# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 01 11_S37 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 11. Januar 1845. No. 10. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. Lebensgeschichte Dr. Luthers. (Fortsetzung.) Um diese Zeit (1516) kam der Ablaßkrämer Tezel (ein geborener Leipziger) auch in die Nähe von Wittenberg. Der damalige Pabst Leo der Zehnte hatte nehmlich, weil er zum Fortbau der prachtvollen Peterskirche in Rom viel Geld brauchte, einen allgemeinen Ablaß ausgeschrieben und insonderheit dem Churfürsten Albrecht von Mainz, der zugleich ein Erzbischof war, es übertragen, diesen Ablaß in Deutschland predigen zu lassen, zu welchem Geschäfte dieser den Tezel erwählte. Es war dies ein unverschämter Mensch, der schon einmal um Ehebruchs willen vom Kaiser Maximilian zu Inspruck in einem Sacke hatte ersäuft werden sollen. Je unverschämter er aber war, desto besser schien er dem genannten Erzbischof zu einem Ablaßprediger sich zu eignen. Er erfüllte auch seinen Auftrag mit dem größten Eifer, richtete allenthalben, wohin er kam, ein Ablaßkreuz mit dem Wappen des Pabstes auf und erklärte dem Volke, daß dasselbe ebensoviel vermöge, wie das Kreuz Christi; es tilge auch die größte Sünde, selbst die einer noch zu thun Willens sei; sobald das Geld im Kasten klinge, fahre die Seele vom Mund auf in den Himmel. Nach seiner Taxe kostete Zauberei 2, Vielweiberei 6, Mord 8, Kirchenraub und Meineid 9 Ducaten. Mit Entsetzen brachte Luther die erschrecklichen Folgen solcher Predigt im Beichtstuhl in Erfahrung. Die Zahl seiner Beichtkinder minderte sich immer mehr, und die, welche ja noch zu ihm kamen, beriefen sich auf den erhaltenen Ablaß und wollten von einer andern Buße nichts wissen. Luther fing nun, wie er selbst sagt, an, säuberlich davon zu predigen; man könne wohl Besseres thun, das gewisser wäre, denn Ablaßlösen. Er focht also damals noch nicht den Ablaß selbst sondern nur die übertriebene Anpreisung desselben an und hatte sogar dabei nichts anders im Sinn, als das Ansehen des Pabstes zu retten, welches er noch hoch hielt. Er meinte, dies alles geschehe wider des Pabstes Willen, der nur das Heil der Seelen damit suche. Tezel aber und sein Anhang schrien Luthern nun sogleich für einen Erzketzer aus. Dieses drang daher Luthern, fünf und neunzig Sätze wider die Ablaßmißbräuche auszuarbeiten, die er am 31. October 1517 an die Schloßkirche zu Wittenberg öffentlich anschlug, mit der Aufforderung an nah und fern, daß jeder, der da wolle oder könne, mündlich oder schriftlich seine Einwürfe dawider vorbringen solle. Der erste dieser Sätze war: „Da unser HErr und Meister JEsus Christus spricht: Thut Buße ꝛc., will er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine stete und unaufhörliche Buße soll sein.“ (Siehe „Lutheraner“ No. 5. Seite 4.) Luther selbst ahnte nicht, welchen wichtigen Schritt er mit Veröffentlichung dieser Sätze gethan hatte und daß dieselben der Anfang zu einer Reformation der Kirche sein würden. Er hatte nehmlich darinn den päbstlichen Ablaß selbst noch gar nicht, sondern allein die gröbsten Ablaßmißbräuche angegriffen, und sich dabei dem Urtheil der Kirche unterworfen. Ohne daß es aber Luther damals wußte, hatte er darinn schon das Herz des Pabstthums angegriffen, indem er darinn behauptet hatte, daß der Mensch „aller Güter Christi und der Kirche aus Gottes Geschenk auch ohne Ablaßbriefe theilhaftig werde,“ daß also der Glaube allein vor Gott gerecht und selig mache. Das war die Lehre, nach welcher