# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1862_S367 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche? 367 für die Kirche gewesen, da ja in der That vielfache Zerrissenheit der sichtbaren Kirche auf die Reformation gefolgt ist. Darum ist unwidersprechlich mit der Erhebung des Lebens über die Lehre, wie sie sich in obigen Erklärungen von Dr. Kahnis findet, das Verwerfungsurtheil über die deutsche Reformation und die daraus geschichtlich hervorgegangene lutherische Kirche gefällt. Werden solche Sätze, wie sie oben aus der Schrift von Dr. Kahnis angeführt sind, von Papisten und Schwärmern in die Welt hinausgeschrieben, so ist das traurig genug. Daß aber ein Glied unserer lutherischen Kirche, ein gelehrter Professor der Theologie, der wohl weiß, was er sagt, und die Tragweite seiner Aufstellungen und Ausdrücke zu bemessen versteht, ja daß ein Mann, der für einen entschiedenen Lutheraner angesehn wird, sich so in bewußten Gegensatz gegen die Reformation und die Kirche, der er zu dienen sich verpflichtet hat*) stellen kann, und statt die Mauern Jerusalem's bauen zu helfen, sich unter die Feinde mischt und Sturm läuft gegen die Stadt Gottes: das ist ein gräuliches Zeichen der Zeit. Doch soll auch ein Leipziger „spezifisch⸗lutherischer“ Professor uns nicht irre machen an der lutherischen Reformation und dem theueren Bekenntniß unserer Kirche. Denn wir wissen, daß solche Aufstellungen auch mit klaren Aussprüchen des Wortes Gottes im Widerspruch stehen. Nach dem Befehl des Herrn: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes,“ ist die ganze Aufgabe der Kirche auf Erden die Predigt des Evangeliums, welche die Verwaltung der Sacramente in sich mitbefaßt. Das Evangelium aber ist nicht in dem Sinne ihr Eigenthum, daß sie dasselbe ändern oder verkürzen dürfte, sondern es ist ein ihr von ihrem himmlischen Herrn und Meister anvertrautes Gut, daß sie so vollkommen an die Menschen austheilen soll, unverkürzt und unverfälscht, als sie es selbst empfangen hat. Denn jede Verkürzung oder Fälschung des himmlischen Gutes ist einestheils eine Verachtung und Lästerung der göttlichen Majestät dessen, der es gegeben hat und so, wie er es gegeben hat, gepredigt haben will, anderntheils aber auch ein Hinderniß, das der freien Mittheilung der Gnade Gottes in Christo in den Weg geworfen wird, ein Raub an der Menschheit, die eben nur durch das reine Evangelium gerechtfertigt und selig werden kann. Wer darum die Leute etwas anderes lehret, als dies Evangelium, der macht sich der allerschwersten Sünde gegen Gott und Menschen schuldig: eben weil er, so viel an ihm ist, das größte und glorreichste Werk des lebendigen Gottes, die Erlösung der Menschheit, vernichtet und die Menschen um das durch das Blut des Sohnes Gottes erworbene Gut bringt. Daher spricht St. Paulus das ernste Wort aus, Gal. 1, 8.: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht.“ Und der Herr selbst warnt seine Jünger vor dem Sauerteig der falschen Lehre und *) Den bewußten Gegensatz zeigt klar und deutlich der zweite der beiden obenangeführten Säße aus der Schrift von Dr. Kahnis. D. E.