht mit ihnen handeln, daß ſie zufrieden wären, dieneten ihm in dem Weſen, darinnen er ſie beſchickt hat; ſo würde es ihnen nicht ſauer noch ſchwer. Nun aber ſie überdrüſſig ſind, beſchwert ſie niemand, denn ſie ſich ſelbſt, machen ihnen ſelbſt ihr Leben ſauer ohne alle Noth und Urſache. Und wenn Gott gleich zuließe, daß einer möchie ſein Weſen wechſeln nach alle ſeinem Willen, ſolchen Ueberdruß zu büßen; ſo würde er doch in allen andern gleich, ja mehr überdrüſſig werden, und zuletzt bei dem Seinen bleiben. Darum muß man nicht gedenken auf den Wechſel des Weſens, ſondern des Ueberdruſſes. Lege ab und wech⸗ ſele den Uebervruß, ſo wird dir ein Weſen ſein, wie das andere, und alle Stände gleich gelten, wie es an dich kommen iſt, daß du keines Wech⸗ ſels darfeſt noch wünſcheſt. Alſo haben etliche Heiden Gedanken gehabt, daß, ſo aller Menſchen Uebel auf einen Haufen bracht würde, und man ſollt's allda gleich aus⸗ I. theilen, ſo würde es gewißlich dahin kommen, daß ein jeglicher wollte das ſeine viel lieber behalten. So gar gleich regiert Gott die Welt, daß einem jeglichen Vortheil anhanget ſein gleichmäßiges Nachtheil. Und jedermann ſiehet nicht mehr, denn wie glatt einem andern der Schuh anliegt; ſieht aber nicht, wo er ihn drückt. Wiederum, der den Schuh anhat, achtet nicht, wie glatt er anliegt, ſondern wie übel er ihn drückt. Mit der Thorheit gehet die Welt dahin, daß ein jeglicher allein ſein eigen Uebel, und des andern Gut nur anſiehet; wo er aber ſein eigen Gut allein, und des andern Uebel auch ſähe, ſo würde er Gott danken und aufs allerfriedlichſte ihm begnügen laſſen, wie gering oder übel es um ihn ſtünde. Solche Unruhe, Unfriede und Ueberdruß zu meiden, iſt nütz und noth der Glaube, der da gewißlich dafür halte, Gott regiere gleich, und beſchicke einen jeglichen in dem Weſen, das ihm aufs allernützlichſte und füglichſte ſei, alſo, daß es nicht möchte beſſer gerathen, wenn er ſelbſt. ſollte gleich die Wahl haben. Dieſer Glaube machet Ruhe, Gnüge, Friede, und vertreibet den Ueberdruß. Wo aber der Glaube nicht iſt, und der Menſch nach ſeinem Fühlen, Dünken und Em⸗ pfinden urtheilet, ſiehe, allda gehet der Ueberdruß an: denn er fühlet nur ſeines Weſens Uebel, und nicht ſeines Nächſten. Wiederum, ſiehet nicht ſeines Weſens Vortheil, noch ſeines Nächſten Uebel; ſo folget denn aus dem Fühlen Ueberdruß, Unluſt, Mühe und Arbeit in ſeinem Leben, wird damit ungeduldig, und mit Gott unzufrieden; da ſchweiget denn Gottes Lob, Lieb und Dank⸗ barkeit in ihm, bleibet all ſein Lebenlang ein heim⸗ licher Murmeler wider Gott, wie die Jüden in der Wüſten; hat doch nicht mehr davon, denn daß er ihm ſelbſt ſein Leben ſauer macht, und den⸗ noch die Hölle damit verdienet. Darum ſieheſt du, wie in allen Dingen der Glaube noth iſt, und wie er alle Dinge leicht, gut und ſüße machet, ob du gleich im Kerker und Tod wäreſt, wie die Märtyrer beweiſen, und ohne ihn alle Dinge ſchwer, böſe und bitter ſind, ob du gleich aller Welt Luſt und Freude hätteſt; wie das alle große Herren und die Reichen beweiſen, die das allerelendeſte Leben allezeit haben. So ſprechen denn etliche: Ja, wenn ich wüßtt, daß nicht meine Thorheit oder der Teufel mich hieher geführet hätte, und wäre gewiß, daß mich Gott ſelber alſo beſchicket hätte, wollte ich gerne fröhlich, begnügig und zufrieden ſein! Antwort: