# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1848 04 18_S133 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Bekenntnißſchriften und andere lutheriſche Kern⸗ bücher möchten bald in gelungenen Ueberſetzungen in der engliſchen Sprache erſcheinen? Denn ſo hoch ihm auch ſeine deutſche Mutterſprache ſteht, und ſo ernſtlich ihm ihre Pflege und Erhaltung am Herzen liegt, ſo will er doch nicht, aus fleiſch⸗ licher Anhänglichkeit an ſie, die Grenzen ſeiner Kirche verengern, die alle Sprachen, Völker, Volksthümlichkeiten, Verfaſſungen, Einzelweſen, Stände, Alter, Geſchlechter ſegnend zu durch⸗ dringen und heiligend umzubilden ſo geſchickt iſt. Ferner hat der „Lutheraner“ niemals geſagt, daß die lutheriſche Kirche „die allein ſelig⸗ machende“ ſey, und überall anders „Teufels⸗ lapellen“ ſeyen. Wohl weiß er, und wir mit ihm E und wir rühmen uns deſſen Gott zu Lob und Dank, aber auch mit Furcht und Zittern — daß wir die alleinſeligmachende Lehre, die reine und volle Wahrheit haben. Gleichwohl hat er nie geleugnet, daß ſelbſt in der römiſchen Kirche und unter den Schwärmern gar manche Seelen durch Stücke der Wahrheit, wie z. B. durch den zweiten Artikel, können ſelig werden, wenn ſie eben als arme Sünder ſich allein auf Chriſtum werfen, ſeines Verdienſtes ſich getröſten und durch be⸗ ſondere Bewahrung des Heiligen Geiſies von den ſeelenverderblichen Irrlehren ihrer Glaubens⸗ partheien nicht lebensgefährlich durchdrungen werden. So wenig wir jedoch deshalb geneigt ſind, unſer lauteres Gold, d. i. unſere reine und voll⸗ ſtändige Lehre, gegen irgend welches Miſchlings⸗ FMetall, d. i. gegen die mit Irrthum gemiſchte Wahrheit, umzutauſchen: eben ſo ſehr iſt es uns ein Gegenſtand heiligen Staunens und anbetender Bewunderung der unbegreiflichen Liebe und Weis⸗ heit Gottes — ja wir erkennen darin den Triumph ſeines wunderbarlichen Waltens und ſeines herr⸗ lichen Regiments, wenn wir ſehen, wie er die ein⸗ fältigen, aufrichtigen und heilsbegierigen Seelen durch wenige einzelne Sprüche ſeines heiligen Wortes durch eine Maſſe ſeelenmörderiſcher Menſchenſatzungen und Menſchenfündlein zum Glauben an Chriſtum und darin zur Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit, ohne ſonder⸗ liche Beſchädigung glücklich hindurch bringt. Wie daher dem „Lutheraner“ nur ſolche Leute „Teufels⸗Apoſtel“ ſind, die wider den richtigen Unterricht und wider die erkannte reine Lehre ſchrifwidrige Irrthümer nicht nur innerlich feſt— halten, ſondern auch nach Außen verkündigen, um dieſe her ſich verführte Anhänger ſammeln und von der wahren Kirche losreißen: ſo ſind ihm „Teufels⸗Kapellen“ auch nur ſolche Orte, wo die⸗ ſes verführeriſche Teufelswerk vor ſich gehet und durch ſolche falſche Propheten, Diebe und Mörder die Schafe Chriſti dem HErrn geſtohlen und in den Rachen des hölliſchen Wolfes hineingeworfen werden. Kein rechtſchaffener Lutheraner ſündiget daher, wenn er nach des heiligen Apoſtels Vorgang, Gal. 1, 8. 