schon längst viele tausend geängstete und von Zweifeln gemarterte Herzen geseufzt hatten. Daher kam es, daß Luthers Sätze in 14 Tagen ganz Deutschland durchliefen und nach vier bis sechs Wochen in ganz Europa begierig gelesen wurden; ja, nach vier Jahren kaufte sie ein Reisender in Jerusalem. Der Pabst hatte erst die ganze Sache verachtet und gemeint, der Streit, der dadurch angeregt war, werde sich bald wieder von selbst legen; als er aber sah, daß dadurch für sein Ansehen immer gefährlichere Bewegungen entstanden, ließ er Luthern im Juli 1518 citiren, sich innerhalb sechzig Tagen persönlich in Rom zu stellen. Der Churfürst Friedrich der Weise von Sachsen wirkte es jedoch aus, daß Luther in Deutschland verhört werden sollte, und zwar in Augsburg, wo eben Reichstag war, durch den Cardinal Cajetanus, welcher ihm im Namen der Kirche zu schweigen gebot. Von diesem Verhör schreibt Luther unter andern: „Da ich den Namen der Kirche hörte, erschrak ich und erbot mich zu weichen, sagte auch dem Cardinal zu, ich wollte hinfort schweigen, bat ihn doch daneben, daß er auch meinen Widersachern geböte, mit ihrem Geschrei inne und stille zu halten: aber er schlug mir solches nicht allein ab, sondern dräuete mir, wo ich nicht widerrufen würde, wollte er alles, was ich gelehrt hätte, verdammen. Nun hatte ich bereits den Katechismum gelehrt, daß sich viele Leute gebessert hatten, wußte derhalben wohl, daß mir nicht zu leiden wäre, daß er sollte verdammt werden, ich wollte denn Christum verleugnen. Also ward ich gezwungen, daß ich die äußerste Noth versuchen und erwarten mußte.“ Da nun Luthers Freunde von dem Cardinal böse Anschläge fürchteten, so riethen sie ihm, Augsburg in aller Stille zu verlassen, nachdem der Cardinal erklärt hatte: „Ich mag mit dieser Bestie nicht mehr disputiren, denn er hat tiefe Augen und wunderliche Gedanken gehen ihm durch den Kopf.“ Luther nahm daher den Rath seiner Freunde an, verließ Augsburg bei Nacht und kam am 31. October wohlbehalten wieder in Wittenberg an. Obgleich nun der Cardinal (voll Zorn über sein vergebliches Unternehmen, Luthern zum Widerruf zu bewegen) dem Churfürsten schrieb, er solle Luthern wenigstens aus Sachsen verjagen, so riethen dem Churfürsten doch andere das Gegentheil. Namentlich schrieb ihm der vortreffliche Bischof zu Würzburg: „Eure Liebe wolle ja den frommen Dr. Martin nicht wegziehen lassen, denn es geschieht ihm Unrecht.“ Ja, selbst der Kaiser Maximilian ließ dem Churfürsten sagen: Er solle den Mönch fleißig bewahren, es möchte sich zutragen, daß man seiner bedürfte. So fest und unerschütterlich im Bekenntniß der erkannten Wahrheit sich Luther bei diesen Verhandlungen zeigte, so darf man jedoch nicht meinen, daß er dabei von einem fleischlichen Muth beseelt gewesen sei; er erzitterte noch immer vor dem Gedanken, sich wider „die heilige römische Kirche“ zu setzen; nur das Eine konnte er sich nicht nehmen lassen, bei dem zu verharren, was er unter großen schweren Kämpfen klar und unwidersprechlich aus Gottes Wort erkannt hatte. Er schreibt daher: „Wer war ich elender und verachteter Bruder, mehr einer Leiche, denn einem Menschen gleich, der sich sollte wider des Pabstes Majestät setzen, für welcher nicht allein die Könige auf Erden und der ganze Erdboden, sondern auch der Himmel und die Hölle, daß ich so rede, sich entsetzten und allein nach seinem Winken sich mußten richten! Was mein Herz dasselbe erste und andere Jahr ausgestanden und erlitten habe, und in waserlei Demuth, die nicht falscher, sondern