# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1863_S2 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 2 Vorwort. hierauf denselben Gegensatz. Es entstand das Heidenthum, welches in der Creatur, in den Dingen des Diesseits das Ziel seiner höchsten Wünsche so gar suchte, daß es die Creatur selbst zu seinen Göttern und somit zu seinem höchsten Gut und zu seiner letzten Zuflucht erhob, während die an Gottes Offenbarungen festhaltende Kirche mit Abraham als eine Pilgerin im Erdenthale auf eine Stadt wartete, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist, und das verheißene himmlische Vaterland suchte. Als endlich der in der Welt erschien, den die Propheten als „aller Heiden Trost“ verheißen hatten, da erwartete der in irdische Hoffnungen versunkene Jude nach dem Fleisch aus dem Munde des vor Allen ihm Verheißenen nichts anderes zu hören, als die Ankündigung eines nun anbrechenden goldenen Zeitalters vollkommenen irdischen Glücks. Als aber Er, die endlich in der Welt erschienene Hoffnung der Völker, den Mund öffnete, da erscholl die Verkündigung: „Selig sind die geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr!“ Man hatte das Wort erwartet: „Selig seid ihr, denn ihr sollt nun reich werden!“ Anstatt dessen aber müssen sie das Gegentheil hören: Selig sind, sie mögen nun äußerlich reich oder arm an irdischen Gütern sein, deren Geist, deren Herz daran arm ist; die da haben, als hätten sie nicht, und die, wenn sie nichts haben, sich für Solche achten, die alles haben. (Matth. 5, 3. vgl. Luc. 6, 20. 1 Cor. 7, 29. 2 Cor. 6, 10.) Obgleich nun aber das Christenthum dem Humanismus e diametro entgegensteht, so finden wir doch diese Lebensansicht nicht nur durch alle Jahrhunderte von unzähligen Namen⸗Christen immer praktisch anerkannt und verwirklicht, sondern es treten uns auch in der Geschichte der christlichen Kirche ganze Secten entgegen, welche den consequentesten Humanismus als die allein richtige Anschauung theoretisch festgestellt und frei und öffentlich bekannt haben. Am crassesten tritt derselbe im vierzehnten Jahrhundert in einigen Gattungen der „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ hervor, nehmlich in den Turlupinen, Adamiten, und Luciferianern, welche ihre gemeinsame Theorie: „Alles, was in Liebe geschieht, ist rein, denn der Geist, der als Gott in uns waltet, kann nicht sündigen; auch irdische Lust kann dem Geist nichts anhaben, sie erlöset vielmehr durch Auflösung der Ehe und des Eigenthums das Gefühl der Unreinheit aus der künstlichen Spaltung,“ *) auf die gröbste Weise praktisch durchführten. Kein anderer Geist war es denn auch, der sich zur Zeit der Reformation in den schwäbischen und thüringischen Bauern unter Thomas Münzer, in den münsterischen Wiedertäufern unter Jan von Leiden und in den Libertinern in der Schweiz kund gab; es war kein anderer, als der Geist — des Humanismus, der dem alten Adam den Himmel auf Erden gründen, jedes Kreuz und jede Bürde *) Offenbar haben diese Brüder und Schwestern des freien Geistes unserem „jungen Deutschland“ mit seiner Rehabilitation des Fleisches, freien Liebe und seinem Communismus den Ruhm bereits längst geraubt, etwas Neues auf die Bahn gebracht und unserem Jahrhundert die Signatur des Zeitalters der Mündigkeit aufgedrückt zu haben.