5, 12., im heiligen Ernſt und Eifer um Gottes Wahrheit und der armen Sünder Heil, den Fluch über offenbar böswillige, hals⸗ ſtarrige und verſtockte Irrlehrer ausſpricht, und 133 keinerlei Gemeinſchaft mit ihnen hält (2 Joh. 10. 11.). Jeder rechtſchaffene Lutheraner iſt aber durch die Liebe Chriſti gehalten und verbunden, zunächſt für alle Unwiſſende und Verführte mit der heiligen Kirche und in ſeinem Kämmerlein herzlich und aufrichtig zu beten, Einzelne derſelben aber, die ihm Gott ſonderlich entgegenführt, mit treuer Liebe, Geduld und Fleiß zu belehren und zu er⸗ mahnen, zu warnen und, ob Gott will, mit Thrä⸗ nen, flehentlich anzugehen, daß ſie ſich los reißen von den Banden des Verführers und in den Schooß der rechtgläubigen Kirche zurückkehren. Hören ſie nicht, nachdem ſie einmal und abermal ermahnt ſind; ſo hat er auch ſie zu meiden. Tit. 3, 10. (Fortſetzung folgt.) * Ueber Wiederabdruck einzelner Schriften Dr. M. Luthers. (Aus einer Rede von Dr. und Prof. G. C. A. Harleß.) Was die Verbreitung der einzelnen Schriften Luthers betrifft, ſollte das ein überflüſſiges Be⸗ ginnen oder ein ſolches ſein, welches dem Geiſte des Reformators fremd wäre? Was ein geiſt⸗ reicher Mann, der ſich in früherer Zeit um die Bekanntſchaft unſeres Volkes mit Luthers Schrif⸗ ten ein bleibendes Verdienſt erwarb, in dieſer Be⸗ ziehung geſagt hat, das hat noch heute nicht ganz aufgehört, Wahrheit zu ſein. „Allzulange“, ſagt derſelbe, „gehörten Luthers Schriften zu den Büchern, die mehr gelobt als geleſen werden. — Wer etwa noch Kenntniß von Luther als Schrift⸗ ſteller und Redner wünſchte, nahm ſie gewöhnlich nur aus abgeriſſenen Stellen, die man in andern Büchern fand, oder aus Sammlungen von Kern⸗ ſprüchen, die, in Vergleichung mit den Schriften ſelbſt, doch nur ſind, was ein Blumenſtrauß iſt gegen den Garten ſelbſt oder die grüne Aue.“ Und daß es alſo kam und noch heute vielfach ſo kommt, das kann nicht blos auf Rechnung der Theilnahmloſigkeit gebracht werden. Wie Vielen aus dem Volke ſind die großen Sammlungen der Schriften Luthers rein unzugänglich; wie Viele ſchreckt der Gedanke ab, aus ſo umfangreichen Werken nun auf Gerathewohl ausſuchen zu ſollen, was ſich ihm und ſeinem Bedürfniß eigne, und wie ſpärlich ſind noch immer im Ganzen die Ab⸗ drücke einzelner Schriften und zwar gerade ſolcher, die wir vor andern volksgemäß und zeitgemäß nennen dürfen. Denn die Meinung, daß wir für unſer Volk dieſer Schriften nicht mehr bedürfen, weil man in Einſicht und Erkenntniß viel weiter geſchritten ſei und nun auf einer höhern Stufe ſtehe, dieſe Meinung werde ich nicht zu berichtigen brauchen, da dies längſt vor mir geſchehen iſt. „Eine ſonder⸗ bare Einbildung“ nennt ſie der oben berührte geiſt⸗ reiche Mann und fährt fort: „die Welt iſt fort⸗ geſchritten und ſchreitet fort in der Gelehrſamkeit, nicht in der Gottſeligkeit; in der Erfahrung, nicht in der Tugend; in der Bücherkenntniß, nicht in der Menſchenkenntniß. Man hat neue Meere, aber nicht neue Tugenden entdeckt; man hat aller⸗ lei Kunſt vervollkommnet, nicht das Vermögen der Menſchen erhöhet. — — Das Vortreffliche jeder Art iſt über alle Zeit, erbleicht nicht, ſchwin⸗ det nicht. — — Was man die richtige Erklärung nennt, iſt gut, aber nicht das Beſte. Innigkeit der Erkenntniß frommet der Seele; wer ſie dazu leiten kann, der iſt der rechte Meiſter.