# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1862_S369 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche? 369 erhalten wird, so ist eben Gottes Wort das Ein und Alles für die Kirche. Wo sie dasselbe rein und lauter predigt, da muß auch rechtes Glaubensleben geweckt werden: wo sie, ihres Berufs vergessend, dasselbe fälscht oder verschweigt, da werden die Leute in ihrer Sünde und Verdammniß bleiben und nur in die Fesseln des Aberglaubens geschlagen. Wer darum das wahre Verhältniß von Lehre und Leben verkehrt, wer unter dem Schein, das Leben zu haben, die Lehre verachtet oder für etwas untergeordnetes und den Irrthum für gleichgiltig erklärt, der streitet in Wahrheit auch gegen das Leben: denn wo soll doch das Leben herkommen, wenn die reine Lehre weg ist, wo soll der rechte Glaube mit seinen Früchten herkommen, wenn man das einige Evangelium, außer welchem es doch kein anderes gibt, verloren hat, wenn man die lebenzeugende Wahrheit von ihrem himmlischen Thron gestürzt und sie auf gleiche Stufe mit der seelenverderbenden Lüge gestellt hat? Gott der Herr hat nun einmal gewollt, daß das Wort das Mittel sein soll, durch welches der Welt seine Gnade in Christo mitgetheilt wird. Sie ist für keinen Sterblichen erreichbar ohne das Wort. Dem Wort seine Ehre nehmen heißt darum dem Herrn Christo das Scepter aus der Hand reißen, mit dem er in seiner Kirche gnadenreich waltet, heißt den armen Sündern den einzigen Weg abschneiden, auf dem sie der Verdammniß entrinnen und zur ewigen Seligkeit gelangen können. Der Herr Christus thront zu hoch und unsere Seligkeit ist uns zu theuer, als daß alles alte und neue Angehn gegen die himmlische Würde der reinen Lehre einen andern Eindruck auf uns machen könnte als den des Mitleids mit denen, die es wagen, sich wider ihren Herrn und Schöpfer zu setzen. Und was heißt doch das Leben über die Lehre stellen anders, als das Werk Gottes im Menschen und durch den Menschen, was doch das Leben ist, höher und wichtiger halten, als das Werk Gottes für den Menschen, das durch Christum geschehen ist und eben allein durch das Wort dem Menschen zugeeignet wird? Wäre dies aber wirklich der Fall, so wäre ja nicht Gottes Werk in Christo die Hauptsache mehr, sondern das, was, wenn auch in Folge des Werkes Christi, durch Gottes Wirkung in uns und durch uns zu Stande kommt, was also nicht mehr einig und allein Gottes Werk ist, sondern auch mit unser, der heiligen Leute, Werk. Heißt das nicht Christo die Ehre nehmen, die ihm allein gebührt, und sie dem Menschen geben? Heißt das nicht dem Sohne Gottes die Krone vom Haupte nehmen und sie dem Sünder aufsetzen? Und ist das nicht schändlicher Undank gegen den werthen Heiland, frevlerische Hoffahrt einer gefallenen Creatur? Wird euch endlich offenbar, ihr lutherischen Christen, aus welchem Geiste diese Verachtung der reinen Lehre eigentlich herkommt? Daß diese Meinung nicht aus dem Geiste ist, der in der Schrift zu uns redet, aus dem Geiste, der die Kirche baut, das hat auch die Erfahrung schon deutlich genug gezeigt. Im Gegensatz gegen die Reformation hat der Theil der alten abendländischen Kirche, der die Irrthümer des Papstthums festgehalten und das lautere Evangelium verworfen hat, auf dem Tridentiner