# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1863_S22 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 22 Luther als Prediger. chischen Väter selbst gelesen hat, sondern nur aus Compendien davon gehört, wird nie einen Eindruck bekommen von dem rhetorischen Wesen der griechischen Väter in ihrem Geiste. Wie viele Mißverständnisse aber über Kirchenfragen, wie viele Streitigkeiten würden schwinden, wie viele wahre Union würde sich einfinden, wenn man sich entschlösse, die Predigten Luthers mit heilsbegierigem Herzen zu lesen und sich nicht von Anfang an mit Brocken zu begnügen, wie sie ein abgeschlossenes und mit dem Glauben wie mit der Theologie fertiges Gemüth allezeit wie von Luther, so von andern zu empfangen bestimmt ist. Wer es über sich gewinnt, den ganzen Luther zu studiren und namentlich seine Predigten, der erst versteht das Evangelium, wie es die Kirche predigt, die seinen Namen trägt. Betrachten wir aber Luther als Prediger, so ist es vor allem nöthig, ihn zuerst in seiner allgemeinen Bildung kennen zu lernen. Wer nur etwas von Luther und namentlich von seinen Predigten gelesen hat, der weiß auch, daß Luther ein nach dem damaligen Stande der Dinge universell gebildeter Mann war. Die lateinischen Schriftsteller waren ihm wohl bekannt. Er las Cicero, Virgil, Livius und andere, und zwar, wie Melanchthon sagt in seinem Leben Luthers, nicht, wie die Knaben, um daraus Worte zu nehmen, sondern als Lehre und Bildnisse des menschlichen Lebens. „Daher sah er auch die Absichten und Meinungen dieser Schriftsteller genauer an, wie er denn ein treu und behältig Gedächtniß hatte, so war ihm auch das Vorzüglichste, so er gelesen und gehört, stets gegenwärtig und vor Augen." Bekannt sind Luthers Urtheile über die Classiker. Er lobt, sagt Jonas, die Kanzelberedsamkeit Luthers, S. 2, „wo die einschlägigen Stellen über Luthers Bildung sich finden, die Fabeln der Alten, rühmt ihre Tugenden, nennt Homer und Virgil seine Bücher, liebt den Plautus; er konnte aus ihm und dem Virgil ganze Stücke recitiren, versuchte sich an einer Uebersetzung des Aesop, kurz stellte sich als einen Mann dar, welcher Zeit und Mühe auf die Erforschung des Alterthums verwendet hat." Aus den Predigten selbst kann man das alles sehen. Er führt — predigte er doch anfangs selbst noch lateinisch — oft ganze Hexameter lateinisch in seinen Predigten an. Er führt lateinische Schriftsteller namentlich an, und zwar aus dem classischen Alterthume ebenso wie aus der Periode des Scholasticismus. Auch die Philosophie war ihm wohl bekannt. Er studirte den Aristoteles eifrig, und war wohl bewandert in den Systemen der Alten. Er lobt die Dialektik, denn „sie weiset fein den Weg, wie man ordentlich und richtig von Sachen reden soll, woher man's nehmen, und was recht oder unrecht eigentlich und gewiß nennen und richten oder urtheilen soll. Dialectica ist nöthig, sagt er, da man sie braucht nicht allein in den Schulen, sondern auch in Consistorien, Gerichtsstühlen und Kirchen; da sie am allernöthigsten. Denn oft macht ein schlecht Argument einem ein Geplärr und Uebel vor die Augen; wenn man's aber wohl ansieht, ein jeglich Stück insonderheit, so kann man sich vor dem Irrthum und Betrug leichtlich hüten." (Fortsetzung folgt.)