# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1863_S21 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Luther als Prediger. 21 Repristination unserer Tage! Wir haben jetzt wieder viel lutherische Bücher und Lehrer auf den Universitäten, aber der Schritt aus den Bücher und aus den Hörsälen in die erste lutherische Predigt auf der Kanzel scheint zu groß, als daß er von allen, die die Bücher lesen und die Collegien hören, vorausgesetzt werden dürfte. Wenn man sich nur in den gedruckten Predigten um uns her umschaut und öfter auch verschiedene Predigten hört: der Unterschied in den Predigten ist genau derselbe, der in der ganzen heutigen Theologie ist. Wenn die Herren vom Catheder das nur immer wohl bedenken wollten: was sie lehren, das hallt wieder auf den Kanzeln vor der Gemeinde, wenn Gott die Prediger nicht etwa noch nachträglich in seine Schule nimmt, und ihnen Dinge sagt, an die sie früher nicht gedacht haben. Das aber ist gewiß: wir stecken auf unsern Kanzeln noch viel tiefer in den supranaturalistischen Allgemeinheiten, die durch Speculation von der Wahrheit des Evangeliums wohl ausgehen, aber „zugleich dem theologischen Fortschritte, den Einsprüchen der Gegner, den Bedürfnissen der kirchlichen Gegenwart" viel mehr gerecht werden wollen, als sich's mit der einfachen lutherischen Predigt verträgt. Dazu kommen die landläufigen pietistischen Gesetzlichkeiten, falsch evangelische Freiheiten, eschatologische Liebhabereien, abstracte Orthodoxie, geisttreiberische Zuchtlosigkeiten, politische Ergüsse nach dem Zeitgeschmack, und daneben Versäumen der großen Lehren von Wort und Sacrament, Obrigkeit und Ehe, bei bäurischem Verachten aller Formen und aller Bildung bei den Einen, und übermäßigem Hervorheben kunstvollster Anlage neben außergewöhnlichem Wortschwall bei den Andern. Wem, der die alten Zeugen der lutherischen Kirche und vor allem Luther selbst kennt, träte das nicht oft störend in den heutigen Predigten entgegen! Die Stimme ist die Jacobs, aber die Hände sind Esaus. Dem gegenüber ist's gut, Luthers evangelische Gesundheit sich näher anzusehen! In Luther ist alles gesund in Bezug auf die Lehre. Er hat das ganze Evangelium, Gesetz und Freiheit, und weiß alles der Gemeinde in der gesunden Weise mitzutheilen, in der er es selbst hatte. Und gerade in seinen Predigten sieht man das volle evangelische Leben pulsiren, wie sonst nirgend bei ihm. Wenn man über die Dogmatik der Kirche hinüber seine Predigten liest und nicht blos dann und wann eine, sondern wenn man seine Predigten studirt, um durch seinen gepredigten Glauben das Evangelium kennen und lieben zu lernen, dann erst bekommt man einen Einblick in das innerste Wesen des lutherischen Geistes. Hier, wo er die Gemeinde erbaut, hier fließt die Quelle seines Evangeliums und — der Reformation: von hier aus sind erst die Formen und Formeln zu verstehen, die sich später in der Kirche ankrystallisirt haben. Wer Luther nur aus seinen polemischen Schriften und die lutherische Kirche überhaupt nur aus den compendiarischen Formeln der Dogmatiker kennt, der wird nie erfahren den göttlichen Trost, mit dem Luther getröstet war und mit dem er so unaussprechlich andere tröstete. Es ist hier ebenso, wie es anderwärts in der Kirche und außer der Kirche der Fall ist. Wer z. B. nie den Chrysostomus oder eine Homilie der grie⸗