# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1863_S20 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 20 Luther als Prediger. In mehr als einer Hinsicht ist es von Bedeutung, denjenigen Mann, von dem die deutsche Reformation ausgegangen ist, als Prediger der Gegenwart wieder vor die Augen zu stellen. Wer solchen Einfluß geübt durch sein Bekenntniß, wie Luther, und namentlich durch seine Predigten so tief eingegriffen und eine so große Epoche in der Kirche bis auf unsere Tage hervorzurufen im Stande gewesen ist, der ist es wohl werth, daß er auch in Hinsicht auf seine Predigten immer wieder von Neuem näher betrachtet wird. Und gerade heut zu Tage scheint das wichtig zu sein, wo es fast zur Gewohnheit werden will, über die Ungenügsamkeit und Unwirksamkeit unserer Predigten zu klagen und auf neue Mittel in Betreff der Predigten und der kirchlichen Thätigkeit überhaupt zu sinnen. Das aber ist gewiß, daß, wenn die Predigt es nicht mehr thut, wenn sie nicht mehr die Gemeinde zieht und hebt, wenn sie nicht ein Neues mitten in dem großen Verfall hervorbringt, es überhaupt mit dem gesunden Leben der Kirche aus ist. Die Predigt hat die Verheißung vom Herrn empfangen, Sein Reich zu bauen; alles andere ist nur entweder Palliativ und Surrogat oder aber nur möglich und heilsam, wenn die rechte Predigt dabei ist. Wo die Predigt unwirksam ist, da ist die Hauptader der Kirche unterbunden; das etwa ohne sie vorhandene kirchliche Leben ist schwach und allezeit im Sterben begriffen. Die Predigt allein baut und hält alles frisch und gesund. Ein Blick auf Länder und Kirchen, wo die Kanzel zur Nebensache oder zum „Plauderkasten“ geworden ist, genügt, um die Sache zu beweisen. Selbst weder die gedruckte Bibel, noch das Sacrament werden den Schaden gut machen. Guter Wille und Gaben, recht zu predigen, sind heut zu Tage aller Orten wieder da — und doch wirft einer nach dem andern die Frage auf: wie muß die christliche Predigt beschaffen sein, wenn sie populär sein und wirken soll? Und wie verschieden lauten die Antworten! Welche wunderbare Vorschläge werden gemacht, welche Rathschläge gegeben! Wir wollen einmal statt aller gutgemeinten Winke den Mann uns vor Augen stellen, der gepredigt hat zu seiner Zeit wie keiner, dessen Predigten auch heut noch gelesen werden und in Kraft stehen wie sonst keine. Besonders wichtig ist es aber in unsern Tagen, diesen Tagen des Kampfes und Mißverständnisses in Bezug auf das, was Luther gepredigt hat, sich wieder klar und der alten Kirchenwahrheit recht bewußt zu werden. Luther ist nicht der Mann der Formeln und Abstractionen, die manche heut zu Tage für das Wesen der lutherischen Kirche halten: in ihm und besonders in seinen Predigten lebt nichts als das volle ursprüngliche Evangelium. Die Gewißheit der Kindschaft Gottes ist bei ihm alles; diese Gewißheit und die daraus fließende Freudigkeit ist die unerschöpfliche Quelle seines Predigens und Erinnerns. Das predigt er — nach den Kämpfen, die er durchgemacht — immer von neuem, als wollte und müßte er nur das Eine verkündigen; alles andere ist untergeordnet und Nebensache. Die alte lutherische Predigt aber ist leider ihrem Inhalte nach unter uns viel mehr verschwunden als man denken sollte bei der so laut auftretenden orthodoxen