“ ö Ja wenn wir, und zwar mit vollem Rechte, Dichter, Redner und Geſchichtſchreiber des vor⸗ chriſtlichen Alterthums als unvergängliche Muſter künſtleriſcher Schönheit für alle Zeiten anſehen, ſo muß an den Zeugen jener Wahrheit, die nicht von heute und geſtern, ſondern ein und dieſelbe für alle Zeit iſt, eine unvergängliche, für alle Geſchlechter bleibende Bedeutung erfunden werden. Und zwar dies in dem Maße, je weniger ſie die Trabanten und Leibeigenen jenes Witterungswechſels in der Zeitatmoſphäre waren, den wir Zeitgeiſt zu nennen pflegen, Podagriſten des Zeitgeiſtes. Denn alle Männer, durch welche, wie durch Luther, Gott Großes in ſeiner Kirche ausgerichtet hat, waren nur in dem, was vergeſſen und verſchollen iſt, Organe ihres Zeitbewußtſeins; in dem, was bleibt, waren ſie über ihre Zeit, ja wider ihre Zeit als Träger und Herolde einer Wahrheit, wider welche die Welt ſtets im Streite liegt. Genug von dem, was zur Zeit Luthers recht un⸗ mittelbar aus den trüb erregten Wogen des Zeit⸗ geiſtes auftauchte, hat unter den Wimpeln der Reformation ſich einniſten und mit ihrer Flagge ſegeln wollen: Erasmiſche Weltklugheit, wie Schwenkfeldiſche Ueberſinnigkeit; die Sophiſtik einer ſchalen Vernünftigkeit, wie die Myſtik derer, die „eitel Geiſt“ waren; communiſliſcher Bauern⸗ aufruhr und Wiedertäufereien, wie die Finanz⸗ griffe der Fürſten und des Adels, die geiſtliche Güter für ihre Taſche ſäculariſirten — all' dieſe Ausgeburten des Zeitgeiſtes haſchten nach der Schleppe des Reformators, um ſich mit ſeiner Autorität zu bekleiden; aber wie Koth, der an die Sohlen ſich klebt, hat Luther mit dem Fuß auf⸗ ſtampfend das alles abgeſchüttelt. Worin Luther groß war, das war weitaus der Mehrzahl ſeiner Zeitgenoſſen ein Räthſel oder ein Abſcheu. Weil er etwas anderes war, als die Incarnation des damaligen Zeitbewußtſeins, das begründet ſeine Bedeutung für alle Zeiten. Aber auch wenn wir in der Verbreitung Luthe⸗ riſcher Schriften das Zeitgemäße betonen wollen, ſo können wir es mit Fug und Recht. Denn hat etwa der Kampf, in welchem ſich die Zeit der Reformation bewegte, für unſere Zeit aufgehört? Sind die alten weltgeſchichtlichen Gegenſätze nicht mehr vorhanden? Iſt, was wir jetzt erleben, nicht, wo etwas Anders geworden iſt, nur eine weitere Entwicklung und Ausbildung der vielverſchlun⸗ genen und manchfaltigen Widerſprüche, welche Luthers Werk bereits zu Lebzeiten des Reformators erfahren mußte? Die Typen und Vorbilder faſt aller Verwicklungen der Gegenwart laſſen ſich in der Geſchichte der Reformation, in Luthers Schriften für den nachweiſen, welcher es verſteht, aus der Geſchichte der Vergangenheit Lehren für die Zufunft zu ziehen. Und Luther iſt noch über⸗ dies reich an Vorherverkündigungen über das