# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1862_S365 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ist die Lehre oder das Leben wichtiger für das Bestehen und Heil der Kirche? 365 ihres Glaubens zu halten bekennen, und nicht blos von den Anhängern der Union wird jener Wahn für die rechte Erleuchtung des heiligen Geistes gehalten, sondern er hat sogar in das Lager der lutherischen Kirche, ja in die Reihen derjenigen, die als Streiter für rechtes Lutherthum vor der Welt dastehn, Eingang gefunden. Daraus ist ersichtlich, daß dieser Wahn eine von den geistlichen Seuchen unserer Zeit ist, vor welcher die Christen nicht genug auf ihrer Hut sein können. Und es scheint darum eine unerläßliche Pflicht der Liebe zu sein, immer wieder die Gefahr zu zeigen und vor derselben zu warnen, immer wieder jenen Wahn der Zeit in seiner Sündlichkeit und Thorheit bloszustellen, damit sein Zauber schwinde und die Seelen der Erlösten davon frei werden. In der neuesten Zeit ist hinsichtlich der vorliegenden Frage die Erklärung eines lutherischen Professors in Leipzig auffallend, des Dr. Kahnis, die sich in einer kürzlich erschienenen Schrift desselben findet, welche den Titel trägt: „Zeugniß von den Grundwahrheiten des Protestantismus gegen Dr. Hengstenberg.“ Er sagt darin unter anderm, daß der lutherische Glaube nur dann eine Zukunft haben könne, „wenn er die Wahrheit der Union in sich aufnimmt, nämlich erstlich die Grundüberzeugung, daß das Christenthum seinem innersten Wesen nach Leben sei, Gemeinschaft der Einzelnen mit Gott, zweitens ein Herz für die gesammte Christenheit, einen katholischen Sinn, und drittens ein lebendiges Streben, immer mehr hinanzukommen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntniß des Sohnes Gottes.“ Ferner sagt er: „Im sechszehnten Jahrhundert war das Bewußtsein, daß es die Lehre sei, auf der alles ruhe, noch sehr stark. Allein in dieser Zeit erkannte man auch, wie groß die Gefahr sei, alles auf die reine Lehre zu stellen. Jede Lehrcontroverse hob immer die Kirche aus den Angeln. Jede bedeutende theologische Frage stellte sogleich die ganze Kirche in Frage.... Die reine Lehre, wenn sie in dieser Weise zum alleinigen Einheitspunkte gemacht wird, eint nicht, sondern trennt.“ Wenn man diese Worte liest, so muß man sich zunächst darüber wundern, wie bei den deutschen Gelehrten das logische Denken außer Brauch kommt. Denn der Leipziger Professor sagt, Christenthum sei Leben, nämlich christliches Leben, da doch Christenthum nach dem allgemein giltigen Sprachgebrauch nur die christliche Lehre, nur das, was Christus und die christliche Kirche als Inhalt des Glaubens und Aufgabe des Lebens aussagt, bezeichnen kann. Christenthum ist nichts anders als christliche Religion, wie Heidenthum und Judenthum nichts anders ist als heidnische oder jüdische Religion. Religion aber bezeichnet an und für sich nur das objective System der Gedanken von Glauben und Handeln, das die Wurzel des subjectiven Lebens der einzelnen Bekenner in solchem Glauben und Handeln ist und dasselbe trägt. Christenthum und christliches Leben unterscheiden sich darum wie Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst, Lehre und Ausübung, die allerdings beisammen sein sollen, wo es recht hergeht, deren Verwechslung aber ein sonderbarer logischer Fehler ist. Wie z. B. Platonismus oder Rationalismus, so bezeichnet auch