# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1862_S368 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 368 Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche? spricht seinen Fluch aus über die pharisäischen Irrlehrer, ermahnt aber die Seinen zum Bleiben an seiner Lehre, ja sagt ausdrücklich, daß man nur daran seine Jünger erkennen solle. Darum ermahnt auch St. Paulus die Korinther, daß sie allzumal einerlei Rede führen und nicht Spaltungen (in der Lehre) unter sich sein lassen, sondern fest an einander halten sollen in Einem Sinn und in einerlei Meinung. Nach diesen Aussprüchen des Herrn und seines Apostels ist es also Lehre der heiligen Schrift, daß die Kirche keine andere Aufgabe, kein anderes Amt auf Erden hat, als das Evangelium zu predigen, und daß sie demnach ihr Hauptstreben darauf richten muß, daß sie dasselbe rein und unverfälscht bewahre: da es aber nur Ein Evangelium gibt, so müssen auch die, welche an dasselbe durch Gottes Gnade glauben, nothwendig Eines Sinnes und einerlei Meinung sein, woraus erhellt, daß allerdings reine Lehre eint und nur der Irrthum trennt, trotz der gegentheiligen Behauptung von Dr. Kahnis. Aus dem allem aber ergibt sich, daß Luther und seine Reformation in diesem Stücke durchaus mit der Schrift übereinstimmt, und daß also der Widerspruch gegen die Lehre Luthers in diesem Stücke ein Widerspruch gegen das Wort Gottes selbst ist. Damit soll aber die Bedeutung des Lebens für das Bestehen und Heil der Kirche keineswegs geleugnet, wohl aber demselben seine rechte Stellung der Lehre gegenüber angewiesen werden. Denn so gewiß es ist, daß die Kirche auf Erden kein anderes Amt hat, als das reine Evangelium zu predigen: so gewiß ist auch, daß jeder Mensch, der selig werden will, dasselbe im Glauben annehmen soll, welcher Glaube dann zugleich der Anfang des neuen Lebens ist und sich in der Liebe zu Gott und den Brüdern bethätigt. Wie die Aufgabe der Kirche ist, durch das reine Evangelium die Welt selig zu machen, und darum auch über die Reinheit ihrer Lehre zu wachen, so ist es für den einzelnen Christen, wenn er selig werden will, das Wichtigste und Nöthigste, daß er das ihm gepredigte Evangelium im Glauben annimmt und im Glauben behält, woraus von selbst folgt, daß er dann auch in der Liebe wandelt. Daraus ergibt sich die rechte Scheidung zwischen der Bedeutung der Lehre und der Bedeutung des Lebens: für die Kirche ist die Lehre, für die einzelnen Christen Glauben und Leben die Hauptsache. Die Kirche hat zu geben, was sie empfangen hat, und wie sie es empfangen hat, und das thut sie durch die lautere Predigt des Evangeliums: der einzelne Christ hat anzunehmen, was ihm nach dem Befehl Christi aus seinem Schatze die Kirche darreicht und gibt, und das thut er durch den Glauben an das Evangelium und die Bethätigung desselben in der Liebe. Wohl hat jeder Christ den Beruf, das Evangelium zu predigen, aber eben nur als Glied der Kirche, als Mitinhaber des Amts, das der Herr der gesammten Kirche anvertraut hat: als Einzelner aber, an dem die Kirche ihr Amt auszurichten hat, hat er nichts zu thun, als durch den Glauben an das Evangelium, das ihm die Kirche predigt, selig zu werden. Aber eben darum, weil das Glaubensleben des Einzelnen nur durch Gottes Wort vermittelt ist, weil es durch Gottes Wort geschaffen und